Sonntag, 2. April 2017

Transkription der Handschrift Aa 298 – eine Sneak Preview

von Dorothee Nau und Jan Schäfer

Die Handschrift Sig. Aa 298 der Sammlung Palais Liechtenstein Archiv wurde 2015 von Florian Fortner und Julian Schrattenecker mit freundlicher Unterstützung des Palais Liechtenstein Archiv digitalisiert.


Thomas Winkelbauer, der diese Handschrift 1999 erstmalig in seinem Buch „Fürst und Fürstendiener. Gundaker von Liechtenstein. Ein Österreichischer Aristokrat des konfessionellen Zeitalters“ erwähnt, schreibt über sie: ein Heft mit eh. Notizen, die Gundaker im Oktober 1616 in Prag aus einem Buch des Don Luis Pacheco de Narváez exzerpierte (höchstwahrscheinlich aus dessen im Jahr 1600 in Madrid erschienenem "Libro de las grandezas de la espada".1



Diese Aussage entspricht nach dem heutigen Stand unserer Transkriptionsarbeiten auch unseren ersten Einschätzungen. Es handelt sich bei der Handschrift um eine ihrem Charakter nach eher sporadisch geordnete Blattsammlung von Exzerpten und Notizen in deutscher, italienischer und lateinischer Sprache mit spanischer und italienischer Fechtfachsprache. Oft referiert der Autor bei seinen Exzerpten scheinbar direkt auf Seiten und Abbildungen aus dem Buch von Naerváez, wie zum Beispiel seine Bemerkung „39. und 40 figuren der postura.“, die direkt auf die Seiten 39 und 40 im Buch von Naervéz verweisen. Eine endgültige Klärung der Vorlage steht hier aber noch aus. Genau so muss noch zu klären sein, ob ausschließlich Naerváez in der Handschrift Aa 298 vertreten ist oder nicht auch die Texte anderer spanischer oder italienischer Autoren Niederschlag fanden.

Wir transkribieren die Handschrift nach den Marburger Transkriptionsrichtlinien.2 In unserer Transkription haben wir derzeit ausschließlich die deutschen Texte übertragen. Die italienischen Texte werden wir später nur da in unsere Transkription einfügen, wo sie direkt in deutsche Texte einfließen bzw. Einfluss auf deren Sinn nehmen.
Der Text ist vom Autor Gundaker von Liechtenstein teilweise zweispaltig angelegt und vielfach mit Randnotizen und Einfügungen versehen worden. Wo es uns sinnhaft erschien, haben wir versucht, auf den einzelnen Seiten Zuordnungen zwischen Einfügungen und zugehörigen Texten vorzunehmen, wo diese (offensichtlich) zusammengehören (sollen). Bemerkenswert ist weiterhin, dass die Notizen mit mindestens zwei unterschiedlichen Stiften geschrieben wurden. Eine Vermutung hierzu wäre, dass der Text nachträglich (vom Autoren?) ergänzt wurde.

Eine erste Version der Transkription ist als Arbeitsstand fertiggestellt. Einen Ausschnitt dessen möchten wir hier vorstellen: die ersten beiden Seiten (im Digitalisat PDF-Paginierung Seite 5 und 6). Alle Fußnoten am Ende des Textes.

Der Text
2da parte.1

C: un longo,2

Pie.3

f37. Die fües beisamen in guter proportion
den rechten mit dem zeh gegen den feind.
Den linkena aversato4 37b nicht zu nahend beisamen.
in angulo moderato5 42b.
Diese proportion der füs soll in allen ac-
tionen gehalten werden f:37b.
Idem6 zu observiren7 wen man den linken
fus hivor setzt f 37b.
Der rechte fues ist der erste im vortgehen, der
linke der erste im weichen, in einem volgt
der linkec in deme der rechte. 38b. al-
zeit wider in die obgemelte distanz
die fües setzend. Der erste fues soll
alzeit forn sein, ausser wenn man mit
dem linken verwundet. 38b.
39. und 40 figuren der postura.

Corpo.8

Den leib gerad halten. Damit der profilo
gerad sei (welches eines von den funda=
menten ist des fechtens.)

Bracio.9

Den arm unnd die wehr 22b.d gerad. 1° Damit du deine bewegung
mit weniger mue und freier acudir10
1° me[h]r stark im arm, 2.° den feind pesser zu
erlangen, 3.° sich versichern vor der wehr unden im el-
bogen.

Corpo.

Profilato11 (.)e die seiten jegenf die brust undg nicht gerad gegen des feindes wehr.
1.° weil man den feind nicht so wol erreichen kan, 2°
weil man des feindes bewegung nicht so behend verhindern
kan, alzeit in profilo gegen den feind gehen wennh
der linke fus vorn sein mus, alßdan auch sein
die linke seiten vorn[?] in profilo. 43b. es wäre

[Seite 6]

dan? in etlichen stücken 43b.

Bracio. Spada,12

In rect[-]angulo13 soll man mit der wehr
bleiben, weder uber sich noch unter sich
weder auf die rechte noch linke hand
feriren14, den es erlengert die lini, wie
f:45 b: 46 und figure 39 zeigt.
Man soll nie die wehr von der lini
oder punto des armirens15 (welches die
brust ist) wek thun. 46. den die lini wirdt
verlengert.

N Tretas16, die man macht in B.C.D.E.F.G.H.I.
46b bis 48.

Bracio

wenn man den arm recht helt, so kan man
avitiren?17
Ricorres18 in die bewegung contrarias19, verhindernd
die stich und zugleich verwundend, und die
streich ingleich mit reversen20 und cavate21
uberwinden ohne riporo22, nur mit verwunden
einmal im anfang des movimento vio-
lento23 und das ander mal im vollenden des
natural movimento24 allein mit dem das die
fues supleriren25, mit den schritten auf
die seitten der circumferenz26, dem so da
manglt, sich in proportion zu bringen, wie
angedeut werden solle. 48b

Spada,

Die wehr festi halten ut27 f:49. Der tacta28 wird also
gewisser und bekannter, ein sehr vornemer

NB Nunct29 zur defension und offension der daher kommtj pesser [...] kendtlich und ...k tatto30 49b.l
wie absonderlich gelehrt wirdt.

Anmerkungen:
1) Winkelbauer, Thomas: Fürst und Fürstendiener. Gundaker von Liechtenstein. Ein Österreichischer Aristokrat des konfessionellen Zeitalters. Wien/ München 1999. (Seite 453 Fußnote 16)
Auch in Winkelbauer, Thomas: Gundaker von Liechtenstein als Grundherr in Niederösterreich und Mähren. Normative Quellen zur Verwaltung und Bewirtschaftung eines Herrschaftskomplexes und zur Reglementierung des Lebens der Untertanen durch einen adeligen Grundherrn sowie zur Organisation des Hofstaats und der Kanzlei eines „Neufürsten“ in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Wien 2008. (Seite 465 Fußnote 56)

Anmerkungen zur Transkription:
1) Ital.: zweiter Teil
2) bislang unklar
3) Ital.: Fuß, hier vermutlich im Sinne von Fußstellung
a) Entweder ein + - Zeichen mit unbekannter Bedeutung oder eine Einfügung (verblichenes q mit dem Text: esser pronto a for ogni movimento 72b
4) Lat.: gedreht.
b) Über der Zeile eingefügt "37"
5) Span. od. Ital.: moderater Winkel
6) Lat.: auch
7) beobachten
c) Über gestrichen: "rechte"
8) Ital.: Körper
9) Ital.: Arm (braccio)
d) Am linken Rand eingefügt: "unnd die wehr 22b."
10) Ital.: kümmern
11) Ital.: Profil; hier wahrscheinlich zu lesen als „im Profil stehend“
e) Bislang unbekanntes Zeichen
f) Über der Zeile eingefügt: "die Seiten jegen"
g) Über der Zeile eingefügt: "und"
h) Am linken Rand: "NB", nota bene
12) Ital.: Schwert
13) Span.: rechtwinkelig, im rechten Winkel
14) Port.: verletzen
15) Unklar. Mutmaßlich heißt es 'armiren'
16) Span.: Finten, Listen
17) Unklar. Mutmaßlich heißt es entweder avitiren (unklare Bedeutung) oder avisieren (Span.: avisieren)
18) Span.: zurücklaufen
19) Lat.: Gegenteil
20) Span.: Revers-Haue schlagen (vermutl.)
21) Ital.: Cavieren
22) Ital.: Ausruhen (vermutl.), im Sinne von: ohne Pause
23) Span.: erzwungene Bewegung, im Fechtsystem des Destreza jede aufwärts geführte Bewegung
24) Span.: natürliche Bewegung, im Fechtsystem des Destreza jede abwärts geführte Bewegung
25) Ital.: ergänzen
26) Span. od. Ital.: (Kreis)Umfang
i) Über der Zeile eingefügt: "fest"
27) Unklar. Mutmaßlich: 'ut'
28) Lat.: das Berühren
29) Lat.: jetzt.
j) Über der Zeile eingefügt: "der daher kombt"
k) Unter dieser und der untersten Zeile eingefügt:"pesser ... kendtlich und ... tatto". Die Zuordnung des Textes an diese Stelle ist nicht ganz eindeutig, ein Teil des Textes ist durch die Falz verborgen.
30) Ital.: berühren
l) Am linken Rand eingefügt: "c: salvator". Ein Hinweis auf Salvator Fabris?

Mittwoch, 8. März 2017

Tugend- und lasterhafte Studenten (1764)

von Jan Schäfer

Der „Tugend= und lasterhafte Studente poetisch und moralisch entworfen. Das Studentenleben in 30 Kupfern vorgestellet.“ (von Adam Wolfgang Winterschmidt, Frankfurt und Leipzig, 1764) [Digitalisat] präsentiert die verschiedenen Studentencharaktere einer Universität in 30 Kupferstichen und Gedichten. Dabei wird zuerst für jeden der 30 Charaktere die negative Charaktereigenschaft kritisiert und in Folge die Verbesserung vorgestellt. Der prahlende, der verzagte und der wilde, fluch- und raufende Student thematisieren das Fechten.

Aus den Texten lässt sich herauslesen, dass Angeberei („der Prahlende“) und Streitsucht („der Wilde, Fluch- und Raufende“) als moralisch verwerflich angesehen wurden; gleichfalls aber auch, dass es ebenfalls als moralische Schwäche verstanden wurde, sich nicht mit der Waffe im Duell oder anderen Konflikten zu verteidigen („der Verzagte“).

Die Texte:

"Der Prahlende.
[Kapitel] X.

Zehntausend in der Flucht! Zehntausend in der Erden!
Und so viel sollen noch von mir erleget werden,
Von meines Degens Spitz, von meinem Heldenstahl.
Schallt meine Stimme nicht als wie ein Donnerknall?
Wer kann vor meiner Faust, vor meinen Händen stehen?
Auf einen Wink von mir, muß selbst die Welt vergehen,
Paris, der Römer Reich, den Creis der Niederland,
Die Schweiz, die Alpen selbst, ganz Böhmen und Brabant,
Auch Mogols weites Reich, die Länder so am grösten
Laß ich wohl gar zur Lust mir noch in Butter rösten,
Und der verwegne Hund, so jüngst mein Kleid veracht
Als wäre es allhier, nicht in Paris gemacht,
An dem soll meine Rach sich nicht gesättigt schauen,
Biß daß er kleiner noch als Sonnenstaub gehauen.
Seht wie die Rache wüth, biß daß sie ihre Ehr
Durch Halsbruch, Mord, und Tod, stellt unverlezet her.
Pfuy Thraso unsrer Zeit! was soll dein Prahlen heißen?
Die Tapferkeit durch Wort und nicht durch Werk beweisen
Bringt wahrlich schlechte Ehr, dann solcher Helden Zahl,
Findt man gewiß genug hier, und auch überall.
Durch eines Degens Größ, und durch des Mundes Morden
Sind ihrer wenige annoch getödt worden.
Fort mit der Prahlerey! ein kluger musensohn
Fängt keine Händel an, lauft keinem Feind davon,
Rühmt seine Thaten nicht, und weiß also zu leben
Daß er durch Prahlerey wird keinen Anlaß geben
Daß man sich an ihm reibt, wie Prahlern oft geschieht,
Wo bey man sie dann kaum, wohl gar nicht ziehen sieht.
Die Hohenschulen sind zu dem wohl nicht erbauet
Daß man die Hälse bricht, ermordet und erhauet,
Doch wer kein Herze hat, stell auch das Prahlen ein,
Wann er nicht jedermann will zum Gelächter seyn.
Ein kluger Musensohn bleibt dannoch unvergessen
Ob ihm gleich Frankreich nicht die Kleider angemessen.
Wer nur mit Worten siegt, und schönen Kleidern prahlt,
Der wird mit allen Recht wie Midas abgemahlt.
Das Vatterland fragt nicht wie oft man sich geschmissen,
Und wo das Kleid gemacht; Nein, sondern es will wissen
Was man erlernet hat, und ob man seine Zeit
Gott, denen Tugenden, der Weißheit, hat geweiht.
Wer dieses hat gethan, der kann mit Freuden lachen,
Wann andre Prahler Wind zu Millionen machen.
Er denkt, prahlt wie ihr wollt, es ist mir einerley,
Ein Kluger merket doch was Wind und Wahrheit sey.

Der Verzagte.
[Kapitel] XIII.
Farousch das wilde Vieh, der ungerathne Range
Macht Herren Hasenherz gewaltig Angst und bange,
Er ziehet mirderfüllt, er spricht vom Hieb und Stoß
Und gehet voller Wuth auf seinen Gegner loß.
Der Gegner aber hat ein weibliches Gemüthe,
Er suchet in der Fucht so Sicherheit als Friede,
Entgeht des Feindes Grimm, und lauffet recht geschwind
Zu zeigen daß er sey ein feiges musenkind.
Auch dieses kann den Ruhm an einer muse kränken,
Und eine Gegenwehr wird man dem nicht verdenken
Der angegriffen wird. Ein rechter Musensohn,
Der keine Händel sucht, vermeidet auch den Hohn
Der Zagheit und der Furcht, beschüzet Leib und Leben,
Der aber welcher sich der Furchtsamkeit ergeben,
Wird aller Leute Spott, so daß fast insgemein
Ein jeder feiger Narr an ihm will Ritter seyn.
Zeigt sich die Tapferkeit durch abgedrungne Proben,
So wird auch selbst der Feind noch seinen Gegner loben.
Die Tapferkeit ist ja wie aller Welt bekannt
Mit denen Tugenden gewißlich nah verwannt.
Was baut des Menschen Glück? will man es recht erwägen
So ist es warlich nur die Feder, und der Degen.
Ein kluger Musensohn der beedes recht gebraucht
Wird so ein nuzbar Glied das fast zu allen taugt.
Er schüzt das Vatterland mit Worten und mit Thaten,
Und weiß im Kabinet so wie im Feld zu rathen.
Was stüzte biß anher so manches Vaterland?
Die Weißheit in dem Kopf, der Degen in der Hand.
Wann aber Unvernunft die Klinge wüthend wezet
Und um ein kahles Wort, den Stahl mit Blute nezet,
Da findt die Tapferkeit gewißlich keine Statt
Dieweil die Torheit nur den Muth gebohren hat.
Der ächten Tapferkeit untadelhaftes Wesen
Läst keine wilde Art an ihrer Stirne lesen.
Ein Helde von Gemüth, ein Helde von Geblüt,
Versucht bey seinem Feind zu allererst die Güt,
Erhält dann diese nichts, so wird er notgedrungen
Zur Deckung seines Leibs zur Gegenwehr gewzungen.
Indem er so verfährt, folgt er der Klugkeit nach,
So gar der Himmel selbst schüzt die gerechte Sach,
Und läst den Gegner leicht zu seinem Selbstverderben
In lauter Rach und Grimm, Gift, Gall, und Boßheit sterben.
Wer eine Degenspiz mit Ehren führen will
Der halte im Gebrauch vernünftig Maß und Ziel.

Der Wilde, Fluch- und Raufende.
[Kapitel] XIV.

Warum den Thee so spät? dich soll Bliz, Bley, und Eisen
So als wie meine Hand anjezt zu Boden schmeisen;
Ich schlage ich krumm und lahm, grün, blau und krüppelwund
Du Schaum der Scheußlichkeit, und dummer Aufwarthund.
So ruft der wilde Mensch, und schmeist der armen Käthe
In lauter Wuth und grimm beynah das Rückgeräde
Im vollen Zorn entzwey, und niemand traut sich nicht
Der mit dem Ungethüm von Frieden machen spricht,
Dann würde man sich diß bey ihme unterstehen,
So würde es gewiß gar an ein Rauffen gehen;
Er stünde in der That geschwinder als ein Bliz
Zum Rauffen schon bereit mit blanker Degenspiz.
O wilder Poltergeist! O Muster roher Sinnen!
Was lässet sich durch Gifft, Zorn, Wuth und Gram gewinnen?
Befördert man die Ehr dann nur durch Hieb und Stoß?
O nein! man giebet nur dadurch die Schwäche bloß
So unser Herz beherrscht, und unsre Brust bestricket
Daß man den besten Freund oft zu der Hölle schicket
Der nur nur ein einzig Wort aus unverdachten Muth
Zuweil entwischen läst: dann heist es alsbald Blut,
Blut fordert dieser Schimpf, und um die Schmach zu rächen
So muß ich dir den Hals, wo nicht, du mir zerbrechen.
Wer billigt dieses wohl? Wer siehet nicht hierbes
Daß dieses dummer Ruhm, und falsche Ehrfurchr sey?
Ein kluger Musensohn flieht Hader, Zwietracht, Streiten,
Ist jedem Menschen hold, und wünschet sich mit Freuden
Viellieber lauter Freund, als eines Feindes Grimm,
Wann dieser wüthend brüllt, kann der mit sanfter Stimm,
Mit Nachsicht, und Gedult, mehr als mit Grimm erzwingen,
Wann jener will für Wuth für Zorn und Grimm zerspringen,
Sieht dieser lächlend nur des Nächsten Schwachheit an,
Und wundert wie die Wuth doch den verstellen kan
Der einem Menschen gleicht, und wann die Menschheit fliehet
Noch wilder als ein Löw und als ein Tiger siehet.
O Tapfferkeit voll Schmach! O Ehre voller Schand!
Wann ein verfluchter Stahl, die racherfüllte Hand,
Durch den gelungnen Stoß die Seeligkeit verspielet,
Den angebrachten Stich, des Thäters Seele fiehlet,
Und die Gewissensangst als wie diß Feuer brennt
In welches mancher schon aus Tapferkeit getrennt.
O Pfuy der Tapferkeit! weg mit den Heldenthaten!
Ein solcher Renomist, ist nur ein Höllenbraten.
Komm edle Sanftmuth komm, dann wer sich dir ergiebt
Der bleibt bey Gott und Mensch, bey aller Welt beliebt."

Dienstag, 15. November 2016

Salvator Fabris und Conrad Ernst von Berlepsch - Ein Eintrag ins Stammbuch (Paris, 1609)

von Dorothee Nau und Jan Schäfer

Das Stammbuch, insbesondere das der frühen Neuzeit, ist „ein Buch, welches dazu bestimmt ist, daß Verwandte, Freunde u. Bekannte des Besitzers ihren Namen eigenhändig in dasselbe, gewöhnlich nebst einem Denkspruch, einer Zeichnung etc., als Erinnerungszeichen eintragen“. (1) Im Stammbuch des Conrad Ernst von Berlepsch (1588-1659) finden wir einen Denkspruch, eine Widmung und eine Zeichnung einer uns nur allzu bekannten Persönlichkeit wieder: Salvator Fabris. (2) Es handelt sich um einen kurzen Texteintrag sowie die Zeichnung eines voltigierenden Edelmannes. Datiert ist er auf Paris, den 20.08.1609.

Bildquelle: Stammbuch des Conrad Ernst von Berlepsch, S.279, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Signatur: Mscr.Dresd.App.2547. SLUB Dresden / Deutsche Fotothek.

Der Text:
„1609
Virtutte est Armis
in memoria di buona amecitia con il Sre Conrado a Berlips io Salvator Fabris scrisi in questo nella citta di Parisi adi 20 Agosto“
Übersetzt: 

"1609
Mit Tapferkeit und mit Waffen
In Erinnerung an die gute Freundschaft mit Conrad von Berlepsch habe ich, Salvatore Fabris, in dieses in der Stadt Paris geschrieben, 20. August" (3)


Bildquelle: Stammbuch des Conrad Ernst von Berlepsch, S.280, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Signatur: Mscr.Dresd.App.2547. SLUB Dresden / Deutsche Fotothek.

Die Zeichnung auf der gegenüberliegenden Seite ist angehäuft mit Hinweisen auf ritterliche Exercitien: Ein Mann voltigiert auf einem hölzernen Pferd, das höhenverstellbar ist (Voltigieren), an der Wand rechts ein Paar Rapiere mit Dolchen (Fechten), mittig und links eine Wandhalterung für Fahne (Fahne schwingen), einem Stab und einem aufgehängtes Seil, ganz links ein Holzbrett oder eine Tischplatte.

Exkurs: Dass Fabris in Paris war, erfahren wir auch aus dem Fechtbuch des Joachim Köppe:

„Diese will ich gebeten haben / sie wollen dieses mein Buch gegen des Salvators oder anderer Bucher legen / so wird sich leicht befinden / ob ich diß mein Buch proprio judicio und auß eigener Kunst gemachet und verfertiget / oder aber / ob ichs auß andern entlehnet habe. Und ob ich zwar etwas vom Salvator und seinem Buche / (Welches ich von ihm zu Paris selbsten empfangen) möchte gelernet und meine Kunst damit gemehret haben / kan mir solches doch kein Ehrlicher / Auffrichtiger Mann / für ein unzimlich Stück halten / wenn ich dessen in meinem Buche mir auch gebraucht hette.“ (4)

Zurück zum Stammbucheintrag ergeben sich aus dessen Fund einige daran anknüpfende Fragestellungen:
  • Hat Conrad Ernst von Berlepsch in Paris studiert?
  • Was tat Salvator Fabris 1609 in Paris?
  • Könnten der Sinnspruch „Virtutte est Armis“, die Widmung und die Zeichnung, welche mit Attributen körperlicher Ausbildung ausgestattet ist, darauf hindeuten, dass Fabris um 1609 in Paris dem Herrn von Berlepsch Unterricht gab?
  • Stammt die außerordentlich professionell wirkende Zeichnung aus der Hand von Fabris selbst oder wurde hierfür ein Zeichner beauftragt?
  • Welche Verbindung besteht zum  Namensvetter Christian Günther von Berlepsch, der in einer persönlichen Handschrift auch Notizen über das Fechten hinterließ?

Anmerkungen:

(1) Siehe: Pierer's Universal-Lexikon, Band 16. Altenburg 1863, S. 678.
(2) Vgl.: Kalliope, Abruf: 27.10.2016
(3) Vielen Dank an Almut Bick und Katja Schindler für die Hilfe bei der Übersetzung
(4) Vollständige Transkription des gesamten Werkes durch Reinier van Noort, Abruf: 27.10.2016

Vielen Dank an dieser Stelle an die SLUB Dresden und die Abteilung Deutsche Fotothek für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung der beiden Bilder.

Edit (16.11.2016): Transkription korrgiert. In der alten Version war das "io Salvator Fabris scrisi" vergessen. In der Übersetzung war es bereits enthalten.

Mittwoch, 9. November 2016

„Anweisung zur Fechtkunst“ von Heinrich Christoph Ranis. Eine Rezension aus dem Jahr 1772

von Jan Schäfer

In der „Allgemeinen Deutschen Bibliothek“ (18. Band, verlegt bei Friedrich Nicolai, Berlin und Stettin, 1772) wird das Fechtbuch von Christoph Ranis besprochen.

Der Text:
„Heinrich Christoph Ranis, Königl. Commissarii und Fechtmeisters Anweisung zur Fechtkunst. Mit Kupfern. Berlin, bey Mylius 1771. 8.

Wir haben in Deutschland noch kein Buch von dieser Art, das mit gleicher Gründlichkeit und Deutlichkeit geschrieben wäre. Unter solchen Händen bekommt diese Kunst erst einen wissenschaftlichen Ton. Der Verfasser zeigt hier die wahren Vorzüge der deutschen Fechtkunst vor der französischen und italienischen.
Der Franzose hält den Degen nicht fest, er kennt die rechte mensur nicht, und weiß sie auch nicht zu gebrauchen; er sucht seine Vertheidigung allein in dem gestreckten Lager, wozu er doch den Degen nicht feste genug hält, deswegen kann er auch die deutschen festen simplen oder gar festen Contratempostöße nicht parrien; er sucht eine Zierde in dem Paßiren der klinge bey den Cavationen oberhalb der feindlichen Klinge, welches der Deutsche, als eine falsche Bewegung, wie de Pest fliehet: der Franzose sucht eine grosse Vertheidigung im Schreyen, Springen und Laufen, der Deutsche aber in der Gelassenheit; der Franzose lauft nach dem Angriffe anstatt contra zu stoßen; stößt zwar ins Tempo, aber nicht wie der Deutsche, nach geschehener Parade, sondern indem der andere stößt, stößt er auf blindes Glück zugleich mit. Bey dieser Gelegenheit macht der Verfasser Girards Traité des armes 1740. lächerlich. Mit dem Italiener ist er zwar überhaupt besser zufrieden, aber er tadelt doch vieles an ihm, insbesondere daß er die Sekonde oft so stößt, daß er sich mit der lincken Hand bis zur Erde dabey stellt und auch wohl eine Hand voll Sand aufnimmt, um sie nach dem Gegner zu werfen, und noch mehr anders.
Den wahren Grund, auf welchen die Fechtkunst, oder vielmehr die Nothwendigkeit, sie zu erlernen, beruhet, setzet der Verfasser in dem edelsten Gedanken, wie er ihn nennet, sich zu vertheidigen, und den Gegner unfähig zu machen, daß er nicht schaden kann, keineswegs aber ihn oder zugleich sich selbst unglücklich zu machen.
<Seite 636> Wir bewundern das gute Geschicke, mit welchem dieser Verfasser seinen Gegenstand behandelt, und verzeihen ihm daher gerne den ernstlichen Ton, den er daby annimmt, diese Kunst als ein Studium zu behandeln, wobey der Lehrmeister das Blut seiner Schüler zu verantworten hätte.
Wir glauben, daß der Fechten für das menschliche leben keinen andern Nutzen habe, als um die Gesundheit zu erhalten, und sich eine angenehme Veränderung zu machen, die von den Ergötzlichkeiten des Pöbels unterschieden ist, eine Leibesübung, die mit dem Caroussel=Reiten, dem Scheibenschiessen, dem Ballschlagen, dem Billardspiele, dem Tanzen unter eine Klasse gehört.
Der Caroussel=Reiter wird nie in den Fall kommen, einen lebendigen Türkenkopf anzuspießen, und der beste Scheibenschütze kann einen Hasen oder Vogel verfehlen; der beste Fechter ist decontenancirt, wenn er anstatt des Rappiers den Degen nehmen soll, wo ihm die Spitze nicht mehr so deutlich ist. Also mag es wohl immer seyn, einer solchen Wissenschft einen gewissen Methodischen Ton zu geben; aber den nutzen davon ernstlich auf die Vertheidigung gegen das menschliche Geschlecht anzuwenden, das möchte wohl in unsern menschlichen Tagen spät seyn.
Man bringe die Duellmandate zur Vollstreckung, dann braucht man nie anders als mit dem Rappier zu fechten. Jndessen wenn gleich dieses bisher nicht überall möglich gewesen ist, so liefe es doch immer darauf hinaus, daß die junge Leute auf dem Fechtboden in der Kunst unterrichtet werden müsten, die Duellmandate zu brechen; denn ob man schon z. E. die Ehebrüche durch die dagegen vorhandene Mandate auch nicht abstellen kan, so wird man doch keine öffentliche Schulen ans legen, die Ehe brechen zu lehren, sondern was auch immer den Schein davon haben möchte, das sind angenehme Veränderungen und Uebungen in einem sanften Umgange mit dem schönen Geschlechte und dergleichen.
Also, wir bleiben dabey, daß die Fechtkunst unter den Menschen keine größere Moralität habe, als das Billiard, nämlich, die Gesundheit und eine angenehme Veränderung; denn sobald die Parteyen sich feindlich ansehen, das ist, Schimpf in Ernst verwandeln, dann hören die strengen Regeln der Fechtkunst auf, dann kann freylich ein Theil den andern erstechen,
<Seite 637> aber in einem solchen Falle kann er ihm auch die Billiardkugel an den Kopf werfen, inter arma silent leges.

Mz.“

Zum Nachlesen:


Dienstag, 18. Oktober 2016

Nordhausen, Leipzig, Himmel: Die Leichenpredigt für den Exercitienmeister Johann Joachim Hynitzsch

von Jan Schäfer

Unter dem Titel 
„Das Jn der Welt vergeblich=gesuchte in Himmel aber gefundene Vaterland Der Kinder Gottes Aus II. Cor. v. 8. 9. Hat beyder Wohlansehnlichen Leichenbegräbnüs Des Wohl=Edlen / Hochachtbahren= und Wohl=Mannvesten Herren / Herren Joh: Joachim Hynitzsch / Berühmten Krieges Exercitien-Meisters / und Wohlverdienten StadtLieutenants in Leipzig / Welcher am 7. Novemb. a. c. Morgens um 9. Uhr / im 70. Jahr seines Alters / sanfft und seelig verschied / Und am 10. ejusd. Zu seiner Ruhe stätte gebracht worden Jn einer Trauer=Rede gezeiget O. F. Breul. Com-Pastor der Gemeine zu St. Johannes.“ (1)
veröffentlichten seine Vettern für Johann Joachim Hynitzsch dessen Leichenpredigt. 
Johann Joachim Hynitzsch ist uns insbesondere bekannt durch seine Übersetzung des Fabris'schen Fechtbuches 1677 unter dem Titel "Scienza E Pratica D'Arme Di Salvatore Fabris, Capo Dell' Ordine Dei Sette Cuori. Das ist: Herrn Salvatore Fabris Obristen des Ritter-Ordens der Sieben Hertzen, Italiänsche Fecht Kunst." (in Neuauflage 1713 [Digitalisat]).
Vielen Dank an Reinier van Noort für das Ausfindigmachen des Textes. Wichtige Teile der Leichenpredigt werden im folgenden wiedergegeben.

Der Text (in den wichtigen Auszügen):
<4r> … Wohl=Edle / Hochachtbahre und Wohl=Mannveste Herr / Herr Johann Joachim Hynitzsch / berühmter Krieges Exercitien-Meister / und Wohl=verdienter Stadt=Lieutenant / in Leipzig / derselbige fand zwar in der berühmten Stadt Northausen 1638. den 12. Juli sein Vaterland und wurde daselbst in hoffnung / als ein Erbe des Himmlischen Vaterlandes in das Buch des Lebens eingeschriben aber wie bald muste Er als er kaum etwas erwachen / aus demselben fort und in die Fremde sich versuchen / was ihm dereinst nutzen und ergetzen könne. Ob nun gleich wahr ist: Das ein tapfer Mann allenthalben sein Vaterland findet / fand doch der Wohlseelige auch allenthalben / wegen vieler Mühseeligkeiten so Er auff seinen Reisen erduldet / da Er in den Nordlichen Ländern umher Wallete / und seine Wissenschafften auszuüben in Polen Preusen / Moskau und andern mehr sich bekant machte / fast nie ein recht vergnügendes Vaterland. Es schien endlich / ob solte das Weltberühmte Leipzig Jhm ein beständiges Vaterland geben / wie Er denn auch daselbst als ein Mitbürger aufgenommen und durch seine wohlgefassete <4v> Exercitia bei Hohen und Nidrigen / welche seine Profession schätzen konten / beliebt ward. Allein auch in diesem Vaterlande fand er offt / was er nicht wünschte / und was er wünschte / fand Er nicht; Er suchte zu weilen daselbst / was Er nicht antreffen kunte / und traff einiges an / so Er nicht vermeinte gesucht zu haben: Worüber Er denn manches so Gemüths als Leibes=Mißvergnügen empfande / von solchem sich zu erhohlen / hilt Er sich eine Zeitlang zu Halle auff / woselbst Er zwar in grösser vergnügung seinem Gott vermeinet gedienet zu haben / wiewohl Er auch daselbst mit mancherley Kräncklichen Zufällen des Alters angefochten worden. Biß Er endlich sich hiher in unsre Stadt begeben / woselbst Er auch von seinem Herren Bruder und dessen wehrten Angehörigen aufs freundlichste angenommen und nach möglichkeit verpfleget worden / so das Er hier ein nach seinem Gemüthe bequemes Vaterland angetroffen zu haben / sich erfreuet. Er hatte aber solches vergnügen kaum sechs Wochen genossen / da befiel Er mit einer tödlichen Kranckheit / welche nach Gottes Willen / innerhalb 14 Tage ihn nötigte den Leib entseelt zu lassen / und die Seele dem gütigen Gott / der sie gegeben / in Glauben demühtigst anzubefehlen

<4v> … Das die Stadt Valenzia in Spanien so schön und zierlich erbauet / und von so wolgesitteten Jnwohnern besetzet sey / daß die dahin reisende Jhres Vaterlandes darüber vergessen / und gerne alle daselbst sich seshaft niederlassen wollen / können wir wol dem Historien schreiber zu gefallen Glauben / wenn solches durch unsre Landsleute / so die Krigs=Toublen dahin auch getrieben / nicht wieder leget werden wird.

<5v> … Es gieng ihm nahe / daß Er mit dem Duc d'Alba hier so viel offt auf Erden zu thun gehabt / daß Er nach dem Himmel nicht sehen können / doch hoffte Er daß Jhm das irdische Vaterland so verleidet noch werden würde in seiner Kranckheit / daß Er durch dasselbe in das Himmelreich mit seinen Glaubens=Augen brechen könnte.

Zusammenfassung der biographischen Informationen zu Johann Joachim Hynitzsch:
  • Geboren am 12. Juli 1638 in Nordhausen, gestorben am 7. November 1707 in Leipzig
  • mindestens zwei Vettern (vermutl. Cousins): Johann Erasmus Hynitzsch, der sich Königl. Preuß. Hoff=Buchdrucker nennt; der andere ist Johann Christoph Hynitzsch
  • wird in seiner Leichenpredigt nur Kriegs-Exercitenmeister genannt, nicht Fechtmeister bzw. Fecht-Exercitenmeister. Ich nehme aufgrund dessen an, dass er nie ein Fechtmeister war, sondern immer nur ein sehr interessierter und engagierter Fechtschüler von Heinrich von und zum Velde war und sein Interesse und seine Leidenschaft für das Fechten ihn veranlassten, die Übersetzung des Fechtbuches von Fabris 1677 zu veröffentlichen.
  • als Krieges-Exercitenmeister war er in Polen, Preussen, Moskau u.a. (eventuell im Zusammenhang eines der Nordischen Kriege?)
  • nachdem er nach Leipzig kam und das Bürgerrecht erhielt, unterrichtete er hier seine Exercitien
  • auch wird er als Stadtlieutenant von Leipzig bezeichnet
  • er wurde krank, zog nach Halle, um sich auszukurieren, dort ging es ihm eine Zeitlang besser, aber auch hier wurde er wieder krank, er zog zurück nach Leipzig, wo er von seinem Bruder und seinen Verwandten aufgenommen wurde, aber sechs Wochen später starb er hier
  • der  Herzog von Alba wird im Text erwähnt (bezieht man sich auf die Lebensdaten von Hynitzsch, können Fernando Álvarez de Toledo y Mendoza (1595–1667), Antonio Álvarez de Toledo y Pimentel, 7. Herzog von Alba (1615–1690), Antonio Álvarez de Toledo y Beaumont (um 1640–1701), Antonio Martin Álvarez de Toledo Guzmán (1669–1711) oder Francisco Álvarez de Toledo y Silva (1662–1739) (vgl. Herzog von Alba bei wikipedia) angenommen werden), und Hynitzsch schien öfter in seiner Gesellschaft gereist zu sein, doch nähere Zusammenhänge werden nicht erwähnt
  • ob Hynitzsch auch in Valencia war, ist nicht sicher; Valencia wird im Text erwähnt, jedoch ist fraglich, ob es sich hier um eine Allegorie handelt oder nicht; der name Hynitzsch jedenfalls fällt in diesem Abschnitt nicht

Anmerkungen:

(1) Herzog August Bibliothek, Signatur: 12396, Katalog der fürstlich Stolberg-Stolberg'schen Leichenpredigten-Sammlung, Bd. II, Leipzig 1928.

Dienstag, 11. Oktober 2016

Notwehrgesetzgebung im 16. und 17. Jahrhundert: Das "Peinlich Halßgericht" Karls V.

von Samara Ajjour und Jan Schäfer

Die "Peinliche Halß-Gerichtsbarkeit" Karls V. kann als ein (früher) Vorläufer des deutschen Strafgesetzbuches betrachtet werden ( noch inkl. der Folter bzw. peinlichen Befragung als Verhörmethode und Mittel der Wahrheitsfindung). Fechtgeschichtlich interessant ist, wie in der Frühen Neuzeit der Tatbestand der Notwehr verhandelt wurde und wann sich ein Beschuldigter (Fechter) bei einer gewaltsamen Auseinandersetzung auf Notwehr berufen konnte. In der folgenden Passage werden die Fragen beantwortet: was eine richtige Notwehr war, wie sie bewiesen werden soll, wie die Notwehr ohne Augenzeugen bewiesen werden soll, wie mit Mittätern verfahren werden soll, wann und wie der Leichnam obduziert werden soll, etc.

Die Auszüge stammen aus der Ausgabe von 1609 [Digitalisat]. Zu einer textkritischen Auseinandersetzung mit der ersten Ausgabe, auch im Hinblick auf alle folgenden Ausgaben, siehe: „Hals- oder peinliche Gerichtsordnung Kaiser Carls V. und des H. Röm. Reichs nach der Originalausgabe vom J. 1533 auf das genaueste abgedruckt und mit der zweiten und dritten Ausgabe v. J. 1533 und 1534 verglichen: nebst dem horixischen Programma: wahre Veranlassung der P.H.G.O. und einer Vorrede“ von Johann Christoph Koch (Marburg, J.C. Krieger 1824) [Digitalisat].

Der Text

[Seite 62] CXXXV III.
Von vnlaugbarn Todschlägen / die auß solchen Ursache geschehen / so Entschüldigung der Straff auff inen tragen.

Es geschehen zu zeiten Entleibung / vnnd werden doch die jenigen/so solche Entleibung thun / auß guten Vrsachen / als etlich allein von Peinlicher vnd Bürgerlichen Straff entschüldiget, Vnnd damit sich aber Richter vnnd Vrtheyler an den peinlichen Gerichten / die der Recht nit gelernt haben / in solchen Fällen desto rechtmässiger zu halten wissen / vnd durch Vnwissenheit die Leute nit beschweren oder verkürtzen / So ist von gemelten entschuldigten Entleibungen geschrieben vnd gesatzt / wie hernach folget.

CXXXIX.
Erstlich von rechter Notwehr / wie die entschüldige.

Welcher eine rchte Notwehr / zu rettung seines Leibs vnd Lebens thut / vnd den jenigen / der in also benötiget / in solcher notwehr endleibt / der ist darumb niemands nicht schüldig.

CXL.
Was eine rechte Notwehr ist.

So einer jemand mit einem tödlichen Waffen oder Wehr vberlaufft / ansicht oder schlegt / vnnd der benötigt kan füglich ohn Fährligkeit oder Verletzung seines Leibs, / Lebens / Ehr vnd guten Leumuts nicht entweichen / der mag sein Leib vnd Leben / ohn alle Straff / durch ein rechte Gegenwehr retten. Vnd so er also den Benötiger entleibet / ist der darum nichts schüldig / ist auch mit seiner Gegenwehr / biß er geschlagen wird / zu warten nicht schüldig / vnangesehen / ob es den geschrieben Rechten vnnd Gewonheyten entgegen were.

[Seite 63] CXLI.
Daß die Notwehr bewiesen werden sol.

Welcher sich aber nach erfindung der That / einer gethaner Notwehr berühmet oder gebrauchen wil / vnnd der Ankläger der nit geständig ist / so legt das Recht dem Thäter auff / solche berümpte Notwehr obgemelter massen/zu Recht genug zu beweisen / beweist er die nicht / er wird schüldig gehalten.

CXLII.
Wann / vnd wie in Sachen der Notwehr die Weisung auff den Ankläger kompt.

So der Ankläger der ersten tödtlichen Anfechtung / oder Benötigung darauff / als obstehet / die Notwehr gegründet / bekanntlich ist / oder beständig nit verleugnen kan / vnd dagegen sagt / Daß der Todschläger darumb kein rechte entschüldigte Notwehr gethan haben soll / wann der Entleibt hett fürgewenter bekenntlicher Anfechtung oder Benötigung / rechtmessige Ursach gehabt / als geschehen möchte / so einer einen vnteuscher Werck halben bey seinem Ehelichen Weib / Tochter / oder andern bösen sträfflichen Vbelthaten sünde / vnd darvmb gegen demselben Vbelthäter tödlich Handlung / Zwang oder Gefängnuß / wie die Recht zulassen/fürnemme/ oder dem Entleibten hett gebürt/ den verklagten Todschläger/ von Amptswegen zu sahen / vnd die notturfft erfordert / in mit Waffen solcher Gefängnuß halben/ zu betrohen / zwingen vnd nötigen / der also in Recht zulässiger weiß gethan hette / Oder so der Kläger in diesen Fall ein solche Meynung fürgeb/ daß der angezogen Todschläger darumb kein rechte Notwehr gethan hett / wenn er deß Entleibten/ als er in erschlagen hett/ gantz mächtig / vnd von der benötigung erledigt gewest / Oder meldet / dz der Entleibt / nach gethaner ersten Benötigung gewichen / dem der Todschläger auß freyen / vnd vngenöter Ding nachgefolgt / vnd in aller erst in der nachfolge erschlagen hett. Wehr so für gewend wird / der Todschläger were dem Benötigten wol füglicher weiß / vnd ohn fährlichkeit seines Leibs / Lebens / Ehren vnd guten Leumuts halben entwichen / Darvmd die Entleibung durch den verklagten Todschläger nicht auß einer rechten entschuldigten Notwehr / sondern bößlich geschehen wer / vnnd darumb peinlich gestrafft werden solt / u. Solch obgemelt vnd ander dergleichen Fürgeben / sol der Ankläger / wo er deß geniessen wil / gegen Erfindung / daß der Todschläger durch den Entleibten / erstlich als vorstehet / genötigt worden ist / beweisen / Vnd so er eine derselben obgemelten oder andern der gleichen rechtmässig Vervrsachung / gegen der ersten vnlaugbar Anfechtung oder Benötigung gnugsam beweist / so kan sich solcher Todschläger keiner rechten oder gäntzlichen entschüldigten


Notwehr behelffen / vnangesehen/ ob außgeführt oder bekanden wird / daß in der Entleibt (als vor von der Notwehr geschrieben steht) erstlich mit einer tödlichen Wehr angefochten vnd benötiget hat. So aber der Kläger der ersten erfunden Benötigung halb / kein solch rechtmässige Verursachung bewieß / sonder der verklagt Todschläger seiner berühmpten Notwehr halb außfündig machet / daß er von dem Entleibten mit einer tödlichen Wehr / als vor von rechter Notwehr gefaßt ist / erstlich angefochten worden wer: So ist die Notwehr durch den verklagten Todschläger außgeführt / vnd so doch gemelte Kundschafft beydertheyl mit einander zugelassen vnd bestellt werden Nemlich / ist hierinn zu mercken / so einer der ersten Benötigung halb redlich vrsach zur Notwehr gehabt / vnd doch in der That nicht alle Umbstande / die zu einer gantzen entschüldigten Notwehr gehören / gehalten hett / ist noth gar eben zu ermessen / wie viel oder wenig der Thäter zur That vrsach gehabt habe / vnd daß fürter die Straff an Leib / Leben / oder aber zu Buß vnd Besserung erkänt wird / alles nach sonderlicher Rahtgebung der Rechtsverständigen / als hernach gemelt wird / Wenn diese Fäll gar subtile Vnderscheid haben / darnach hierinn anderst vnnd anderst schwerlicher oder linder gevrtheylet werden sol / welche Vnderscheid dem gemeinen Mann verständlich nicht zu erklären seynd.

CXL III
Von Entleibung / das niemands anders gesehen hat / vnd ein Notwehr fügewend würde.

So einer jemand entleibt / das niemand gesehen hat / vnd will sich einer Notwehr gebrauchen / der im die Kläger nicht gestehen / in solchen Fällen ist anzusehen / der gut vnd böß Stand jeder Person / die
statt / da der Todschlag gesehen ist / was auch jeder für Wunden vnd Wehr gehabt / vnnd wie sich jeder Theil in der gleichen Fällen / vor vnd nach der That gehalten hab / welcher Theil auch auß vorgehenden Geschichten mehr Glaubens / Vrsach / Bewegung / Vortheils oder Nutz haben mög / den andern an dem Ort / als die That geschehen ist / zu erschlagen oder zu benötigen. Darauß kan ein guter verständiger Richter ermessen / ob der fürgewendten Notwehr zu glauben sey / Vnnd wo die Vermutung der Notwehr wider die bekenntliche That statt haben sol / so muß dieselbig Vermutung gar gut starck beständig vrsach haben / Aber der Thäter möcht wider den Entleibten so viel böser / vnnd sein selb halb so viel guter starcker Vermutung darbringen / immer der Notwehr zu glauben. Solche Vrsach alle zu erklären / kan durch diese Ordnung nit wol gründlich vnd jederman verständlich beschehen. Aber nemlich ist zu mercken / daß in diesem Fall / aller obgemelten Vermutung halb / die Beweisung dem Thäter auffgelegt werden


soll. Doch vnabgeschnitten dem Kläger die Weisung / die er darwider fürbringen wolt / Vnnd wo dieser Fall vorgemelter massen redlich zweiffel hat / so ist noth / in der Vrtheil der Verständigen Raht / mit fürlegung aller Vmbständen / stattlich zu gebrauchen. Wenn sich dieser Fall / mit gar viel Zweiffels vnd Vnderscheid / für vnd wider die berühmpten Notwehr begeben mag / die vor der Geschicht nit älle zu bedencken oder zu setzen.

CXLIV.
Von berühmpter Notwehr gegen einem Weibsbild.

Ob einer ein Weib erschlüge / vnd sich einer Notwehr berühmet / in einem solchen Fall ist außzuführen vnnd anzusehen / die gelegenheit deß Weibs vnd Man‘s / auch irer beyder gehabter Wehr vnd That / vnd darinnen nach Raht der Rechtsverständigen / wie hernach stehet / zu vrtheylen. Denn wiewol nicht leitlich ein Weib einem Mann zu einer entschüldigten Notwehr vrsachen mag / so wer doch müglich / dz ein grausam Weib einen weichen Man Man` zu einer Notwehr dringen möchte / vnnd sonderlich / so sie sörgliche vnnd er schlechtere Wehr hett:

CXLV.
So einer in rechter Notwehr einen Vnschüldigen wider seinen deß Thäters Willen entleibt.

So  einer in einer rechten bewiesen Notwehr / wider seinen Willen / einen Vnschüldigen mit stichen / streiche / würffen oder schieffen / so er den Nötiger meinet / treffe / vnd entleibt hett, der ist von peinlicher Straff entschüldigt.

CXLVI.
Von vngefährlicher Entleibung / die wider eines thäters Willen geschicht / ausserhalb einer Notwehr.

So einer ein ziemlich vnverbotten Werck an einem Ende oder Ort / da solche Werck zu oben ziemlich ist / thut / vnd dardurch von vngechichten gantz vngefährlicher weiß / wider deß Thäters Willen / jemand entleibet / derselbige wird in viel wege / die nicht müglich zu benennen seyn / entschüldigt. Vnnd damit dieser Fall dester leichter verstanden / setzten wir diese Geichnuß: Ein Balbierer schieret einem den Bart in seiner Stuben / als gewöhnlich zu scheren ist / vnd wird durch einen also getroffen oder geworffen / daß er dem / so erschieret / die Gurgel


wider seinen Willen abschneidet. Ein ander Gleichnuß: So ein Schütz in einer gewönlichen Zielstatt stehet oder sitzet / vnd zu dem gewönlichen Platz scheust / vnd es laufft im einer vnder den Schutz / oder im läst vngefährlicher weiß / vnnd wider seinen Willen / sein Büch ß oder Armbrost  ehe vnd er recht anschlegt vnd abkompt / vnd scheust also jemand zu todt / diese beyde seyn entschüldigt. Understünde sich aber der Balbierer an der Gassen / oder sonst an einer vngewönlichen statt jemand zu scheren / oder der Schütz an einer dergleichen vngewönlichen statt / da man sich versehen möchte / daß Leut wanderten / zu schieffen / oder hielt sich der Schütz in der Zielstatt vnfürsichtiger Weiß / vnd würde also von dem Balbierer / oder dem Schützen / als obstehet / jemand entleibet / der Thäter keiner wird genug entschüldiget: Aber dennoch ist mehr Barmhertzigkeit bey solchen Entleibungen / die vngefährlich auß Geilheit oder Unfürsichtigkeit doch wider deß Thäters Willen geschehen / zu haben / denn was arglistig / vnnd mit Willen geschicht. Vnd wo solche Entleibung geschehen / sollen die Vrtheyler bey den Verständigen / so es vor in zu Schulden kompt / der Straff halb Rahts pflegen. Auß diesen obangezeigten Gleichnussen / mag inn andern vnbenannten Fällen ein Verständiger wol mercken vnnd erkennen / was ein vngefährliche Entleibung ist, vnd wie die Entschüldigüg auff jr tregt. Vnd nach dem diese Fäll offt zu Schulden kommen / vnd durch die Vnvertändigen darinnen etwa gar vngleich gericht wirdt / ist die angezeigte kurtze Erklärung vnd Warnung derhalben / auß guten Ursach geschehen / damit der gemeine Mann etwas verstand der Rechten darauß nemme. Jedoch haben diese Fäll zu Zeiten gar subtil Vnderscheid / die dem gemeinen Mann / so an den Peinlichen Gerichten sitzen / verständig oder begreifflich nicht zu machen seyn. Hierumb sollen die Vrtheyler in diesen obmelten Fällen allen (wenn es zu Schulden kompt) angezeigter Erklärung halb / der vorgemelter verständiger Leut Raht nit verachten / sondern gebrauchen.

CXL VII.
So einer geschlagen wirdt / vnd stirbt / vnd man zweiffelte / ob er an der Wunden gestorben sey.

So einer geschlagen wird / vnnd vber etlcihe Zeit darnach stürb / also / daß zweiffelich were / ober der geklaten streich halben gestorben wer oder nicht / in solchen Fällen mögen beyde Theyl (wie von Weisung gesatzt ist) Kundtschafft zur Sachen dienstlich stellen / vnnd sollen doch / sonderlich die Wundärtzt /der Sach verständig / vnd andere Personen / die da wissen / wie sich der Gestorben nach dem Schlagen


vnd Rumor gehalten hab / zu Zeugen gebraucht werden / mit Anzeigung / wie lang der Gestorben nach den Streichen gelebt habe / vnd in solchen Vrtheylen / die Vrtheyler bey den Rechtverständigen / vnnd an Enden vnnd Orten  wie zu end dieser vnser Ordnung angezeigt / Rahts plegen.

CXL V III.
Straff der jenigen / so einander in Morden / Schlagen vnd Rumorn fürsetzlich oder vnfürsetzlich beystanden thun.

So etliche Personen mit für gesetztem vnnd vereinigten Willen vnd Muth / jemand bößlich zu ermorden / einander hülff vnnd beystand thun / dieselben Thäter alle haben das Leben verwirckt. So aber etliche Personen vngechicks in einem Schlagen oder Gefächt bey einander weren / einander helffen / vnd jemand also ohn gnugsame Ursach erschlagen wird: So man dann den rechten Thäter weiß / von deß Hand die Entleibung geschehen ist / der sol als ein Todschläger mit dem Schwerd zum Todt gestrafft weren. Were aber der Entleibt durch mehr dann einen / die man wüst / gefährlicher weiß tödtlich geschlagen / geworffen vnnd gewundet worden / vnnd man kündte nit beweißlich machen / von welcher sonderlichen Hand vnd That er gestorben wer / So seynd dieselben / so die Verletzung / wie obstehet / gethan haben / alle / als Todschläger vorgemelter massen/ zu dem Tod zu straffen. Aber der ander Beyständer / helffer vnd Vrsächer Straff halber / von welches Hand obbestimpter massen der Entleibt nicht tödlich verletzt worden ist / auch so einer in einer Auffruhr oder Schlagen entleibt wird / vnd man möchte keinen wissen / darvon er (als vorstehet) verletzt werden wer / sollen die Vrtheyler beyden Rechtsverständigen / vnd an Enden vnd Orten / wie hernach gemelt wird / Rahts pflegen / mit Eröffnung aller Vmbstände vnnd gelegenheit solcher Sachen / so viel sie erfahren kündten. Wenn in solchen Fällen nach Ermessigung mancherley Vmstände / das nicht alles zu schreiben / vnderschiedlich zu vrtheylen ist.

CXLIX.
Von Besichtigung eines Entleibten vor der Begräbnuß:

Ond damit den im obgemelten Fällen gebürtlich ermessung vnd erkänntnuß solcher vnderschiedlichen Verwundung halb / nach der Begräbnuß deß Entleibten dester minder mangel sey / sol der Richter /


sampt zweyen Schöpffen / dem Gerichtschreiber / vnd einem oder mehr Wundärtzten (so man die haben / vnd solches geschehen kan) die denn zuvor darzu beeydigt werden sollen / denselben todten Körper vor der Begräbnuß mit fleiß besichtigen / vnd all seine empfangene Wunden / Schlag / Ausswerff / wie der jedes funden / vndermessen würde / mit fleiß mercken vnd verzeichnen lassen.

CL.
Hernach werden etliche Entleibung im gemein berührt / die auch Entschüldigung auff ihn tragen mögen / so darinn ordentlicher weiß gehandelt wirdt.

Es seyn sonst andere mehr Entleibung / die etwa auß unsträfflichen Vrsach beschehen / so dieselben Vrsach recht vnd ordentlich gebraucht werden / als / da einer jemand vmb vnteuscher Werck willen / die er mit seinem Eheweib oder Tochter obet / erschlegt / wie vor in dem 121. Articul des Ehebruchs / ansahend / / Jtem / so ein Ehemann einem anern / ec. gesetzt ist. Jtem / so einer zu Rettung eines andern Leib / Leben oder Gut / jemandt erschlegt. Jtem / so Leut tödten / die jre Sinn nit haben. Mehr so einem jemand von Ampswegen zu sahen gebüret / der vnzimlichen / freffentlichen vnd sorglichen widerstand thut / vnnd derselbig Widersässig darob entleibt würde. Jtem / so jemand einen bey nächtlicher weil gefährlicher weiß in seinen Hauß findet vnnd erschlegt / oder so einer ein Thier hat / daß jemand tödtet / vnd er dergleichen Boßheit darvor von dem Thier nicht gesehen oder gehöret hat / wie hiervor in dem 136. Articul / ansahend / Jtem / hat einer ein Thier / u. darvon gesetzt ist. Die necht obgemelte Fäll alle haben gar viel Unterscheid / wenn die Entschuldigung oder kein Entschuldigung auff innen tragen / das alles zu lang zu beschreiben / vnd zu erklären wer / vnd dem gemeinen Mann auch irrig vnd ärgerlich seyn möchte / wo solches alles in dieser Ordnung solt begriffen werden. Hierumb / so diesr Sach eine für den Richter vnnd Vrtheyler kompt / sollen sie bey den Rechtverständigen / vnd an Enden vnnd Orten / wie zu ende dieser vnser Ordnung angezeigt / Rahts gebrauchen / vnd in nicht eigen vnvernünnfftige Regel oder Gewonheit / darinn zu sprechen / machen / die dem Rechten widerwertig seyn / als zu zeiten an den peinlichen Gerichten bißher beschehen / daß die Vrtheyler die Vnderscheid jeder Sach nicht hören vnnd bewegen / das ist ein grosse Thorheit / vnnd folget darauß / daß sie sich zu vielen malen irren / thun den Leuten vnrecht / vnnd werden an irem Blut schüldig: So geschicht auch viel / daß Richter vnnd Vrtheyler die Wißthäter begünstigen /

[Seite 69] vnd ire Handlung darauff richten / wie sie jne Recht zu gut verlängern / vnd wissentliche Vbelthäter darnach ledig machen wöllen / vermeynen vielleicht etliche einfältige Leut / sie thun wol daran / daß sie denselben Leuten ir Leben retten. Sie sollen wissen / daß sie sich schwerlich darmit verschulden / vnd seynd den Anklägern derhalben vor Gott vnd der Welt Widerkerung schuldig / Wenn einjeder Richter vnd Vrtheyler ist bey seinem End vnd seiner Seelen Seligkeit schuldig / nach seinem besten verstehen / gleich vnd recht zu richten / Vnd wo ein Sach vber sein Verständnuß ist / bey den Rechtsverständigen / vnnd an Enden vnnd Orten / wie hernach zu ende dieser Ordnung gemelt wird /
Rahtspflegen / Wenn zu grossen Sachen / als zwischen dem gemeinen Nutz / vnnd der Menschen Blut zu richten / grosser ernstlich fleiß gehört / vnd angekehrt werden soll.

CLI.
Wie die Vrsachen / so zu Entschuldigung bekenntltcher That für gewendt außgeführt werden sollen.

So jemandt einer That bekenntlich ist / vnd derhalben Vrsachen anzeigt / die solche That vor peinlicher Straff entschüldigen möchten / als vor bey jeder geordenter peinlichen Straff / wie vnd wenn
die entschüldigt wird / gesetzt ist / So sol der Richter den Thäter fragen / ob er solche seine für gebene Entschüldigung genugsam beweisen könnte. So er den das durch sich förderlich zu thun vrbietig ist / so sol er / weß sie für Entschuldigung solcher That halb weisen wollten / durch rechtsverständige Leute / oder durch den Gerichtsschreiber / in gegenwertigkeit deß Richters / auffzeichnen lassen. So denn der Richter mit gehabtem Raht der Rechtsverständigen / dieselben weisungs Articul darfür erkennt / wo die bewiesen würden / daß dieselbe angezeigten Vrsachen / die beklagten vnd bekannten That von peinlicher Straff entschüldigen: So sol der Thäter auff jr Ansuchen / mit solcher erbotten Weisung / auch weß der Ankläger dienstlichs darwider weisen wolte / zugelassen / auch durch dieselbige Oberheit deßhalb Kundschafftverhörer vnd anders verordnet / gehalten vnd gehandelt werden / wie vor im 62. Articul / anfahend / Jtem / wo der Beklagt / u. vnnd etlichen Articuls darnach / von Form vnd Maß der Weisung / gesazt ist / sampt etlichen hernach folgenden Articuln / so es zu schulden kommet / angesehen / vnnd darnach gehandelt. Wo gezweiffelt würde / soll Rahts / wie hernach gemelt wird / gepflegt werden.

[Seite 70] CLII.
So deß Thäters gegebene weisungs Articul nicht beschliessen.

So aber die obgemelten weisungs Articul / durch den Richter mit gehabtem Raht der verständigen / darfür erkannt würden, ob gleich solche erbottene Weisung geschehen / daß die dennoch nit dienstlich zu deß Thäters entschuldigung wer / so sol die Weisung nicht zugelassen / sondern aber an~t / vnd als denn durch den Richter vnd Gericht / da der Thäter innen leg / mit fürderlichem Rechten weiter gehandelt werden / wie sich gegen einem solchen bekanntlichen offenbaren Thäter gebüret.

CL III.
Vber wen die Atzung in obgemelter Außführung gehen soll.

Wo aber einer jemand entleibt hett / deßhalb in Gefängnuß käme / auch der Entleibung bekanntlich wer / vnd doch der vorgemelten Vrsachen eine oder mehr / die in solcher Entleibung halb / gar oder eins theils entschüldigten / mit Kundschafft / wie darvon gesetzt ist / außführen wolt: So sollen deß Beklagten Freund dem Kläger zu förderst vor dem Richter vnd vier Schöpffen / nach ermessung derselben / nottürfftiglich Caution / Sicherung vnd Vestand thun / ob sich solche fürgebene Entschüldigung deß Beklagten in der Ausfürhung mit Recht nicht erfünde / daß denn deß Beklagten Freund die Atzung deß Beklagten / auch dem Kläger Kost vnnd Schaden / nach ermessung
desselben Gerichts / außrichten wöllen / darinn derselbig Kläger / durch die vnderstanden vnerfindlichen Außführung der berühmpten Entschüldigung bracht würde. Damit gedencken wir zu für kommen / daß der Kläger durch berührte vnwarhafftige vnnd betriegliche Außzug nicht zu Schaden bracht werde. Vnd sollen in diesem Fall der berührten Messigung dieselben Schöpffen vnnd Vrtheylsprecher bey den Rechtverständigen / vnd an Enden vnnd Orten / wie hernach gemelt wird / auch Rahts pflegen.

CLIV.
Von grosser Armut / deß / der sich obgemelter massen außführen wolt.

Wer aber der Beklagt so gantz arm / auch nicht Frende hett / die jetztgemelte Caution / Sicherung vnd Bestand zu thun vermöchten / vnnd doch zweiffetlich were / ob er seiner beschuldigten Entleibung
halb / redlich Entschüldigung hett: Sol sich der Richter / nach gestalt


der Sachen / mit allem fleiß / so vieler kan / erkündigen / vnd der Oberkeit solches alles schreiben / vnd Bescheids deßhalben erwarten / also daß solche Erkündigung in dem Fall / Ampts halben / auff deß Gerichts oder desselben Oberkeit darlegen vnd Kosten beschehe.

CLV.
So einer in der Mordacht wer / in Gefängnuß käme / vnnd seine Vnschuld außführen wolt.

So einer in Gefängnuß käme / der darvor in die Mordacht erkannt were / wie an ertlichen Orten gewonheit / vnnd in der Gefängnuß sein Entschüldigung / wie in den vorgemelten Articuln von den Entschüldigungen gesetzt ist / außzuführen sich erböte / der sol / vnangesehen / dz er hiervor in die Mordacht erkannt were / mit bestimpter Außführung zugelassen werden.

CLVI.
Von Außführung beschuldigter Peinlichen Vbelthat / ehe der Beklagt in Gefängniß kompt.

So sich einer / ehe er in die Gefängniß kompt / einer peinlichen Vbelthat / mit Recht ausführen will / das sol er thun an ordentlichen peinlichen Gerichté / wie in dieser Fällen jedes Orts Recht / vnd herkommen ist / vnd slo in diesen Außführungen beyden Theilen rechtmässige Verkündung geschehe / auch beyder Theil nottürfftig fürbringen / Vrkund vnd Kundschafft / wie sich in Recht gebürt / zugelassen / vnd nicht / wie in etlichen Orten Mißbrauch / abgeschnitten werden / vnd sol derselbig zum Rechten / für vnrechter Gewalt / vnnd nicht weiter vergleyt werden.