Mittwoch, 28. Dezember 2011

Aus einem Bücherverzeichnis der Enslin'schen Buchhandlung von 1824: Fechtkunst

von Jan Schäfer

Der aus Süddeutschland stammende Theodor Johann Christian Friedrich Enslin (1787-1851) war gelernter Buchhändler und später auch selbstständiger Verleger. Seine bibliographischen Recherchen als Buchhändler sind für die Erforschung der Fechtgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts von hohem Wert.


Theodor Enslin im Portrait. Aus: Pfau, Karl Friedrich: Biographisches Lexikon des Deutschen Buchhandels der Gegenwart. Leipzig: Pfau, 1890. (Bildquelle: wikimedia commons, public domain license)


Über sein Leben gibt die die Allgemeine Deutsche Biographie Auskunft: Lülfing, Hans, „Enslin, Theodor Johann Christian Friedrich“, in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 539 f.

Enslin interessierte sich aus Berufsgründen natürlich für alle Arten von Büchern. In jahrelangen Recherchen stellte er als Berliner Buchhändler die Mehrzahl der seinerzeit verfügbaren Bücher in thematisch geordneten Katalogen zusammen und veröffentlichte sie als Bücherverzeichnisse der Enslin‘schen Buchhandlung.

Eine Auswahl:
  • Bibliothek der schönen Wissenschaften [Scan]
  • Bibliothek der Forst- und Jagdwissenschaft [Scan]
  • Bibliothek der Handlungswissenschaften [Scan]
  • Bibliothek der Kriegswissenschaften [Scan]

In der erwähnten „Bibliothek der Kriegswissenschaften oder Verzeichniß aller brauchbaren, in älterer und neuerer Zeit, bis zur Mitte des Jahres 1824 in Deutschland und Frankreich erschienenen Bücher über die Kriegskunst und Kriegsgeschichte, und über deren nöthigste Hülfswissenschaften, ...“ hat Enslin dem Leser auf 99 Seiten zu den Themen Kriegswissenschaft und Kriegsgeschichte, Fechtkunst, Reitkunst, Pferdewissenschaft, Schwimmkunst und Mathematik an Büchern zusammengetragen, „was in deutscher Sprache, besonders in neueren Zeiten erschienen ist“ [n. Enslin].

Für die Fechtkunst listet Enslin 20 Werke von überwiegend deutschen Autoren auf, die sich entweder mit dem Fechten auf den Stoß oder auf den Hieb befassen (einige wenige Bücher behandeln sowohl das eine als auch das andere). Alle Fechtbücher lassen sich dem Universitäts- oder dem Militärfechtwesen zuordnen. Bemerkenswert ist, dass die ältesten der Fechtbücher bereits im 18. Jahrhundert das erste Mal aufgelegt worden sind: Johann Andreas Schmidt 1713 in Nürnberg (s. auch Artikel über Johann Andreas Schmidt), Anton Friedrichs Kahn 1739 in Heidelberg und Siegmund Carl Friedrich Weischner 1765 in Weimar.

Enslins Liste zur Fechtliteratur ermöglicht es uns, im einzelnen zu überblicken, welche Fechtbücher im Jahr 1824 auf dem deutschsprachigen Büchermarkt erhältlich waren und wie viel Geld man in einer damaligen Buchhandlung wie der Enslin'schen auf den Ladentisch legen musste, um ein Exemplar zu erwerben. Enslin konnte in seiner Berliner Buchhandlung, so berichtete er selbst im Vorwort, jedes der aufgelisteten Bücher zu den angegebenen Preisen für seine Kunden beschaffen. Die Preise im Verzeichnis gibt er sowohl nach der üblichen Berechnung zu 24 guten Groschen und nach preußischen Silbergroschen (30 auf einen Thaler) an.

Hier die Liste mit allen Büchern:
  • Duval, J.: Theoretische Anweisung zur Fecht- und Voltigirkunst; mit 60 Figuren. München: Verlag Fleischmann. 2 Reichstaler 15 Silbergroschen oder 2 Reichstaler 12 gute Groschen. [Scan]
  • Eiselen, C. W. B.: Das deutsche Hiebfechten. Berlin: Verlag Dümmler. 12½ Silbergroschen oder 10 gute Groschen
  • Unbekannt: Die Fechtkunst auf Universitäten; mit Kupfern. Kothen: Verlag Aue. 11½ Silbergroschen oder 9 gute Groschen.Kahn, A. F.: Anfangsgründe der Fechtkunst; mit vielen Kupfern. Leipzig: Verlag Weygand. 2 Reichstaler 5 Silbergroschen oder 2 Reichstaler 4 gute Groschen.
  • v. Pöllnitz, G. L.: Das Hiebfechten zu Fuß und zu Pferde; ein nöthiges Handbuch für alle diejenigen, welche jungen Cavalleristen Unterricht in der Fechtkunst zu geben haben, so wie auch für alle Freunde dieser Kunst. Halberstadt: Verlag Vogler. 15 Silbergroschen oder 12 gute Groschen.
  • Pönitz, C. Ed.: Die Fechtkunst auf den Stoß; nach den Grundsätzen des Herrn von Selmnitz und einiger andern Lehrer dieser Kunst. Dresden: Verlag Arnold. 26 ½ Silbergroschen oder 21 gute Groschen.
  • Ranis, H. L.: Anweisung zum Fechten; mit Kupfern. Berlin: Verly Mylius. 20 Silbergroschen oder 16 gute Groschen.
  • Pour, J. W. D.: Deutsche Fechtkunst, oder Anweisung zum Stoßfechten. Leipzig: Verlag Barth. 26 ½ Silbergroschen oder 21 gut Groschen. [Anm.: Autor geändert, siehe Kommentare]
  • Unbekannt: Anweisung über das Hiebfechten. Nürnberg: Verlag Campe. 15 Silbergroschen oder 12 gute Groschen.
  • Roux, J. A. K.: Anleitung zum Stoßfechten; mit Kupfern. Jena: Verlag Hennings. 26 ½ Silbergroschen oder 21 gute Groschen. [Anm.: Autor geändert, siehe Kommentare]
  • Schmidt, J. A.: Fechtkunst auf Stoß und Hieb; mit 82 Figuren. Nürnberg: Schneider und W. 15 Silbergroschen oder 12 gute Groschen.
  • Fechtkunst für die Cavallerie; mit Kupfern. Berlin: Verlag Maurer. 1 Reichstaler.
  • Schmidt, J. F.: Gründliche Anweisung der deutschen Fechtkunst auf Stoß und Hieb. Dresden: Verlag Arnold.
  • Unbekannt: Theorie der Fechtkunst; eine analytische Abhandlung sämmtlicher Stellungen, Stöße, Paraden, Finten u.f.w. überhaupt aller Bewegungen im Angriff und der Vertheidigung; nach dem „traité d’escrime par le Chevalier Chatelein“ frei bearbeitet; nebst einer Anleitung über das Hiebfechten von Anton Küpscher und Franz Gömmel; mit 2 Uebersichtstabellen und 20 bildlichen Darstellungen. Wien: Verlag Strauß. 2 Reichstaler 7½ Silbergroschen oder 8 (2?) Reichstaler 6 gute Groschen.
  • Timlich, Ch. L.: Abhandlung der Fechtkunst auf den Stoß; mit Kupfern. Wiehn: Verlag Rehm. 2 Reichstaler 20 Silbergroschen oder 2 Reichstaler 16 gute Groschen.
  • Unbekannt: Unterricht zum Gebrauch des Seitengewehrs für die Cavallerie; mit 6 Kupfern. Leipzig: Verlag Ind. Comt. 15 Silbergroschen oder 12 gute Groschen.
  • Venturini, G.: Fechtkunst auf den Stoß und Hieb. Hannover: Verlag Hahn. 20 Silbergroschen oder 16 gute Groschen.
  • Unbekannt: Versuch über das Contrafechten auf die rechte und linke Hand nach Kreußlerschen Grundsätzen. Jena: Verlag Cröker. 11½ Silbergroschen der 9 gute Groschen.
  • Weischner, C. F.: Ritterliche Geschicklichkeit im Fechten durch ungezwungene Stellungen, mit 30 Kupfern. Weimar: Verlag Hoffmann.
  • Werner: J. A. L.: Versuch einer theoretischen Anweisung zur Fechtkunst im Hiebe; mit 20 Kupfern. Leipzig: Verlag Hartmann. 1 Reichstaler 20 Silbergroschen oder 1 Reichstaler 16 gute Groschen. [Scan]

Dienstag, 20. Dezember 2011

Das Fechtbuch des Mainzer Hoffechtmeisters Alexander Doyle

von Jan Schäfer

Der gebürtige Ire Alexander Doyle (hier auf einer Abbildung in seinem Fechtbuch aus dem Jahr 1715) war Fechtmeister am Hofe von Lothar Franz von Schönborn (1655-1729), der das Kurfürstentum Mainz von 1695 an regierte. Hier am Mainzer Hof des Kurfürsten unterrichtete Alexander Doyle vornehmlich die Edelknaben in der Fechtkunst. 1715 kam es zur Veröffentlichung seines Fechtbuches „Neu Alamodische Ritterliche Fecht- und Schirm-Kunst“, das in Nürnberg und Frankfurt im Verlag Lochner erschien. Der vollständige Titel des Werkes lautet: „Neu Alamodische Ritterliche Fecht- und Schirm-Kunst. Das ist: Wahre und nach neuester Frantzösischer Manier eingerichtete Unterweisung Wie man sich in Fechten und Schirmen perfectioniren und verhalten solle; Denen respective Herren Liebhabern zu besserer Erleuchtung mit 60. hierzu dienlichen Figuren“ [zum Digitalsat im Göttinger Digitalisierungszentrum]

Das Buch ist Doyles Herrn und Brotgeber Lothar Franz von Schönborn gewidmet. Er hoffe, so sagt Alexander Doyle im Vorwort des Buches, auf das Wohlgefallen des Fürsten, sei doch der Kurfürst selbst ebenfalls bestens ausgebildet und geübt in den adeligen Exercitia und insbesondere im Fechten. Doyles Buch ist 149 Seiten stark und enthält 60 Kupferstiche, die vom Nürnberger Johann Conrad Reiff angefertigt wurden. Anders als im Titel angegeben, zeigt Doyle im Buch das Fechten nicht ausschließlich nach „Frantzösischer Manier“, sondern wie er selbst schreibt, nach „Frantzös. und Italianischer Manier“.

1720 erschien ein weiteres Werk von Alexander Dyole, das dass Voltigieren (Turnen und Springen am Holzpferd) zum Thema hatte.

Abgesehen von seinen beiden Publikationen und den spärlichen biographischen Informationen daraus bleibt Alexander Doyle wie viele andere Fechtmeister neben ihm im Dunkel der Geschichte zurück.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Der Exercitienmeister Johann Georg Paschen (1628-1678)

von Jan Schäfer

Johann Georg Paschen (auch: Pascha, Pasch) wurde am 9. September 1628 in Dresden als Sohn des Johann Paschen und seiner Frau Magdalena Frauenstein geboren. Zur Welt gekommen in den unruhigen Zeiten des 30-jährigen Krieges, führte ihn sein Weg über Zittau, Berlin, Stettin, Greifswald, Rostock und Wittenberg schließlich in das Erzstift Magdeburg, wo er ab 1662 bis zu seinem Tode im September 1678 das Amt des Pagen-Exercitenmeisters versah.

Am 4. September 1678 wurde Johann Georg Paschen beigesetzt. Die Leichenpredigt hielt der Fürstlich Magdeburgische Dom-Prediger Christoph Schradern (Predigt abgedruckt in: Salfeldische Schriften 1678). Der Lebensweg des Fecht- und Exercitienmeisters wird in jener Predigt ausführlich nachgezeichnt. Dieser Abschnitt soll im Folgenden wiedergegeben werden.

"Und zwar den Anfang zu machen von dem Eintritt in diese Welt / so ist der seel. Herr Hoffmeister in der Churfürstl. Residentz-Stadt Dreßden im Jahr 1628. den 9. Septemb. gebohren / und sein lieber Vater gewesen Herr Johann Pasche / Churfürstl. Sächs. Hoffbedienter / die Mutter aber Fr. Magdalena Frauensteinin / beyde nunmehr in Gott seelig ruhend. Der Großvater auf Väterlicher Seite ist Herr. M. Joachim Pasche / wohlverdienter Pastor Primarius zur Sittau / der Großvater von der Mutter / Herr Georg Frauenstein / Rathsverwandter und Handelsmann in Dreßden. Der Elter Herr Vater vom Vater ist gewesen Chrufürstl. Brandenb. Oberhoff-Predige zu Berlin. Obgemelten seinen Eltern war nicht unbewust / daß Kinder eine Gabe des Herrn / und Leibes-Frucht sein Geschenk sey (Pf. 127/3.) darum nahmen sie diesen von Gott beschenckten Sohn von seiner Hand mit Danck an / und beförderten ihn bald nach der leiblichen Geburt zur geistlichen Wiedergeburt der Heil. Taufe / ließen sich auch bey zunehmenden Jahren seine und des andern Geschwisters gute Aufferziehung bestens angelegen seyn. Wiewohl sie nun wegen damahligen kümmerlichen Zeiten / ihn weiter beym studiren zu lassen nicht gesonnen waren / und gern gesehen hetten / daß er ein Handwerk erlernet / so fande doch der selig Verstorbene eine innerliche Neigung zu den studiis, deswegen begab er sich mit ihrer Bewilligung nach Zittau zu seinem Vätter / in Meinung / die zum studiren nöthige Mittel / daran es ihm zu Hause mangelte / daselbst anzutreffen / als er aber nirgends unterkommen kunte / nahm er seinen Weg nach Berlin zu seiner Befreundin / H. Hoffrath Seidels Witbe / biß er nach gelegten ziemlichen Grunde / nach Stettin / zu mehrer perfectionirung seiner studien im Gymnasio daselbst / reisete / woselbst er vom Herrn Obriston Hammeldon aufgenommen ward / ümb dessen Kinder im Dantzen / welches er schon damals gefasset hatte / zu unterrichten. Nachgeheds begab er sich nach Gryhpswalde / ferner nach Rostock / woselbst er Gelegenheit fand / die übrigen exercitia, als Fechten / Ringen / Trenchiren, die Fahnen-Lectiones, ingleichen das Lautenschlagen / und dergleichen zu lernen / denen er auch nebst den studiis, mit unabläßigen Fleiße so lange obgelegen / biß er im Jahr 1649. eine Reise in sein Vaterland angetreten / woselbst aber er sich nicht lange aufgehalten / sondern bald im folgenden Jahre nach Wittenberg gewendet / da er denn so wohl durch obberührte exercitia, als auch öffters disputiren beydes Respondendo und Oppenendo, bey denen Herren Professoribus und Studiosis in kurtzer Zeit bekannt / und von männiglich beliebet worde: Darauf es geschehen / daß er im Jahr 1656. von unseres Hochtheueren Landes-Vaters / des Postulirten Herrn Administratoris, Hertzogs Augusti, Hochf. Durchl. anfangs zum Archivario, hernach zum Secretario bey der Thüringischen Erblands-Cantzley / und dann Anno 1662. zum Pagen-Hofmeister gnädigst beruffen worden. Mit was er vor ungesparten Fleiße / Treue / Sorgfalt und Auffrichtigkeit er diese Aemter verwaltet / ist männiglich bewust / und würde / wenn ja kein ander Zeugniß vorhanden were / Beweises genug seyn die Hochfürstl. Gnade / so er jederzeit biß an sein sel. Ende genoßen.
Ebener maßen ist auch sein Christenthum bekant genug und weiß jederman / daß er ein fleißiger Hörer Göttlichen Worts gewesen / seine Menschlichen Fehler bußfertig erkant / das Hochwürdige Nachtmahl (massen auch vor weniger Zeit in seiner Kranckheit geschehen) fleißig und mit hertzlicher Devotion gebrauchet / seiner sel. Ehegattin liebreich beygewohnet / die Kinderzucht sorgfältig beobachtet / seine erlangte herrliche Wissenschaft andern gern mitgetheilet / und also das von Gott verliehene Pfund nicht vergraben / sondern rühmluch genützet.
Seinen Ehestand anlangend / so hat er sich auf gethanes Gebet zu Gott und reiffe Berathschlagung / mit damahls Jungfer Annen Margarethen / Tit. Herrn Aegidii Stelers; wohlverdienten Bürgermeisters / und Churf. Sächs. Steuer-Einnehmers zu Wittenberg sel. und Frauen Annen Marien Wildin / eheleiblichen Tochter (so am verwichnen 23. Augusti zu großer Betrübnis ihres damahls krancken Eheherrn und Kinder verstorben) in ein Ehegelöbnis eingelassen / welches allhier in Hall den 16. Nov. 1657. solenniter vollzogen worden. In solcher biß ins 21. Jahr geführter Hertzvergnügter Ehe hat er mit ihr zwey Söhne und zwey Töchter erzeiget / davon der jüngste Sohn / Augustus / bald nach der Geburth diese Welt wiederumb gesegnet / die andern aber / nahmentlich Jungfr. Anna Margaretha / Ehrenfried Christian / und Jungfr. Anna Catharina / sind annoch am leben / und bejammern / wie vor wenig Tagen der Frau Mutter / also nunmehr auch des Herrn Vaters tödtlichen Hintrit.
Mit demselben / wie auch vorhergegangener Kranckheit / ist es / besage der eingehändigten Historiae morbi, also beschaffen: Als den 19. kurtz verflossenen Monats Julii der Selige Herr Hofmeister in die Kirche gehen wollen / hat er einen gelinden Schauer empfunden / und darumb sich alsofort wieder nach Hause begeben / und Artzney gebraucht. Nachdem nun der zu ihm erforderte Hochfürstl. Sächs. Magdeburg. Leib-Medicus, Herr D. Joh. Siebold / aus den Umbständen ersehen / daß es auf ein tertian-Fieber hinaus lauffen dürffte / sind deswegen diensame Mittel zur Hand genommen worden / worauf nach etlichen Paroxysmis der periodius dieses Fiebers sich geendet / und hat der selige Herr Hoffmeister sich die Hoffnung gemacht / daß an Ihr. Hochfürstl. Durchlaucht. unsers Gnädigsten Fürsten und Herrn / geburths-Tage / er wieder zur unterthänigsten Aufwartung würde gehen können. Es hat ihn aber wenige Tage zuvor / nemlich den 9. Augusti / abermahl en geringer Schauer überfallen / mit Empfindung einiger Mattigkeit / welcher Zufall allsachte mit unordentlichen paroxysmis und schweren emergentien, die innerliche Verderbniß durch mehrere Abnehmung der Kräffte dergestalt zu verstehen gegeben / daß von daran in Anmerckung der geschwächten Sinnen und anderer gefährlichen Dinge / ein bößes Prognosticum, und auf den 22. May geschehenen Schlag auf den Kopf / reflexion zu machen gewesen sey. Maßen denn die mehrentheils auf der linken Seiten des Haupts sich ereigneten Zufälle und evacuation zur Gnüge erwiesen / daß an oberwehnten Orthe an geschehener Verletzung gantz nicht zu zweifeln / indem auch bey denen immerzu sich ereignenden hefftigen paroxysmis und schier continuierender Verirrung un Schwachheit der Eisten und gantzen Leibes / große Hitze des Haupts / mehrentheils der lincken Seite / Erkaltung der euserlichen Glieder / anhaltendes Zittern der Hände / auch zuletzt zugeschlagene heftige Geschwulst des rechten Schenkels / einen betrübten Ausgang von fern gewiesen.
Ob nun wohl bey solcher Bewantniß / und zuvor gesehener Lebens-Gefahr / zu allen mögligsten Mitteln geschritten / auch wohl eine und andere chirurgische operation, der sonst frischen Natur etwas noch zuhelffen / in reiffe consideration gezogen worden / so haben doch die angewendeten herrlichen Arztney-Mittel und andere treue Vorsorge keinen beständigen effect erreichen / noch sonst in andere Wege / in Betrachtung der täglich sich vermehrenden grossen Schwachheit / und da man gewisser Verbesserung aus gegründeten Ursachen sich auch nicht zu versichern gehabt / beobachtet werden können.
Weil nun der selig Verstorbene merckte / daß ihn Gott von dieser Welt abfordern möchte / so machte er sich zu einem seligen Ende gefast / ließ seinen Herrn Beichtvater / den Hochfürstl. Sächsischen Magdeb. Hoff-Prediger, Kirchen-Rath und Vice-General-Superintendenten / Hn. D. Joh. Andream Olearium, zu sich erbitten / tröstete sich mit dessen bey unterschiedenen Besuchungen gethanen Zuspruche / und erwartete der Hülffe seines Gottes gedultig.
Alls am verwicheen Sonnabend zur Nacht die Schwachheit über Hand nahm / ließ er gegen 1. Uhr (Tit.) Hn. Secretarium Johann Georg Flachen (der ihm in wehrender seiner Kranckheit / sonderlich nach der seel Frau Hoffmeisterin Absterben / mit Rath und Sorge rühmlich beygestanden) zu sich bitten / und befahle ihm seine lieben Kinder. Als Morgends umb 6. Uhr obwohlgedachter sein Herr Beichtvater ihm wider zusprach / und unter andern Trost-Reden / insonderheit nach Anleitung des damahligen Sontags-Evangelii / den Hertzlichen Seuffzer der zehen krancken Männer: Jesu / lieber Meister / erbarme dich unser / mit Versicherung des Göttlichen Erbarmens / Hülffe und Trosts / davon es am angezogenen Orthe heist: Dein Glaube hat dir geholffen / angeführet wurde / benebenst der Application aus den Worten Pauli: Der Herr wird mich erlösen von allem Übel etc. / 2. Lim. 4 / 18.) wie auch mit Wiederholung eines bekanten Trost-Symboli, dessen Inhalt aus den vier folgenden Anfangs-Buchstaben H.E.W.G. also lautet: Hilff Ewiger Warer Gott! Gott Will Euch Helffen. Habt Ein Wenig Gedult. Gott Will Es Haben! Hieß er einen von den umstehenden solches auf schreiben / das er auch hernach zum öftern sich vorlesen ließ / mit hinzugesetzter Erklärung / Er wolle in seinem Hertze auch ruffen um Hülffe des ewigen Gottes / Gott werde ihm gewiß auch helffen. Einige Zeit hernach nahm er von seinen Kindern und andern Anwesenden mit beweglichen Worten Abschied / wolte auch nicht haben / daß sie ferner umb das Bette herum stehen und ihn ansehen solten / hielte hierauf mit Gebet an / und gab sein Verlangen zu einer seeligen Auflösung mit diesen Worten zu verstehen: Mein Jesu hat mir meine Seele gegeben / willst du sie denn nicht wieder haben? Welches Wundsches er denn bald gewehret ward / als er selbigen Tag / war der 1. Sept. Nachmittags gegen 2. Uhr / auf seinen Erlöser sanfft und seelig einschlieff / nachdem Er sein Leben gebracht auf 50. Jahr weniger 8. Tage."
Zu Lebzeiten hatte sich Johann Georg Paschen in einer großen Anzahl an Exercitien geüb. Zu den Exercitia, die er in seinem Amt als Pagen-Exercitienmeister an die adelige Jugend des Magdeburger Hofes weitergab, zählten das Fechten (mit Degen auf Hieb und Stoß und mit dem Jägerstock), das Voltigiren und das Ringen; außerdem das Exerciren mit Pike und Muskete, das Fahnen-schwingen sowie die für das Leben bei Hof unabdingbaren Fertigkeiten im Tanzen und Tranchiren. Eifrig verfasste er über viele dieser Exercitia Bücher. Doch Johann Georg Paschen war nicht nur in den körperlichen Exercitia geübt, sondern auch überaus gelehrt und belesen. So finden sich in seiner umfangreichen Bibliographie auch eine Abhandlung über das Befestigungswesen sowie seine Dissertation (jur.) „De Plagio Kaufungiano“, die er zusammen mit Gottfried Suevus 1655 in Wittenberg verfasste. 


Magdeburg um 1640 (Kupferstich von Matthias Merian, Bildquelle: Bildquelle: zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)


Bibliographie von Johann Georg Paschen

1655

Dissertatio De Plagio Kaufungiano (zusammen mit Gottfried Severis). Wittebergae: Typis Röhnerianis 1655. [Digitalsat Universität Halle]

1657

Kurtze Unterrichtung Belangend Die Pique/ die Fahne/ den Jägerstock/ das Voltegiren/ das Ringen/ das Fechten auff den Stoß und Hieb/ und endlich das Trinciren / verfertigts Johannes Georgius Pascha LL. Studiosus.  Wittenberg: Oelschlegel, 1657. (vielen Dank an Hubert Hazebrouchq für den Hinweis)

1658

Kurtze Unterrichtung Belangend Die Pique, die Fahne, den Jägerstock, das Voltesiren, das Ringen, das Fechten auff den Stoß und Hieb und endlich das Trinciren / verfertigts Johannes Georgius Pascha. In Verlegung Christian Guths Buchhändlers in Hamburg. Wittenberg Gedruckt bey Melchior Oelschlegels Erben, 1658.

1659

Anleitung sich bei grossen Herrn Höfen und andern beliebt zu machen. Osnabrück, 1659.

Kurtze Unterrichtung Belangend Die Pique, die Fahne, den Jägerstock, das Voltesiren, das Ringen, das Fechten auf den Stoß und Hieb und endlich das trinciren. Hamburg: Guths; Wittenberg: Oelschlegel, 1659. [Digitalsat Wolfenbütteler Digitale Bibliothek]

1660

Kurtze iedoch gründliche Beschreibung Des Voltesirens/ So wohl auf dem Pferde als über den Tisch : Darinnen gehandelt wird von allen Sprüngen/ als in Sattel zu springen/ wieder herauß/ Reversen/ Troiten/ halben Pomaden/ gantzen Pomaden/ Verwechseln/ etc. wie solches heutiges tages in gebrauch; Mit vielen nothwendigsten Kupffern abgebildet. Hall in Sachsen bei Oelschlegel, 1660. [Digitalsat Universität Göttingen]

Kurtze iedoch deutliche Beschreibung Des Pique-Spielens/ wie auch Des Trillens auf der Pique : Wie solche recht nach heutiger Art zu gebrauchen/ ; Mit denen nothwendigsten Kupffern außgezieret. Leipzig / Hall in Sachsen bei Fuhrman[n] / Oelschlegel, 1660. [Digitalsat Universität Göttingen]

Kurze Anleitung des Jäger-Stocks oder halbe Pique : Mit 16 Kupfern. Halle in Sachsen, 1660. [Digitalsat Bayerische Staatsbibliothek München]

1661

Vier und achtzig Fahnen-Lectiones. Bei Beckenstein, 1661. [Digitalsat Universität Göttingen]

Kurtze Anleitung Deß Fechtens, Auf den Stoß, Und Hieb: Mit sonderbahren Fleiß auffgesetzet/ und mit vielen nothwendigen Kupffern ausgebildet. Frankfurth am Mayn bei Gerlach / Beckenstein; Hall in Sachsen bei Oelschlegel, 1661.

1662

Florilegum fortificatorium triportitum Oder kurtzte, leichte ... und richtige Anweisung zu der jetzigen Zeit ublichen Krieges-Bau-Kunst oder was derselben anhangig.

1664

Vollständiges Fecht- Ring- und Voltigier-Buch. Bd. 1: Kurtze iedoch deutliche Beschreibung, handlend vom Fechten auf den Stoß und Hieb. Hall in Sachsen bei Oelschlegeln, 1664.

1665

Neu vermehrtes vollstandiges Trincier-Buch handlend I. Von Zerschneidung und Vorlegung der Speisen ... II. Von rechter Zeitigung aller Mundkoste ... III. Von den Schau-Gerichten ... Naumburg.

1666

Vollständiges Fecht Ringe und Voltigier Buch. Enth. 1. Kurtze iedoch Deutliche Beschreibung / handlend Vom Fechten auf den Stoß und Hieb. 2. Nun folget Das Fechten auff den Hieb (zuerst 1664). 3. Volständiges Ring-Buch. 4. Kurtze iedoch gründliche Beschreibung Des Voltiger / So wohl auf dem Pferde als über den Tisch. Hall in Sachsen bei Vestern, 1666. (Anmerkung: Widmungsempfänger ist Friedrich, Herzog zu Sachsen, Jülich, Cleve und Berg, Land-Graf in Thüringen)

Vollständiges Fecht Ringe und VoltigierBuch. Kurtze iedoch Deutliche Beschreibung / handlend Vom Fechten auf den Stoß und Hieb. Nun folget Das Fechten auff den Hieb. Vollständiges Ring-Buch. Kurtze iedoch gründliche Beschreibung Des Voltiger / So wohl auf dem Pferde als über den Tisch. Hall in Sachsen bei Vester 1666. (Anmerkung: anderer Druck und auch anderer Widmungsemfänger, nämlich Christian Ernst, Markgraf zu Brandenburg)

Deutliche Beschreibung von dem Exerciren in der Muszquet.

1667

Deutliche Beschreibung Von Dem Exerciren in der Musquet Und Pique Wie Auch Von Dem Baston à Deux Bous Jäger stock oder Halbe pique. Enth. 1. Deutliche Beschreibung/ von dem Exerciren in der Mußquet/ In drey Theil abgetheilet/ ... / von Johann Georg Paschen. - 2. Kurtze Beschreibung von dem Exerciren in der Pique/ In drey Theil abgetheilet/ ... / von Johann Georg Paschen. - 3. Kurtze Anleitung Wie der Baston à deux bous, Jägerstock oder halbe Pique oder Springestock/ wie ihn etliche nennen/ Eigentlich zu gebrauchen. Hall in Sachsen bei Vestern, 1667.

Vollständiges Fecht-, Ring- und Voltigier-Buch. Kurtze jedoch deutliche Beschreibung handlend vom Fechten auf den Stoß und Hieb. Vollständiges Ringbuch. Kurtze jedoch gründliche Beschreibung des Voltiger so wohl auf den Pferde als über den Tisch. Leipzig bei Fick & Seubold, 1667.

Deutliche Beschreibung von dem Exerciren in der Musquet und Pique, wie auch von dem Baston a deux Bous, Jägerstock. Hall in Sachsen, 1667.

1672

Deutliche Beschreibung von dem Exerciren in der Musquete und Pique = Declaration Ponctuëlle De L'Exercice Du Mousquet Et De La Pique : In vier Theil abgetheilet, Als Erstlich, Wie ein einzelner Musquetirer die Musquet zierlich loßschiessen, und geschwinde wiederum laden soll ... Zum Andern, Von dem Exercitio mit dem Tropp oder Compagnie ... Drittens, Von dem Exercitio mit der Compagnie oder Regiment im Chargiren ... und Vierdtens, Von dem Exercitio mit der Compagnie oder Regiment im Chargiren ... sich so wohl gegen Infanterie als Cavallerie zu defendiren, und wie Bataillen zu stellen / Mit sonderbahren Fleiß nach heutiger Manier beschrieben, und mit vielen nöthigen Kupffern ausgebildet. Hall in Sachsen bei Oelschlegel, 1672. Text dt. u. franz.

1673

Deutliche Beschreibung von dem Exerciren in der Musquete und Pique, In vier Theil abgetheilet ... Declaration ponctielle de l'exercise du mousquet et de la pique divisée en quatre parties. Halle bei Oelschlägel, 1673.

Vollständiges Fecht- Ring- und Voltigier-Buch. Bd. 2: Vollständiges Ring-Buch, Darinnen angewiesen wird, Wie man Adversarium recht angreiffen, sich loß machen, die Schläge pariren, unterschiedene Lectiones und die contra-Lectiones darauff machen soll / Mit Fleiß beschrieben und mit sehr vielen Kupffern außgebildet. Hall in Sachsen bei Melchior Oelschlegel, 1673.

Vollständiges Fecht- Ring- und Voltigier-Buch. Bd. 3: Kurtze iedoch gründliche Beschreibung Des Voltiger, So wohl auf den Pferde als über den Tisch: Darinnen gehandelt wird von allen Sprüngen, als in Sattel zu springen, wieder herauß, ... / Mit mehren Lectionen und sehr vielen Kupffern abgebildet.  Hall in Sachsen bei Melchior Oelschlegel, 1673.

Deutliche Beschreibung Unterschiedener Fahnen-Lectionen : In Acht Spiel eingetheilet/ Nebst dem Piquen-Spiel/ Pertuisan und halben Piquen/ oder Jägerstock ... / von Johann Georg Pascha, Fürstl. Magdeb. Pagen Hoff-Meister. Hall in Sachsen : Oelschlegel, 1673. Text in deutsch und französisch. [Digitalsat Wolfenbütteler Digitale Bibliothek]

1683

Der Adelichen Gemüther wohlerfahner Exerzitien-Meister, das ist: vollständige Fecht-, Ring- und Voultesier-Kunst. Frankfurt und Leipzig bei Christian Weidemannen, 1683

1687

Vollständige Kriegskunst zu Fuß, verbessert und vermehrt. Lübeck, 1687



Der Magdeburger Pagen-Meister Johann Georg Paschen ungefähr 45-jährig, auf einer Darstellung in seinem Buch 'Deutliche Beschreibung Unterschiedener Fahnen-Lectionen : In Acht Spiel eingetheilet/ Nebst dem Piquen-Spiel/ Pertuisan und halben Piquen/ oder Jägerstock' von 1673 [Bildquelle: Wolfenbütteler Digitale Bibliothek]

Dienstag, 29. November 2011

Die Ordnung bewahren auf der Fechtschul: ausgewählte Beispiele

von Jan Schäfer

Man stelle sich den Wettkampf auf einer Fechtschul vor: Mehrere Dutzend Teilnehmern schlugen und stachen mit Schwert, Dolch, Dussack und Stange in Zweikämpfen aufeinander ein, und vom eigenen Ehrgeiz angestachelt  wollte jeder Teilnehmer vor dem zahlreichen Publikum sein Können beweisen, die anderen Fechter blutig hauen und den Siegpreis nach Hause tragen. In einer derart schwer bewaffneten, fechterisch geübten und entschlossen um den Sieg fechtenden Menge konnten die Emotionen sehr leicht hochbrodeln. Je länger die Fechtschul dauerte, desto stärker rißen Stolz und Ehrgeiz, Adrenalin und Testosteron die Fechter mit sich. Die Gefechte wurden immer hitziger geführt und drohten, sich im schlimmsten Fall in einer zügellosen Gewalteskalation zu entladen.

Damit es auf einer Fechtschul nicht zu ungezügelten Gewalttätigkeiten, zu Tumulten und schweren Verletzungen kam, wurde vor dem Beginn jeder Fechtschul vom Fechtmeister eine Fechtschulordnung verkündet, an die sich alle Fechter zu halten hatten. Diese verbot es, bestimmte Stücke wie etwa das Durchlaufen oder auch Knaufstösse anzuwenden. Außerdem wurden die Fechter oftmals eindringlich ermahnt, alte persönliche Feindschaften und Rivalitäten während der Fechtschul ruhen zu lassen und nicht die Schul zu mißbrauchen, um die Zwistigkeiten untereinander zu begleichen.

Sowohl für eine Fechtschul in Zwickau (1573) als auch für eine Fechtschul in Stuttgart (1575) und für eine Fechtschul in Düsseldorf (1585) sind uns die Regeln erhalten.

Die Regeln für die Fechtschul in Zwickau verkündete auf dem Fechtplatz der Fechtmeister und Federfechter Melchior von Birn, ein Höfling des Kurfürsten August von Sachsen.
[Die Teilnehmer] „solen Fechtn nach Ehren werth,
Nach inhalts brauch des langen schwert
Aus halber vnd auch langer schneidt,
Und wies die kunst mit bringt vnd geit,
Alle falsche stück das ihr wist,
Das auff keinr Schuel nit breuchlich ist,
Das sol auch da vorbotten sein,
Knopf vnd auch orth zulauffen ein,
Und all andre vnredlich stück,
Die solt man da lassen zurück,
Es solt für Fürsten vnd auch Herrn,
Euch rechter schutz gehalten wern,
Es sey wers woll, gros oder klein,
Dem soll auch da vorbotten sein,
Uber die Stange nicht zu schlagen,
Auch nicht darunter, thu euchs sagen,
Es solln all Fechter wissen das,
Auff meiner schuel kein neid noch haß,
Zu tragen aus, wie er wer gnendt
Man hat wol ander ort vnd end,
Da jrs kündt thun, merckt was ich meldt,
Der Chrufürst gibt zuvor auch geldt,
Als offt einer ein schlagen thut,
Auff die höchst Röhr, vnd das es blut,
In der wehr das zeig ich euch an,
Dem wird so offt vier Gülden zu lohn,
Drumb hebt auff last die wehrn nicht feirn,
Es sol da kein sein Haudt nicht thewrn,
Wann er schon wird daraufg geschlagen,
Darff darumb nit so bald vorzagen,
Schmeist weidlich drauff, sehet wie jr thut,
Und mich auch mit, hab noch jung blut,
Ich heb auff vnd führ gar kein bracht,
Wer mir ein von der feder veracht,
Und macht sich wider die gerüst,
Den will ich bstehen wie wild er ist,
Schwing dich Feder sich wie man thut,
Schreib gernt mit dintn, die ficht wie Blut.

Die Regeln für die Fechtschul zu Stuttgart aus dem Jahr 1575 lauteten wie folgt:
„Hertzog Ludwig verordnet hatt
Zwey Platzmeister auff diese statt,
Die von ir Fürstlichen Gnaden wegen
Da sollten haben Macht vnd mögen,
Wo Zanck sich zutrüg, den zustillen,
Nach irm Urtheil, Verstand vnd Willen.
Ein jeden geben auch sein Lohn
Nachdem er hett sein bests gethon.
Der en erwehlet zu der sach
Der ware Herman Ochsenbach,
Und Johann Vogel beid genanten,
Hauptleut vbers Fürsten Trabanten,
Darzu darneben beide sunst
Erfahren wol in der Fechtkunst.“
[Im Anschluss betritt ein Fechtmeister den Platz und verkündet die Ordnung:]
„Darnach die Ordnung leget her
Auff weiten Platz alle die Wehr,
Schwert, Stengle, Dolchen, lange Spieß,
Tusecken, hellebarten gewiß.
Demnach außruffet guter massen,
Die Wehr soltens nit feyern lassen,
Mit worten also ruffen thet.
Wo jemandts were der luft hett
Zufechten, es wer mit dem Schwertm
Es wer vmb Gelt oder Geltswerth,
Umb guter Gsellschaft, oder sust
Zu thn ein Gänglin hett ein lust,
Der he auff, geh nit lang vmb leiren,
Rüst sich, vnd laß die Wehr nut feiren.
Auch höret micht, sprich ich weiter
Unser Gnediger Fürst vnd Herr
Hat vns, mir das für Wahrheit glaubt,
Auff diesen Tage heut erlaubt,
Ir Fürstlichen Gnaden zu Ehrn,
Zufechten hie mit diesen Wehrn.
Doch ob jr einer oder mehr
Auff dieser Schul vorhanden wer,
Die alten Haß, Feindschafft und Neid
Gefasset lang vor dieser Zeit
Zusammen hetten, solten wissen,
Gedencken, vnd druff sein geflissen,
Daß sies allhie nit wölln austragen,
Also auß Neid einander schlagen,
Auß Feindschaft oder Mißvergunst,
Sonder auß Ritterlicher Kunst
Da fechten, wie es ist der Brauch,
Ohn Gift vnd Gall. Daneben auch
Soll gentzlich hie verotten sein
Spitz oder Knopff, auch lauffen ein,
Das thu ein jeder hie vermeiden,
Auff vnser Schul wolln wirs nit leiden.
Und schont einander nur der Feust,
Einander zwüschen Orhen schmeißt,
Da das schwartz Haar am dicksten steht,
Biß der rot Safft herausser geht,
Und trefft mich auch zwischen die Ohrn,
Es soll bey mir drumb sein kein Zorn.“

Auf der Fechtschul in Düsseldorf 1585 rief der fürstliche Trabant Hans von Olm die Regeln aus:
„Da dann gute Gesellen zugegen, die solche Ritterliche Fechtkunst gelernet vnd derselben erfahren, vnd den Durchleuchtig, Hochgeborenen Fürsten Personen, Chur vnd Fürstlichen Gesandten, auch andern vom Adel, der löblicher Ritterschaft alhie zugegen, den anwesenden Fürstinnen vnd dem gantzen Frawenzimmer, mit ihrer Kunst vnd erfahrenheit ihn vnderthenigkeit, freudt vnd kurtzweil zumachen vermeint, dieselben wöllen vnbeschwert seyn sich hervor zuthun, vmb den auffgestelten Preiß auffzuheben, die gebürliche genge nach altem löblichen Fechtbrauch, zuhalten, dann bin gemeint vnd entschlosen vber alsolche gute Gesellen, wie eine ehrliebenden Meister des lange Schwerdts gebüren wol, vnpartheisch zuhalten, dieselben zuschützen vnd zuschirmen, wder vnd gegen vbermuth vnd vngebühr. Wol auch weiter auf meiner Schul verbotten haben, ort, knauff, inlauff vnd alle andere falsche stück, Auch wo einer oder mehr gute Gesellen vorhande (die Edle Ritterschafts außgenommen, welch ich hiermit zun ehren nicht gemeint haben wol) die meiner begeren würden, es sey vmb gelt oder gelts werth, (vngeachtet ich des Gelts nut viel hab) oder aber vmb einen guten streich, truck oder naß, daß derselb frey gehertzt vnd wolgemuth hervor tretten wolm, nach brauch des Schwerdts gerechtigkeit, vnd frey auffheben, schonen des Schwerdts nicht, sonder sich selbst der finger, vnd schlagen zwischen den Ohren da das Haar auffm dickesten stehet, treffen mich auch mit, dieweil ich auch ein guter Gesell“

Trotz strenger Regeln und der straffen Hand der Platzmeister kam es dennoch immer wieder zu schweren Verletzungen und Todesfällen (vgl. den Artikel Schwere Verletzungen und Todesfälle auf der Fechtschul: ausgewählte Beispiele) und gelegentlich auch zu chaotischen Zuständen. Benedict Edldeck, ein Siebmacher von Beruf und ein Chronist der Fechtschul von Zwickau 1573, berichtet von einer solchen tumultartigen Situation.
Als ich dem fechten auch zusach,
Hört was mir doch alda geschah,
Es war so gar ein gros gedreng,
Das zu letzt war der platz zu eng,
Man sties eins hin, das ander her,
Das schier zu eng zum fechten wer,
In dem kompt einer auff den plan,
Das war der Trabanten Hauptman,
Der Ernvest Christoff Zanmacher,
Und wolts lenger nicht leiden mehr,
Derselbige jm fürgenommen hat,
Platz zu machen an dieser stat,
Kriegt ein Dysäcken von Leder gmacht,
Und hat sich da nit lang bedacht,
Er wischt vnder das Volck hinein,
Und schlug also mit grimmen drein,
Er schmiret zu ohn alles gefehr,
Und kam gleich hinderm ir auch her,
Traff mich so weidlich vbern rücken,
Das ich mich muste darnach bücken,
Sah mich vmb was da wern die sachn,
Ich rieb die Lenden, er thet mein lachn,
Es schmirtzte mich im meinem gwissn,
Mussts han als het mich ein hund gbissn,
Dacht mir warumb willst stets vorn stan,
Man hats andern wol auch gethan,
In dem man wider schiessen thet,
Bis das volck sich verloffen het,
Als nun gnug platz vorhanden war,
Kamen die Fechter wider dar,
Und fochten dapffer aus der Kunst,
Mancher kriegt ein schnappe vmbsonst.

Die oben aufgeführten Beispiele stammen von Fechtschulchroniken (im Einzelnen: Lobgedicht des Benedict Edldeck, auf die Fechtschul in Zwickau 1573; Lobgedicht des Christian Beyer nach einer lateinischen Vorlage von Frischlin auf die Fechtschul zur Stuttgarter Fürstenhochzeit von 1575; Beschreibung der Fechtschul in Düsseldorf 1585 durch Dietrich Graminäus) und sind u.a. nachzuschlagen bei Karl Wassmannsdorff: Sechs Fechtschulen. Groos 1870.

Montag, 7. November 2011

Gefechte auf der Fechtschul: ausgewählte Beispiele

von Jan Schäfer

Während der Stuttgarter Fürstenhochzeit im November 1575 fand am 8. Tag der Feierlichkeiten eine Fechtschul statt. In den Lobgedichten auf die Fechtschul wird eine Vielzahl von Gefechten erwähnt. Darunter sind zwei Gefechte, die besonders ausführlich beschrieben sind. Diese sollen an dieser Stelle vollständig wiedergegeben werden, um dem Leser einen Eindruck zu vermitteln, wie ein solches Fechtschulgefecht abgelaufen sein mag.

Das erste ausführlich beschriebene Gefecht ist der Kampf mit Hellebarden zwischen Meister Hirnkopff und Veit Knüpffbart.
"Im Sprüngen tratt Meister Hirnkopff,
Der ernsthafft, starck vnd gschwinde Tropff.
In dem auffheben frey daher,
Als wans ein starcker Rise wer,
Von Gildern breit, mächtig vnd groß,
Hub auff mit dicken Armen bloß
In disem Platz ein Helleparten,
Mit der des Feindes zugewarten
Mit ir int Lüffte stach vnd facht,
Vnd gar schön Spiegelfechte macht,
Vnd seines Gegenfechters wart.
Gegn dem hub auff der Veit Knüpffbart
Als er sich hette außgethanm
Vnd seine Arm sah jederman.
Da stunden Arm vnd Schultern groß
Gantz frewdig allen Steichen bloß.
Als sie zusamen kamen beid,
Stundens fürwar auff ebnder Heid
Im schritt steiff mit gebogenn Knüen,
Vnd wolt keiner den andern fliehen,
Vnd auff einander wurn erhitzen,
Einander beid botten die Spitzen.
Mit den viel scharpffen Hellebarten
Thet einer auff den andern warten.
Da sah mans beid einander effen,
Ob einer möchte den andern treffen
Aufft Stirn, oder ins Angesicht,
Keiner des andern schonet nicht.
Gar tieff sich alle beide buckten,
Die Köpffe zuckten, und sich duckten,
Damit jeder so hütet sich,
Dem Stich vnd Streich geschwind entwich.
Mit hellebarten sie sich beitzten,
Einander stiessen, vnd sich reitzten,
Vnd beide schnaufften wie die Beern,
Einandern gern gewesen wern
Vbers Leder, gwaltig anfiengen
Vmd Kopff vnd vmb die Ohren giengen.
Der Hirnkopff gar erhitzigt ward,
Stieß mit gewalt die Hellepard.
Durch Schenkel vnd durch Hosen stach,
Daß gleich den Schenkel schlept hernach
Der Knüpffbart, daß er hank am Hüfft,
Da wurd er so ergrimbt, ergrifft,
Daß er wolt wider mit im dran,
Noch ein Gang mit dem Hirnkopff than.
Den andern Gang gieng gegn im her,
Als wann im schir gleich nichts drumb wer,
Vnd mit der Helleparten dar stach,
Im doch mißlinget in der sach.
Dem armen Knüpffbart an dem Endt
Gar bald empfielen beide Hendt.
Dann Hirnkopff ine allso warm
Frey stache durch den lnken Arm.
Bald der vnseelige Knüpffbart
Schlept Hend vnd Füß, verletzet hart,
Gleich wie ein Gans, muß ich euch sagen,
Der ist ein Flügel abgeschlagen,
Von des zornigen Hirten Stab,
Mit ir her schlempt, weil er ist ab.
Des der Knüpffbart zog ab vorm Hag,
Gedacht: des fechtens ich nit mag."

Ein zweites Gefecht auf der gleichen Fechtschul, das ebenso ausführlich geschildert wird, ist ein Kampf mit langen Schwertern zwischen dem Freifechter Künhirn und einem Meister des langen Schwerts mit Namen Kraußhaar.
"Zwen ander sprungen bald daher,
Vnd griffen freudig zu der Wehr,
Beid hiben auff im langen Schwert,
Ehr einzulegen jeder bgert.
Der eine der Künhirn genent,
So gwesen war vor ein Student,
Darnach sich hatt auffs Fechten geben,
Ein Freyfechter war worden eben.
Gegn dem hertratt auff den Fechtplan
Der Kraußhaar, mit namen Herman,
Ein Flemming, gschwind gerad, bewert,
Ein Meister in dem langen Schwert:
Der vielen Meistern lage ob,
Sein Prob offt thet mit Ehr vnd Lob
Viel Meister offt hett vberwunden,
Die gegen im sein gelegen vnden:
Hett nie keim gwichen wol befunden,
Das Kräntzlein allweg hett gewunnen.
Auff diß sein Kunst sich lassen thet,
Vil Reden lauffen lassen hett
Auß Hochmuth auffgeblasnem Pracht,
Den Künhirn neben im veracht,
Alß ob er in wolt abgewinnen,
Im wurde Mannes Muth zerrinnen,
Ehe er im was beuor wolt geben,
Must in eh kosten Leib und Leben.
Die beide nun zusammen tratten,
Ein wild Gefecht mit Schwerter hatten,
Vnd wolt keiner dem andern geben
Beuor, eh lassen Leiben vnd Leben,
Uin diesem Kampff daß Lobe haben,
Vnd solt er werden gleich begraben.
Zusamen eilten mit den Schwertern,
Einander drungen mit gar herten
Gantz ongefugen, scharpffen Streichen,
Ob sie einander möchten reichen.
Ersztlich der Künhirn gschwind vnd klug
Auff den Kraußhaar mit dem Schwert schlug,
Die Streich all Augenblick dopplirt,
Drang auff den Feind mit großer Gird,
Hergegen Kraußhaar wol versetzt,
Damit er wurde nit geletzt,
Sich hin vnd wider vmbher bog,
Den Streichen vmb den Kopff empflog.
Wie heftig nun der Künhirn wüt,
Sich jener doch vor vorn Schlegen hüt,
Mit der Versatzung allgmach wich,
Durch freie Kunst kont hüten sich,
Im weichen, doch schluge herwider,
Bis rhuweten die müde Glieder.
Der Künhirn aber wart nit lang,
An Kraußhaar her im andern Gang,
Dem ließ er gar damals kein Rhu,
Mit Schlegen steet auf in drung zu:
Zusamen schlugen also hert,
Daß da erklngeten die Schwert.
Allbeyd sie sich kecklichen wehrten,
Einander dißmals wüst abkehrten.
Der eine sehr sich schemet eben,
Daß er mit Schanden solt nachgeben
Dem andern, macht die Hoffnung gut
In aller hitz erst Fred vnd Muth.
Schlug auff der Feind s durstiglich,
Daß er must weichen hindersich
Vnd war der Künhirn also wild,
Der Kraußhaar nur die Streich auffhielt,
Versetzt, vnd hett sich gnug zu wehrn,
Daran sich Künhirn nit wolt kehrn,
Trung auff een Feind so vngesug,
So gschwind auß Krefften auff in schlug,
So mutig, kün, freudig, hertzhafft,
Verließ sich auff sein Faust vnd Krafft,
Auß Gschwind vnd Sterck in Jitz vnd Brunst,
Schlug zu, welches heist de gulden Kunst,
So nach dem Feind war auff dem Tach,
Daß der Kraußhaar schon wurd zuschwach.
Der Künhirn war im vberlegen,
Daß Kraußhaar im nut möchte begegen.
Gleich wie das helle Wasser kalt
Heraber auff die gelsen fallt,
Vnd widerspritzet an dem Stain
Den allethalb vmblauff tder Mayn.
Also der Künhirn hie auch eben
Den Kraußhaar wurde gar vmbgeben,
Auff ine allethalb schlug zu,
Vnd liesse im kein einig Rug,
Schmeißt also starck auff ine dar,
In auff den Kopf schlecht ohngefahr
Da gleich das Haar amdicksten steht,
Daß der rot Saft hernacher geht:
Künhirn, du hast mich vberwunden
Bekenn ich dir, dann ich lig vnden,
(Der Kraußhaar sprach) des gib ich mich,
Vnd dir die gab vnd Ehr zusprich"


Die oben aufgeführten Ausschnitte entstammen dem Lobgedicht des Christian Beyer (nach einer lateinischen Vorlage von Frischlin) auf die Fechtschul zur Stuttgarter Fürstenhochzeit von 1575 und sind u.a. nachzuschlagen bei Karl Wassmannsdorff: Sechs Fechtschulen. Groos 1870.

Mittwoch, 2. November 2011

Schwere Verletzungen und Todesfälle auf der Fechtschul: ausgewählte Beispiele

von Jan Schäfer

Die Fechtschul war während des 16. und 17. Jahrhunderts ein öffentliches Ereignis, das Teilnehmer wie Zuschauer gleichermaßen in großen Mengen anzog. Auf diesen Veranstaltungen traten die Fechter (überwiegend bürgerliche Handwerkermeister und –gesellen, aber auch Höflinge) innerhalb eines streng festgelegten Regelwerkes mit verschiedenen Wehren gegeneinander an und kämpften in Einzelgefechten um Geld- oder Ehrenpreise.

Strenge Regularien, die von den anwesenden Fechtmeistern auf dem Platz durchgesetzt wurden, sollten Verkrüpplung oder Tod der Fechter verhindern. Dennoch kam es immer wieder zu schweren Verletzungen oder gar Todesfällen. Einige sollen im Folgenden dokumentiert werden

Auf der Fechtschul in Troppau im Jahr 1583 anlässlich der Hochzeit von Hans Friedrich von Liegnitz und Brieg mit einer Schwester des Herzogs Ludwig von Württemberg fochten neben vielen anderen ein Marxbruder mit Beruf Schlosser und ein Tuchmacher aus Nerlingen gegeneinander. „Im ersten gang gieng es one Blutt ab, Im Andern thett der Nerlinger dem Schlosser wider Alles versehehn die Nasen am gesicht enttzway spaltten, daß er sein schwertt weitt von sich geworffen“.

Während der selben Fechtschul ereignete sich eine weitere schwere Verletzung: „Einem Marxbruder, beriembtten fechttern, Ist von einem Federfechter mit dem Stengle ein Aug Auß gestochen worden; Ich darff nitt schreiben, wie hoch das glidwasser hell, weisß, gerad in die höhe Ist gesprungen, so schröcklich zu sehen geweßt“, schreibt der anwesende Hans Ulrich Krafft.

Auch auf der Fechtschul in Stuttgart 1596 zur Taufe des Herzogs August wurde einem Fechter „mit der Duseckhen ein aug auß dem khopff geschlagen“.

Zu Nürnberg fand am 16. (26.) Mai 1602 eine offene Fechtschule beim goldenen Stern statt. Hier fochten Andreas Kameisen, ein Blatschloßer und Freifechter, und Michael Herzog, ein Büttner und Marxbruder, mit dem Rapier gegeneinander. Andreas Kameisen stach seinem Kontrahenten mit dem Rapier ins Auge und verletzte sein Hirn so schwer, dass er nach wenigen Tagen starb.

Die Fechtschul zur Prinzentaufe in Dresden 1614 wurde durch einen Fechtunfall überschattet, der ebenfalls durch ein Rapier verursacht wurde. Der kurfürstlich sächsische Pritschenmeister Wolfgang Ferber berichtet darüber folgendes: „Ein lackey, noch ein jungs Blut, Focht gar zu keck, vnd aus frischem muth, Versah die Schantz (daß glaube mir) Daß er im einfachen Rappier, Wurd zu eim aug gestossen ein, Daß er des Tods must drüber sein, Vnd thet ihms fechten ziemlich behagn, Man must ihn von der Schul wegtrag, Vnd starb denselben Abend noch.“

Die oben aufgeführten Beispiele stammen aus Lebensaufzeichnungen und Lobschriften (im Einzelnen: Fechtschul in Troppau 1583 aus den Lebensaufzeichnungen des Hans Ulrich Krafft; Fechtschul in Stuttgart 1596 aus der Lebensbeschreibung des Professors der Medizin in Basel, Felix Blatter; Fechtschul in Dresden 1614 aus einem Lobgedicht des Wolfgang Ferber) und sind aufgeführt bei Karl Wassmannsdorff: Sechs Fechtschulen. Groos 1870. Der Fall des Andreas Kameisen ist zu finden bei Franz von Soden: Kriegs- und Sittengeschichte der Reichsstadt Nürnberg, Band 2. Bläsing, 1861.

Dienstag, 1. November 2011

Eine Auseinandersetzung zwischen Hans Freytag von Speyer und Felix Dietz vom Zürchberg

Hans Freytag von Speyer war ein deutschsprachiger Fechtmeister in der Tradition des Johannes Liechtenauer. Von ihm ist ein Werk aus dem Jahr 1491 erhalten, in dem er verschiedene Abschriften anderer Autoren zu einer  Handschrift zusammengestellt hat (MI.29, Universitätsbibliothek Salzburg). Viel mehr war von ihm bis jetzt nicht bekannt.

Olivier Dupius und Andreas Meier haben kürzlich einen interessanten Vorfall zutage gebracht, der von einer Auseinandersetzung zwischen besagtem Hans Freytag von Speyer und einem gewissen Felix Dietz vom Zürchberg handelt.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Der Fecht- und Exercitienmeister Johann Andreas Schmidt

von Jan Schäfer

Johann Andreas Schmidt (hier auf einer Abbildung in seinem Fechtsaal in Nürnberg) wurde im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts (genaues Datum unbekannt) wahrscheinlich im sächsischen Zöblitz (vgl. das Nachwort seines Werkes) bei Marienberg im Erzgebirge geboren (vgl. zur Geschichte von Zöblitz z.B. Wilhelm Steinbachs Historia des vom edlen Serpentinstein weitgerühmten Städgens Zöblitz im Meißnischen Obererzgebürge, 1750 [Digitalisat]).

Von dort soll der junge Johann Andreas Schmidt nach Amsterdam gegangen und bei Johann Georg Bruch die Fechtkunst gelernt haben (vgl. dazu das Nürnbergische Gelehrten-Lexicon Band 8, 1808, Seite 88). Aus welcher Motivation heraus Schmidt nach Amsterdam und zu Bruch gelangte, ist unklar. Zwischen den Jahren 1671 bis 1690 könnte er in die große niederländische Hafenstadt gekommen sein und dort seine Lehre bei dem angesehenen Fechtmeister Bruch begonnen haben. Später lehrte Johann Andreas Schmidt dann selbst als Fechtmeister in Nürnberg, dann in Hildburghausen, in Bayreuth, wieder in Nürnberg, in Stuttgart und schließlich in Tübingen, wo er auch verstarb. (vgl. zu den genannten Aufenthaltsorten ebenfalls das Nürnbergische Gelehrten-Lexicon Band 8).

Das während seines ersten Aufenthalts in Nürnberg 1713 veröffentlichte Werk „Leib-beschirmende und Feinden Trotz-bietende Fecht-Kunst“ beschäftigt sich auf insgesamt 376 Seiten mit dem Fechten auf Stoß und Hieb sowie dem Voltigieren und dem Ringen. Es trägt den vollständigen Titel „Leib-beschirmende und Feinden Trotz-bietende Fecht-Kunst; Oder: Leicht und getreue Anweisung auf Stoß und Hieb zierlich und sicher zu fechten; Nebst einem curieusen Unterricht vom Voltigiren und Ringen / Deutlich und gründlich beschrieben / und mit saubern darzu gehörigen / nach den Actionen gezeichneten / Kupffern an das Licht gestellet“. Verlegt wurde es durch den Nürnberger Druckereimeister Johann Christoph-Weigel. Der Autor Schmidt widmet es „den Herren Kriegs-Räten“ seiner derzeitgen Wirkungsstätte Nürnberg: dem „Herrn Hanns Carl Löffelholtz von Colberg / und Zerzabelsdorf / Des ältern geheimen Raths / als dieß hochansehnlichen Collegii vorderstem Kriegs-Rath und Praesdi u.a.m.“, „Herrn Joh. Paul Baumgartnern / von und auf Holenstein / Lonstadt und Grünsperg / Des ätern geheimen und Kriegs-Rath u. a. m.“, „Herrn Carl Benedict Geuder / von und auf Heroltzberg und Stein / Des Innern geheimen und Kriegs-Rath u. a. m.“ und „Herrn Joh. Sigm. Grundherrn / von Altenthan und Weyherhauß / Des hochlöbl. Fränkischen Creyses bestellten Obristen zu Fuß / dann des Innern und Kriegs-Rath“. Mindestens sechs Mal wurde das Buch seit der ersten Drucklegung von 1713 neu aufgelegt, im Jahr 1780 sogar zweimal (in Nürnberg und in Leipzig). [Zur Ansicht: Erstausgabe von 1713 / Nürnberger Ausgabe von 1749 / Nürnberger Ausgabe von 1780]

Dass Johann Andreas Schmidt in Amsterdam ein Schüler des Fechtmeisters Johann Georg Bruch war, wird nicht nur durch die Aussage im Nürnbergischen Gelehrten-Lexicon Band 7 bezeugt, sondern auch durch einen Vergleich der Werke der beiden Fechtmeister bestärkt. Denn es finden sich viele Ähnlichkeiten in Struktur, Didaktik und Inhalt zwischen Bruchs „Grondige Beschryvinge van de Edele ende Ridderlijcke Scherm- ofte Wapen-Konste“ und Schmidts „Leib-beschirmende und Feinden Trotz-bietende Fecht-Kunst“. Insbesondere die ersten annähernd fünfzig Seiten über die Grundlagen, die Terminologie und die Lektionen zu den Hauptstößen von Schmidts Werk sind denen von Bruch sehr ähnlich. Dies legt den Schluß nahe, dass Schmidt nicht nur bei Bruch gelernt hat, sondern dass ihm höchstwahrscheinlich auch beim Schreiben seines eigenen Buches ein Exemplar von Bruchs Werk vorlag. (vgl. hierzu auch Rainier van Noort auf bruchius.com)

Auch zur Ringkunst des Nicolaes Petter finden sich bei Schmidt in Teil 6 seines Gesamtwerkes ("So [...] vom Ringen handelt") einige Parallelen. Petters Buch erschien posthum 1674 ebenfalls in Amsterdam, also in einer Zeit da Schmidt womöglich gerade in der Stadt weilte und bei Bruch das Fechten lernte. Ob die Übereinstimmungen zwischen diesen beiden Werken zufällig sind oder daher rühren, dass Schmidt auch von Petter ein Buch vorlag, er bei ihm oder einem seiner Schüler gelernt hat oder aber diese Art des Ringens in den Niederlanden zu dieser Zeit einfach weit verbreitet und populär war, muss ein genauer Textvergleich sowie weitere Recherchen klären.

Johann Andreas Schmidt soll sein Handwerk, wie bereits mehrfach erwähnt, bei Johann Georg Bruch gelernt haben. Doch der Inhalt seines Fechtbuches belegt, dass er daneben auch die Stile von anderen Fechtern und Meistern verschiedener Nationen kennengelernt hatte. So schreibt er auf Seite 55ff seines Buches: „Es sind viele wunderliche Arten und Manieren vom Fechten / die mir in der Welt vor Handen kommen sind / [...] Die Italiäner / Franzosen / und Teutschen haben jede ihre besondere Inventiones und Manieren. Die Engeländer betreffend / so fast in dem mehresten mit den Franzosen überein kommen / führen doch eine etwas brutale Manier / sowol im Stoß als Hieb / bey sich / und welche noch darbey sehr weitläufig geschehen.“ Auf diese „besondere Inventiones und Manieren“ der Franzosen und Italiener geht er nicht im Einzelnen ein. Ganz anders hält er es mit der spanischen Fechtkunst. Deren Vorgehen beschreibt er so: „die Spanier aber / so offt man einen Stoß nach ihnen führet / thun sie arretiren [...]. Liget der Spanier im Lager oder Postur; so gibt er überm Gewehr keine Blösse / sondern seine Blössen sind alle unter dem Gewehr; worauf er dann wartet / bis man unter dem Gewehr / [...] stossen will; alsdann kan er arretiren / und entweder einen Hieb ins Gesicht geben / oder einen Stoß auf die Brust versetzen.“ Schmidt kennt aber auch Mittel und Methode, diesem von ihm genannten „Spanischen Arrest“ zu begegnen und berichtet davon ausführlich in "4 Spanischen Figuren".

Betrachtet man Schmidts Werk unter diesem Blickwinkel, dass dieser sich längere Zeit in den Vereinigten Niederlanden mit dessen Nachbarländern Frankreich, England und den spanischen Niederlanden aufgehalten haben könnte, so ist anzunehmen dass Schmidt hier auf erfahrene Fechter aus den genannten Ländern getroffen ist. Denn die Vereinigten Niederlande und besonders Amsterdam waren im sogenannten „Goldenen Zeitalter der Niederlande“ mit ihrem weltweit umspannenden Handelsnetz ein Schmelztiegel der europäischen Kulturen und Anlaufpunkt für Menschen aus aller Herren Länder.

Zum Abschluss seien noch einige Anekdoten aus dem Leben des Johann Andreas Schmidt vorgestellt, die uns das Nürnbergische Gelehrten-Lexicon (Teil 8) auf S. 88 überliefert.

Im Jahr 1712 soll er  wegen einer Wette um 10 Dukaten sechs starke Bauern aus einem Wirtshaus in Hagenhausen (ein Stadtteil von Altdorf bei Nürnberg) hinaus geprügelt haben. Bewaffnet sei er dabei lediglich mit einem Stock gewesen.

Ebenso wurde ihm nachgesagt, dass, wenn er mit den Knöcheln seiner Faust auf einen Eichentisch schlug, darin die Knöchelabdrücke seiner Faust zurückblieben.

Die letzte Anekdote handelt von seiner Einstellung als Pagenfechtmeister in Bayreuth im Jahr 1721. Das fränkische Fürstentum Bayreuth wurde zu der Zeit von Georg Wilhelm von Brandenburg-Bayreuth (1678-1726) regiert. (Zu Georg Wilhelm von Brandenburg-Bayreuth siehe: Gansera-Söffing, Stefanie: Die Schlösser des Markgrafen Georg Wilhelm von Brandenburg-Bayreuth. Bayreuth: Verlag C. u. C. Rabenstein 1992; vgl. auch diese Kurzbiographie) Bei diesem focht der erfahrene Fechtmeister Johann Andreas Schmidt im Jahr 1721 im Vorraum des Herrschersaales zur Probe mit zwei Fechtmeistern und entwaffnete in den Gefechten vor den Augen des Markgrafen jeden der beiden Meister mehrmals mittels Ligaden. Daraufhin erhielt er von dem überaus begeisterten Georg Wilhelm sofort die Stelle als Pagenfechtmeister mit einer Entlohnung von 1.000 Gulden.


Publikationsgeschichte des Schmidt´schen Werkes:
  • Leib-beschirmende und Feinden Trotz-bietende Fecht-Kunst; Oder: Leicht und getreue Anweisung auf Stoß und Hieb zierlich und sicher zu fechten; Nebst einem curieusen Unterricht vom Voltigiren und Ringen / Deutlich und gründlich beschrieben / und mit saubern darzu gehörigen / nach den Actionen gezeichneten / Kupffern an das Licht gestellet. Nürnberg, 1713. [Digitalisat]
  • Gründlich lehrende Fecht-Schule, oder Leichte Anweisung, auf Stoss und Hieb sicher zu fechten, nebst einem curieusen Unterricht vom Voltigiren und Ringen. Nürnberg: Endter und Engelbrecht, 1749. [Digitalisat]
  • Fecht-Kunst. Nürnberg, 1750.
  • Lehrende Fechtschule. Nürnberg: Stein, 1760.
  • Johann Andreas Schmidts, Fecht-und Exercitienmeisters Fecht-Kunst, oder leichte und getreue Anweisung auf Stoss und Hieb zierlich und sicher zu fechten. Nebst einem curieusen Unterricht vom Voltigiren und Ringen Nürnberg: 1780. [Digitalisat]
  • Fecht-Kunst auf Stoss und Hieb. Leipzig, 1780.

Dienstag, 27. September 2011

Aus den Memoiren des Friedrich Freiherr von der Trenck: Die jungen Jahre

von Jan Schäfer

Friedrich Freiherr von der Trenck wurde 1727 in Neuhaldensleben als Sohn des Generalmajors Christoph Ehrenreich von der Trenck und dessen Frau Maria Charlotte von Derschau geboren. Als er 59 Jahre später seine Memoiren unter dem Titel „Des Friedrich Freiherrn von der Trenck merkwürdige Lebensgeschichte“ zu Papier brachte, konnte er darin auf ein ereignisreiches Leben zurückblicken. (vgl. zu seinem Leben neben seiner Autobiographie "Des Friedrich Freiherrn von der Trenck Merkwürdige Lebensgeschichte“, [Erstdruck in Leipzig bei Georg Emanuel Beer, 1787] auch Pallua-Gall, „ Trenck, Friedrich“, in: Allgemeine Deutsche Biographie 38 (1894), S. 568-569 [Onlinefassung])

Bevor er als junger Mann sein Elternhaus verließ, um sein Jurastudium zu beginnen, genoß er in seiner Kindheit eine erste Phase der Erziehung auf den Gütern der Familie. Diese Kindheitsjahre, die die ersten Seiten seiner Memoiren umfassen, sollen hier in Auszügen vorgestellt werden. Insbesondere die Absätze 3 und 7 des hier wiedergegebenen Auszugs aus seinen Memoiren sind interessant zu lesen, denn zum einen wird hierin das Fechten, Tanzen und Reiten als Vergnügen und Ausgleich zum Bücher-Studium dargestellt und um anderen werden in Absatz 7 lederummantelte Holzsäbel als Übungswaffen erwähnt.

„[...] Mein Temperament war sanguinisch-cholerisch und erst im 54. Jahre ward das Cholerische herrschend. Trieb nach Freuden und Leichtsinn waren folglich die angeborenen Fehler, welche meine Lehrer zu bekämpfen hatten; das Herz war biegsam, aber eine edle Wißbegierde, ein Nacheiferungsgeist, eine unruhige Arbeitsamkeit, ein bei allen Gelegenheiten angefächelter Ehrgeiz waren die Triebfedern, welche nach dem Entwurfe meines aufgeklärten Vaters einen brauchbaren Mann aus mir bilden sollten. Kaum war ich Jüngling, so keimte schon eine Art von Stolz in meiner Seele, welcher auf dem Gefühl des inneren Wertes Wurzel faßte. Ein einsichtsvoller Lehrmeister, welcher mich vom 6. bis in das 13. Jahr leitete, arbeitete aber unausgesetzt, um diesen empörenden Stolz in eine gemäßigte Eigenliebe zu verwandeln. Durch Gewohnheit, beständig mit Schulbüchern beschäftigt zu sein, durch Anfrischung, Erquickungsstunden und Lob ward mir die Arbeit ein Zeitvertreib, das Lernen eine Gewohnheit, und die strengste Erziehung eine ungefühlte Bürde.

Wenn ein Jüngling einen geduldigen und wirklich gelehrten Lehrer hat, der ihn zugleich liebt und Freude an seinem Unterricht findet, wenn dieser Jüngling vom sechsten bis in das dreizehnte Jahr täglich von fünf Uhr früh bis sieben Uhr abends zur Arbeit angehalten wird und zugleich einen leichten Begriff, einen gesunden Leib, einen forschenden Verstand und ein großes Gedächtnis mit einer regelmäßigen Organisation besitzt, wenn seine Lehrer ihn bei seiner Schwäche zu lenken und sein Feuer so anzufachen wissen, daß es keine Funken in wachsende Leidenschaften aussprühen kann, dann allein ist es möglich, daß der Schüler, so wie ich, schon im dreizehnten Jahre alle Schulstudien gründlich absolvieren und zu den höheren Wissenschaften auf Universitäten schreiten kann. Die ganze Geschichte hatte ich nicht nur buchstäblich, sondern mit aufgeklärter Anwendung im Kopfe, so im Kopfe, daß ich heute noch in meinem sechzigsten Lebensjahre, fast alle römischen Regenten und Kaiser, alle großen Männer und Gelehrten nennen und auch das Jahrhundert bestimmen kann, in dem sie lebten.

Mein Vater schonte kein Geld, wo Gelegenheit war, etwas zu lernen. Mit Fechten, Tanzen, Reiten und Voltigieren wurden meine Erquickungsstunden beschäftigt. Und wenn ich irgendwo müde wurde oder Ekel merken ließ, dann brauchte man mir nur versprechen, daß ich nach vollbrachter Lektion ein paar Stunden Vögel schießen, Fische fangen oder spazieren reiten durfte: so war im Augenblick alles gelernt, und Wonne und Freude verbreiteten sich bei der strengsten Kopfarbeit in meiner ganzen Seele.

Man blieb aber nicht allein bei den toten Büchern, die nur den Kopf anfüllen und den Gelehrten bilden, man arbeitete zugleich auf das Herz, auf das Sittliche und auf die moralischen Empfindungen des Jünglings.

Erholungsstunden durfte man mir wenig gestatten, denn überall waren Händel, wo ich mich einmischte. Und wo lustige Streiche gespielt wurden, wo man mit verkleideten Gespenstern das Gesinde schreckte, oder wo Zucker und Obst genascht wurden: da war Fritz gewiß der Urheber, allezeit aber sicher in Verdacht. Hierdurch übte ich mich in listigen Ausflüchten und geriet durch Notlügen auf den Geschmack, andern Leuten eine Nase zu drehen, auch die Wahrheit listig zu bemänteln, denn gegen Gewalt hilft am sichersten der Betrug.

Meine Lebhaftigkeit war unbegrenzt. Durch liebreiche Worte aber war alles von mir zu erhalten, wogegen mich Schläge und niedrige Handlungen empörten und halsstarrig machten. Die ganze Grundlage meiner Erziehung war demnach auf Ehrgeiz, Lob und Tadel gegründet. Und weil geschwinde Begriffe und unausgesetzte Arbeit mich früher klüger machten als alle Jünglinge, die ich zum Umgang fand, weil ich mich von allen Menschen loben und von vielen bewundert sah, so geriet ich unbemerkt aus der Eigenliebe in einen Stolz, in eine gewisse Menschenverachtung oder Tadelsucht, die mir bis zum grauen Haar angeklebt und mir viel Händel in der Welt verursacht hat.

Mein Vater war durchaus Soldat. Tapfer und ehrgeizig sollten alle seine drei Söhne werden. Wenn demnach einer den andern schimpfte oder beleidigte, so durften wir nicht mit den Haaren raufen. Es geschah eine förmliche Aufforderung mit hölzernen Säbeln, die mit Leder überzogen waren. Und der Alte sah lächelnd zu, wenn wir uns herumsäbelten, eben hierdurch aber in den Fehler gerieten, Händel zu suchen, um bei jedem Siege gepriesen zu werden. [...]“

Aus: Kapitel 1 der „Memoiren des Freiherrn von Trenck“ (Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Dr. Walther Liebert, 1925)

Donnerstag, 8. September 2011

Fechtschulen für einen gefangenen Kurfürsten

von Jan Schäfer

Der kaiserliche Notar und spätere Bürgermeister von Stralsund Bartholomäus Sastrow (1) hinterließ eine umfangreiche Biographie seines Lebens. (2) Darin berichtet er auch von der Zeit nach dem Schmalkaldischen Krieg, als der Kurfürst Johann Friedrich I.  1546 (3) in kaiserlicher Gefangenschaft in Augsburg saß, aber dank vieler Freiheiten hohe höfische Gesellschafter empfangen, in die Stadt ausreiten und sich die Zeit mit Reitspielen, Schach, Büchern und dem Halten von Fechtschulen vertreiben durfte.

"Cap. II. Wan vnnd wie der Key. Mytt. einzug; wo die gefangenen Churfürst von Sachsen vnnd Landtgraue von Hessen gelassen, gehalten vnnd tractiret worden, vnnd die Key. Maytt. hawen vnnd vorfertigen ließ, das zum Gebrauch ernstlicher Straffe Miszhandlung (Anm. des Hg.: für: zum Gebrauch bei Ausuebung ernstlicher Strafen) dienlich.

Am Endes des Hewmonats ist die Key. Maytt. mit dem gantzen exercitu heran kommen; den Landtgrauen hat er mit eim Haufen Spannier zu Donauwerde gelassen, aber der gefangen Churfursten hettt er mit in Augszburg gebracht, vnnd furieren lassen in dem Welser Haus belegen am Weinmarkede, zwei Hauser von des Keysers Palast, vnnd dan ein kleines Gäszlein hart an meiner Herbergen; durch die Rebenheuser hette der Keyser brechen vnnd vber das Gäszlein eine Brugge legen lassen, das man aus des Keysers Losament in des Churfursten gehen konnte. Der Churfurst hett sein eigen Kuchen gehalten, auch seinen Cantzler Minkenitzen, vnnd sonst sein eigen Gesinde, so auf ihn gewartet, bei sich gehabt, so dasz die Spannier in seiner Stuben vnnd Schlafkammer nicht haben kommen mussen. Der Herzog von Alba und andere große Herren am kaiserlichen Hause, auch sonst, sein zu ihm ein und ausgegangen, haben mit freundlichem Gespräch, auch allerlei Kurzweil, ihm gute Gesellschaft geleitet; hatte im Hause seiner Herberge (so zwar herrlich und fürstmäßig gebaut und zugerichtet ist) einen Rennplatz, da sie über die Stangen gestochen; ihm ist erlaubt, in der Stadt an lustige Orte, zierlich mit sonderlicher Kunst zugerichtete Gärten (deren zu Augsburg ettliche sein) zu reiten; auch (dieweil er von Jugend auf Lust zum Fechten gehabt, und, als er jung und beruriger gewesen, auf allen Wehren gerne gefochten hat) ihm zugefallen, Fechtschulen zu halten, bestellen lassen, jedoch sein die spanischen Soldaten vor ihm gangen und gefolgt; ihm ist nicht gewert fast bis zum Ende des Reichstages (als er sich gewehrt, das Interim anzunehmen) Bücher, die er gewollt, zu lesen."(4)


Rücklick: Illustration der Schlacht bei Mühlberg, in der Johann Friedrich I. gefangen genommen wurde.


Schlacht bei Mühlberg, Holzschnitt aus dem Jahr 1547 von Virgilius Solis d. Ä.
(Rechts im Bild: Kaiserliche Truppen überqueren die Elbe; Bildmitte und links: die sächsichen Truppen werden bei Mühlberg geschlagen, Kurfürst Johann Friedrich wird in einem Wald bei Falkenberg von gegnerischen Truppen umzingelt und gefangengenommen) Bildquelle: zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH



Anmerkungen:
(1) Bartholomäus Sastrow; geboren  1520 in Greifswald, gestorben 1603 in Stralsund; zur Biographie siehe Pyl, Theodor: Sastrow, Bartholomäus. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 30, Duncker & Humblot, Leipzig 1890, S. 398–408.
(2) u.a. als Ausgabe von Mohnike, Gottlieb (Hrsg.): Bartholomäus Sastrowen Herkommen, Geburt und Lauff seines gantzen Lebens, auch was sich in dem Denckwerdiges zugetragen, so er mehrentheils selbst gesehen und gegenwärtig mit angehöret hat, von ihm selbst herausgegeben. Band 1-3. Universitäts-Buchhandlung, Greifswald 1823-24.
(3) Johann Friedrich I.; geboren 1503 in Torgau, gestorben 1554 in Weimar; siehe zur Biographie Klein, Thomas: Johann Friedrich (I.) der Großmütige. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974. Hier auf einer Abbildung im sächsischen Stammbuch: SLUB Mscr.Dresd.R.3, Blatt 108r.
(4) zit. n. Mohnike, Gottlieb (Hrsg.): Bartholomäus Sastrowen Herkommen, Geburt und Lauff seines gantzen Lebens, auch was sich in dem Denckwerdiges zugetragen, so er mehrentheils selbst gesehen und gegenwärtig mit angehöret hat, von ihm selbst herausgegeben. Band 1-3. Universitäts-Buchhandlung, Greifswald 1823-24.

Literatur:

Das Sächsische Stammbuch - Mscr.Dresd.R.3. Sammlung von Bildnissen sächsischer Fürsten, mit gereimtem Text; aus der Zeit von 1500 – 1546. Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek. Sammlung Handschriften Saxonica. Illustrator: Cranach, Lukas. [Digitalsat SLUB]

Klein, T.: Johann Friedrich (I.) der Großmütige. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot 1974, S. 524 f.

Klueting, Harm: Das konfessionelle Zeitalter. Europa zwischen Mittelalter und Moderne. Primus Verlag, 2007.

Sastrow, B.: Bartholomäi Sastrowen Herkommen, Geburt und Lauff seines gantzen Lebens: auch was sich in dem Denckwerdiges zugetragen, so er mehrentheils selbst gesehen und gegenwärtig mit angehöret hat, Band 1-3. Herausgegeben von Gottlieb Mohnike. Verlag Universitäts-Buchhandlung 1823.

Mentz, G. (Hrsg.): Johann Friedrich der Grossmütige 1503–1554. Festschrift zum 400jährigen Geburtstage des Kurfürsten namens des Vereins für Thüringische Geschichte und Altertumskunde; Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens, 1. Verlag G. Fischer 1903.

Moeller, B.: Deutschland im Zeitalter der Reformation (Deutsche Geschichte 4). Vandenhoeck & Ruprecht 1999.

Dienstag, 23. August 2011

Ein Lobspruch auf die Fechtkunst – das Fechtgedicht des Dresdner Bürgers und Marxbruders Christoff Rösener

von Jan Schäfer

Christoff Rösener, Bürger der Stadt Dresden und Marxbruder, veröffentlichte 1589 in Dresden sein „Ehren Tittel vnd Lobspruch Der Ritterlichen Freyen Kunst der Fechter, auch jhrer Ankunfft, Freyheiten vnd Keyserlichen Priuilegien etc.“.

Die Marxbrüder, deren Mitglied der Autor Christoff Rösener im Rang „Meister des Schwerts“ zu Lebzeiten ist, waren eine durch kaiserlichen Erlass privilegierte Bruderschaft von Fechtmeistern und –schülern, die ihre Blütezeit im späten 15. und während des 16. Jahrhunderts erlebte (vgl. zur Geschichte der Marxbrüder Karl Wassmannsdorff: Sechs Fechtschulen. Groos 1870).

Eine Reise zur Meisterprüfung der Marxbrüder nach Franfurt bildet die Rahmung für den ersten und umfangreichsten Teil  in Röseners Werk. Jener erste Teil trägt den Namen „Bericht vom Fechten“. Die anderen beiden Teile sind der „Gesang der Ritterlichen Fechtkunst / ihren Ursprung / Fundament, und begriff Aller heimligkeit“ und eine „Underrichtunge auch Nützliche anweisung des Fechtens / sampt dem gantzen Fundament im Dussacken.“

Röseners „Bericht vom Fechten“ kopiert stellenweise das 1545 von Hans Sachs gedichtete „Ankunfft und freyheyt der kunst“ (vgl. Hans Sachs: „Ankunfft und freyheyt der kunst“).

Der zweite Teil der „Gesang der Ritterlichen Fechtkunst / ihren Ursprung / Fundament, und begriff Aller heimligkeit“ ist eine Dichtung von Paulus Roth, welche dieser Christoff Rösener geschenkt hatte. Der Text benennt die einzelnen Stücke der Fechtkunst mit dem langen Schwert, indem es in freier Weise die Lehrverse des Johannes Lichtenauer aufnimmt.

Der letzte Teil, die „Underrichtunge auch Nützliche anweisung des Fechtens / sampt dem gantzen Fundament im Dussacken“ ist nur wenige Zeilen lang.

Der aus diesen drei Teilen bestehende „Ehren Tittel vnd Lobspruch Der Ritterlichen Freyen Kunst der Fechter“ wurde 1589 in der kurfürstlichen Stadt Dresden durch Simel Bergen gedruckt. Der Autor Christoff Rösener widmet sein Werk „Dem Edlen und Wolgebornen Herrn / Herrn Wentzelao auff Schmirsitzky / Herr auff Nacht vnd Quartz“. Welche Beziehung zwischen dem Bürger der Stadt Dresden und Marxbruder Christoff Rösener und dem Herrn Smiřický bestand, lässt sich nicht genau sagen. Aus Röseners Widmung geht jedoch hervor, "das E. Gn. (Anm.: gemeint ist Smiřický) Selbst diese Ritterliche Kunst üben / vnd an derselben Hoff täglich durch eigene Fechter brauchen lassen".

Folgend die Transkription von Röseners Werk. Die Verwendung der Buchstaben ‘i‘, ‘j‘, ‘u‘, ‘ü‘, ‘v‘, ‘w‘ und ‘y‘ in der Transkription wurde weitgehend dem heutigen Sprachgebrauch angepasst, wo es der Verständlichkeit diente und den Reimfluss nicht störte.

Ehren Tittel und Lobspruch Der Ritterlichen Freyen Kunst der Fechter, auch ihrer Ankunfft, Freyheiten vnd Keyserlichen Privilegien etc.
gestellet durch 
Christoff Rösener Bürger in Dreßden /
und durch  Keys: May: Freyheit /

Meister des Schwerts.

Anno 1589. 

Welcher begert berichts genung /
Der Fechter Kunst unnd ihrn Ursprung /
Der less mit felis dieses Tractat,
Dann er drinn schönen bericht hat.
Wer die Fechtkunst hat angefangn /
Auch ihr Befreyhung / und wie lang /
Solche Fechtkunst erfunden ist /
Steht alles hierinn / wer fleißig list.
Der wird sich auch verwundern sehr /
Was Fechten bringt für grosse Ehr /
Denn die Fechtkunst bey grossen Herrn /
Geruhmet wird / vnd bringt zu Ehrn /
Den / der das Fechten sehr wol kan.
Er kan bey grossen Potentatn,
Hierdurch in grosse gnad gerathn.

Zu Ehren
Dem Edlen und Wolge-
bornen Herrn / Herrn Wentzelao
auff Schmirsitzky / Herr auff Nacht
und Quartz / etc. Deinem gnedigen Herrn.
Gottes gnad und segen durch Christum
Unsern Erlöser / Amen.

Wolgeborener /
Gnediger Herr /
Das ich dieses Tractetlein, die Ritterliche unnd weit-
berühmte Kampff un
Fechter Kunst be-
Treffend (Der sich
Keyer / König /
Fürsten vnd Herrn
Gebrauchen / auch
Alle die jenigen / so sich derer Kunst üben / mit
Provision unnd unterhalt vorsehen und befordern)
in Druck gegeben und Publiciren lassen (ist nicht
ohn erhebliche ursach geschehen / Sondern die-
weil wie gemelt / grosse Herren und Potentaten
diese Ritterliche Kunst ehren und fordern / Also /
das sie von etlichen Keysern mit Privilegien unnd
Freyheiten begnadet worden / das die jenigen /
welche diese Ritterliche Kunst gelernetuvnnd ge-
brauchen / was Marxbrüder sein (Die Feder-
Fechter ausgeschlossen) einen offenen Helm / ne-
ben einem starcken Lewen führen mügen. Weil
mir dann wissend / das E. Gn. selbst diese Ritter-
liche Kunst üben / vnd an derselben Hoff täg-
lich durch eigene Fechter brauchen lassen / also hab
ich dieses Tractetlein (neben einem angehengten
Gesangk) darinn das gantze Fundament der löb-
lichen Fechtkunst begriffen / E. Gn. zu Ehren in
Druck vorfertigt. Bin demnach in unterthe-
niger hoffnung / E. Gn. werden ich dieses Tractet-
lein gnedigst gefallen und lieb sein lassen (wie ich
auch hierumb underthenig bitten thue.) Dann
E. Gn. Ich sonst mit nichts besser zu dem mahl
Zu vorehren vermüglichen. E. Gn. Wollen als
zu diesem mahl gnedigst vor lieb nehmen / Mein
Gnediger Herr / wie bishero geschehen / sein und
bleiben. Befehl E. Gn. In Gottes schutz vnd
schirm. Geben in Dreßden / den 1. Julij / im
1589 Jar.

E. Gn.
Underthen.

Christoff Rösener
Meister des Schwerts.

Bericht vom Fechten.
Einsmals gieng ich spatzieren weit /
Ins ebne Feldt / und sah zur seidt /
Ein hübschen Jüngling her spatziern /
Der fraget mich: Kan ich auch irrn:
Auff diesem Weg / da ich jetzt bin:
Da fieng ich an und grüsset ihn:
Er dancket mir züchtiger massn /
Balt trat er zu mir an die strassn.
Da fragt ich ihn / wo er hin wolt /
Dasselb er mich berichten solt.

Er sprach: Ich will hin an den Meyn /
Mich zu Franckfurt da lassen freyn.
Denn ich vor lengst hab begert /
Meister zu sein im langen Schwerdt.
Auch sunst in aller Fechter Wehrn /
Denn dadurch kom ich bald zu Ehrn.

Da sagt ich / Ja ihr geht hie recht /
Bleibt auff dem Weg / er ist gar schlecht /
Der wird euch bringen an den orth /
Da ihr hin wolt / geht immer forth.
Er führt euch in die Stadt hinein /
Welch ihr genandt / Franckfurt am Mayn.

Ich ging mit ihm eine gute Eck /
Der Jüngling redet frisch und keck.
Da nam ich ursach ihn zu fragn /
Und bat ihn das er mir wolt sagn.
Wo doch her kem: der Fechter Kunst /
Und ihr Ursprung / denn ich ihr sunst /
Von jugent auff hett gunst getragn /
Der Jüngling thet bald zu mir sagn.
Ja / wenn ich hett mein sach verricht /
Ich wolt euch geben fein bericht.
Wer die Fechtkunst erfunden hat /
Aber ich fürcht / ich kom zu spat /
Gen Franckfurt hin / denn ich hab zeit /
Mich dünckt / der weg sey zimlich weit.
Wann ich jetzund vorseumpt die Mess /
So würde ich durchaus vorgessn.
Und must noch warten ein gantz Jar /
Das ich euch jetzundt sag / ist war.

Ich sagt zu ihm / ey ich weis rhat /
Morgen frü fahr ich in die Stad /
Da kan ich euch fein nehmen mit /
Bleibt heut bey mir / das ist mein bitt.
Ja wenn ich dieses wer gewis /
Ich mich hierzu vermügen lies.

Ich sprach / gleubt mir ohn allen spot /
Lest mich leben der liebe Gott /
So fahr ich Morgen gwiss hinein /
Kompt nur her und kert bey mir ein.
Im namen Gotts / ich lass geschehn /
Ich will mit euch jetzt hinein gehen.
Seit mir willkomen in mein Haus /
Leget nur ab / und thur euch aus.
Man sol euch ein Handwasser gebn /
Auch ein bißlein essen da nebn.
Ey mein Herr Wirt / spart ir die müh /
Ich danck / das ich hab Herberg hie.
Esst ihr frey und last euch nicht graun /
Ihr mügt euch heint mir gantz vertraun.
Morgen wöllen wir weiter redn /
Von den Fechtern und ihrn geberdn.
Ja wils Gott / Morgen will ich bald /
Berichten recht / doch in einfalt.
Ein guten Morgen mein Herr Wirth /
Ihr habt mich recht wol angefürth /
Ich hab geruhet mechtig wol /
Itzt sag ich euch was ich nur sol.
Ja / Jung Gesel ich höre es gern /
Was ihr mir sagt / ich möchts wol lern.

Die Ritter Fechtkunst ist auffkom /
Und hat ihren Ursprung genomn /
Eh denn Troia zerstöret war /
Ettwas mehr denn Eillf hundert Jar /
Vor des Herren Christi geburt /
Vom Hercule erfunden wurdt.
Der Olimphische Kampff mit Nam /
In dem Lande Arcadiam.
Bey Olimpo dem hohen Berg /
In diesem Ritterlichen werck.
Kempfften zu Roß / nackende Heldt /
Wie Herodotus uns erzelt
Welcher nun Ritterlichen kempfft /
Die andern mit seinm Schwerte dempfft /
Derselbe wurd begabet gantz /
Von Oilbaum / mit eim schönen Krantz.
In dem Kampff Hercules erfacht /
Gross Lob und Preis / durch Heldes macht.
Gebot / das man den Kampff solt gar /
Halten allweg im fünfften Jar /
Mit grosser Herrlichkeit allmahl /
Nach dieser Olimpischen zaal /
Die Griechen hielten diese zeit /
Wie Polidorus urkund geit.

Als aber nun Hercules starb /
Dieser Olimpische Kampff verdarb /
Das er ein zeitlang von den Alltn /
Im Griechenland / nicht wurd gehaltn.
Jedoch hat Ipitus sein Sohn /
Solches wider auff richten thon.
Eben gleich in voriger arth /
Nachdem Troia zerstöret ward /
Der lang war bey den Griechen bliebn /
Wie Solinus uns hat beschriebn:
Nach dem sind auch in Griechenland /
Mancherley arth Kampffspiel entstanden /
Etlich gar nackt allenthalben /
Thetn sich mit dem Baumöll salben /
Und Kampffweis mit ein ander rungen /
In Schrancken / Wetlauffen / und sprungen.
Da erfand König Phyrus gros /
Den gwapneten Turnir zu Rosz /
Und wie man solt in Ordnung reittn /
Genannt der Pirrich sprung vorzeittn /
In dem Kempffen vor langer zeit /
Hat Mercurius zubereit /
Die jungen Kempffer in Kampff stückn /
Auff das ihn thet der Sieg gelückn /
Hat so die erst Fechtschul gehaltn /
Wie uns des bezeugen die Altn.
Diodrus und andre mehr /
Hielten dis für die größte ehr /
Wann einer da einn Crantz erfacht /
Rhümtens vor Reichtum / Gwalt un pracht.
Von dannen auch das Kampffspiel kom /
In die Grosmechtige Stad Rom /
Da Staurus ein Theatrum baut /
Darin das Volck dem Kampff zuschaut /
Auff Marmelstein Seulen gefundrt /
An der Zahl Sechtzig und drey hundert /
Dis ward das gröste Werck genant /
So je gemacht durch Menschen hand /
Darinn mit grosser prechtigkeit /
Brauchten die kampffspiel lange zeit.
Das offt in eim Kampff Kempffer warn /
Auch mehr dann in die Tausent par /
Sie fochten aber alle scharff /
Einer den andrn hieb / stach und warff /
Mit Schwertern / Kolben / Spies und Pfeil /
Jeder hat ein Schild zu seim theil /
Damit er sich schützt in der noth /
Viel blieben auff dem Kampffplatz tod /
Viel hart verwund / die sich ergabn /
Mancher art sie da Kempffet haben /
Das mus ich auch sagen ist war /
Das etliche Kampff bestellet warn /
Mit Elephanten / Thygertirn /
Mit Parden / Lewen / wilden Stirn /

Mit wilden Pferden / und mit Bern /
An den must man sein Kunst bewern /
Ohn schaden gieng der Kampff nicht ab /
Bey Fidena sich eins begab /
Zu des Keysers Tyberi zeit /
Das ein Spielhaus einfiel / war weit /
Zwantzig Tausent Menschen erschlan /
Welche solchem Kampffspiel zu sahn.

Nach dem aber die gros Stadt Rom /
Zu dem Christlichen Glauben kam /
Wurden abgeschafft die Kampffspiel /
Weil es also galt Blutes viel.
Wider Christlich Ordnung und Lieb /
Dannoch ein stück vom Kampffe bleib.
Viel Helden Kempffen im freyen Feld /
Ritten zusammen in die Wäld /
Als Eck / und der altt Hillebrandt /
Laurin / der Hürnen Seyfrid genant.
König Fasolt / Dietrich von Bern /
Theten ein ander Kampff gewehrn /
Nur zu erlangen Preis und Ehr /
Dergleichen vor kurtzer zeit mehr /
War noch der brauch beim Deutschen Adll /
Wann einer fand am andrn ein tadll /
So fordert er ihn bald zum Kämpffn /
Da einer thet den andern dempffn /
Gerüst zu Roß / im Feld odr Schranckn /
Wer lag der lag ohn alles zanckn.

Zu der zeit auch zu fuss man kempfft /
Gerüst einer den andern dempfft /
In drey Wehren / Schwert / Tolch und Spies /
Wo einer auff den andern sties /
Verwundet oder gar umbbracht /
Deßgleichen man scharrf und facht /
In Wammest / Hembd und mit eim Schild /
Solches alles ist nun gar gestilt /
Das solche Kampff vorbohten hat /
Römisch Keyserlich Mayestat
MAXMILIANUS der theur /
Aus Christenlicher liebe Feur /
Das dis wer ein unchristlich that /
Weil daraus kem / so viel unrath /
Am Leib / und an der Seelen schadn /
Und hat mit Freyheit thun begnadn /
Fechten / die Ritterliche Kunst /
Darzu er denn trug sondern gunst.
Weil er selbst kund zu guter mass /
Darumb Privilegirt er das.

Das die Meister von der Geschicht /
Ein Ordnung haben auffgericht /
Sanct Marxen Brüderschaft genandt /
In Deudschland jetzt sehr wol bekand.
Und ist nicht ohn gefehr geschehn /
Denn / weil bey S. Marxen thut stehn /
Ein Lew / wie das die Schrift beweist /
Darumb S. Marcus wird gepreist /
Das er mit gar freudigem muth /
Gottes Wort rein auslegen thut /
Und schewet da gar niemand nicht /
Wie der Lew / mit fröhlichem gsicht.
Kein Thier nicht fürcht / sondern ohn schaw /
Erwischt er eins / mit seiner Klaw /
Er helts / es sey jung oder alt /
Auch zureist etliches gar bald.

Also hatt S. Marcus ein sinn /
Predigt Gottes wort immer hin /
Sicht durchaus kein Person nicht an /
Fürcht sich auch nicht für keinen Man /
Gleich wie der Lew mit frischem muth /
Sich nicht scheut / so S. marcus thut.

Gleicher gestalt die Marxbrüder auch /
Haben jetzo gleich diesen brauch /
Das sie auch gar mit frischem muth /
Umb sich schlan / wie der Lewe thut.
Scheuen kein Kempffer oder Helt /
Der nehst der best / ihn wol gefelt /
Nemens mit einem jeden an /
Nur frisch frölich / thun sie zu schlan /
Drümb führen sie ein starken Lewn /
Thun sich dessen / für niemand schewn.

Wer nun Meister sein will des Schwerts /
In diesem Ritterlichen schertz /
Derselb in der Herbst mess allein /
Zieh hin gen Franckfurt an den Meyn /
Alda wird er Examinirt /
Von den Meistern / des Schwerdts probirt /
In allen Wehren / hie berürt /
Was einem Meister zu gebürt.
Fechtens Kunst / den verborgnen Kern /
Kan er das Meisterlich gewern /
Als denn man ihn zum Meister schlecht /
S. Marxen Brüderschaft empfeht.
Also habt ihr jetzt fein vernommn /
Wo die Marxbrüder sein herkomn.

Nachdem mag er nun Fechtschuel haltn /
Auch Schüler leren und vorwaltn /
In allen Ritterlichen Wehrn /
Erstlich / mit langem Schwerdt in Ehrn /
Messer / Spies und der Stangen wardtn /
Im Dollich und auch Hellebartn /
Jedes nach arth / mit seinen stückn /
So mag in Ehren ihm gelückn.
Wo er Schul helt im gantzen Reich /
In den Fürstlichen Städten gleich /
Durch aus in gantzem Deudschem Landt /
Ich sprach / wie sind die stück genant /
Die man mus leren im anfang /
Er sprach / der Kunst / zu dem eingang /
Lert man öber und unter Hau /
Mittel und Flügel Hau / genau.
Auch gschlossen und ein fachen sturtz /
Den trit lert man darzu auch kurtz.
Den Possen und auch ein auff hebn /
Ausgeng: und nider stellen ebn /
Ich bat: Mein jung Gesell zeigt an /
Wie heist man die stück für dem Man.

Er sprach / Ob ichs euch gleich thet nenn /
Könt ihr die stück / ohns werck nicht kenn /
Weil ihr nicht habt gelernt die Kunst /
Doch ich euch aus besondrer gunst /
Etlich hieb und stück nennen wil /
Die sind Meisterlich und subtill.
Den Zornhau und krumbhau den schau /
Zwerchhau / Schillhau und Scheitlerhau.
Wunder versatzung: und nach reisn /
Uberlauff durch wechssel etlich heissn.
Schneiden / hauen / stich in Winden /
Abschneiden / hengen / und anbinden.
Die Kunst helt in vier Läger klug /
Alber / Tag / ochsse und den Pflug.
Noch sind der stück viel alle sändr /
Das immer eines bricht das andr.
Doch in dem alln ein Fechter merck /
Auff die vier blös / auff schwech und sterck.
Der höchsten rhur all mahl war nehm /
Seinen Zorn / selber brech und zem.

Noch sind vorhanden viel Kampffstück /
Wie man ein werffen sol in rück.
Beinbruch / Gmechtstös und Arm brechen /
Mordtstöß / Fingrbruch / zum gsicht stechen.

Ich sagt / Ich bitt bericht mich auch /
Weil Kempffen nicht mehr ist im brauch.
Was ist die Kunst: des Fechtens nütz?
Er sprach: Euer frag ist gar unnütz /
Laß Fechtn gleich nur ein kurtzweil sein /
Noch ist die Kunst lönlich und fein.
Adlich / wie Stechen und Turnirn /
Als Seitenspiel / singn und quintirn.
Für Frauen / Rittern und Knechten /
Wo man ein lustig Spiegel fechtn /
Sieht / zierts manchen Adlichen sprung /
Das erfrewet alte und jung /
Auch macht Fechten / wer es wol kan /
Hurtig und rundt / leicht und gering /
Gelengk / fertig zu allem ding.
Gegm Feind behertzt und unvorzagt /
Tapfer und keck / wers Mannlich wagt.
Kühn und großmütig in dem Krieg /
Zu gewinnen Lob / Ehr und Sieg.
Macht neben ihm frisch etlich Hundrt /
On noth des Fechtens Kunst euch wundrt.

Weil auch erlangt die ehrlich kunst /
Bey Fürstn und Herrn / genad und gunst,
Provision und diens allzeit /
Auch wird mancher Fechter gefreyt.
Von Fürstn / oder Königlich Maiestat /
Das er Macht: Schul zu halten hat.
Als er ein gschlagner Meyster sey /
Nun habt ihr fein gemerckt hierbey /
Mit kurtzen worten gar genug /
Der Fechter Kunst / und ihrn ursprung.
In grosser würd gehalten lang /
Auch wie sie jetzund geht im schwang.
Damit auch mancher Meister mehr /
Durch die Fechtkunst erlangt gros ehr.
Drumb zieh ich jetzund hin allein /
Auff die Mess / gen Franckfurt am Mayn.
Wil mich da von den Fechtern werdt /
Lassen schlan zum Meister im Schwerdt.
Sie werden mich öffentlich führn /
In ihren Platz / und da Probirn.
Wann ich da auff der Prob besteh /
So vorhindert mich denn nichts mehr.
Werd als dann zum Meister erkorn /
Und wann ich ihnen hab geschworn.
So zich ich wider meine strassn /
Und thu mich des Fechtens an massn.
Mag das brauchen durchs gantze Landt /
Und wenn ich gleich bin unbekand /
Dennoch brauch ich die Ritterkunst /
Und krieg also durchs Land viel gunst.

Mein jung Gesell sagt mir dich auch /
Was helt man denn für einen brauch /
Zu Franckfurt in der werden Stad /
Darvon ihr mir viel gesagt hat.
Wann nun ein Fechter kompt hinein /
Wolt gern ein Meister im Schwerdt sein.
Bey wehm mus er sich geben an /
Der ihn kan zu eim Meister schlan.
Was helt man denn für ein Proces /
Zu Franckfurt in der grossen Mess.

Mein lieber Wirth / ich will euch ebn /
Auf euer Frag gut antwort gebn.
Ob ichs schon selbst gesehen nicht /
Doch gebn mir die Alten bericht.
Das: wann ein Fechter hinein kümpt /
Und derselb den bericht nimpt /
Wo er antreffe den Hauptman /
Mus er sich bey ihm geben an.
Und mus werden zun Vier Meistern /
Die werden ihn alsbald heissen.
Das er mus thun die Proben hau /
Die Fünff thun ihm alle zuschaun.
Wann er besteht in solcher Prob /
So wird die Sach da auff geschobn.
Bis auff den Sontag in der Mess /
Da wird er denn mit nicht vorgessn.
Sondern er wird da vorgestelt /
Für alle Meister / wie ein Heldt.
Die mus er da alle bestehn /
Keiner lest ihn für über gehen.
Er mus mit jedem aus dem Schwert
Fechten / wers nur an ihn begert.
Wann er in der Prob ist bestandn /
So nimpt man ihn als dann zu handn.
Und lest ihn knien auff die Erdt /
Da wird er mit dem Parat Schwerdt.
Von seiner lenden Creutzweis:
Geschlagen / auffs Hauptmanns geheis.
Er mus auch wie die andern pflegn /
Zween Goltgülden auff das Schwerd legn.
Da thut man ihn ein Fechter nennen /
Und für den Meister im Schwerd erkennen.
Wann er nun dieses hat gethan /
Mus er auch schweren dem Hauptman.
Das er die zeit bey seinem leben /
Sein Meisterschaft nicht wil ubergebn.
Wann er nun durchaus so besteht /
Druff er die heimligkeit empfeht /
Und bleibt also Meister im Schwerdt /
Die Fechter haltn ihn Lieb und werdt.
Nun werdt ihr haben vernommen recht /
Wie man einen zum Meister schlegt.

Ja / ich habe recht genommen ein /
Ich möchte wol selbst dabey sein.

Mein halt mir noch zu gut ein frag /
Mein grobheit mit gedult vortrag.
Weil das denn sonst kein Keyser mehr.
Die Marxbrüder befreyen kan /
Denn der theur maximilian.

Nach dem theuren Maximilian /
Hat sichs ungefehr zugetragn.
Das der loblich Keyser Friedrich /
Wie ich euch geb jetzo bericht.
Im Tausent und Vierhundert Jar /
Sieben und achtzig dis ist war.
Am Zehenden Monats tag May /
Zu Nüremberg / wie ich meld hie.
Dis Privilegium thun verneurn /
Nach Maximilian dem theurn.
Aso man Tausend fünffhundert zalt /
Und zwölf Jar / ich eich nicht verhalt /
Den Siebn und zwantzigstn September /
Hat auch mit lust ohn all beschwer.
Die Keyserliche Mayestat /
Zu Cöllen in der grossen Stadt /
MAXIMILIAN genennet wird /
Die Marxbrüder auch Privilegirt.

Zu dem / als man auch hat gezalt /
Tausent / Fünffhundert / und als bald /
Sechs und sechtzig / im Monat Mey /
Den sechsten / ich euch sag hierbey /
Sind die Marxbrüder nach der Wahl /
Privilegiret noch ein mahl.
Vom Keyser Maximilian /
Wie ich euch jetzo zeige an.
Ist in Augsburg der Stad geschehn.

Jetzt nun mehr hat Rudolf der Keysr /
Den Marxbrüdern die gnad thun bewisn /
Weil sies haben vor wenig zeit /
Gesucht in underthenigkeit /
Die ersten Brieff neu Confirmirt,
Und sie wider Privilegirt.
Geschach im Nein und siebntzigstn Jar /
Der wenger Zahl sag ich fürwar /
Den Zehenden tag Julii /
Das hab ich müssen melden hie.
Auff des Keysers Burg der Stadt Prag /
Drümb merckt mit fleis / was ich auch sag.
Hieraus künd ihr nun schliessen fein /
Das die Fechtkunst geehrt mus sein.

Weil ihr mir denn auff mein frag ebn /
So richtigen bescheid hat gebn.
So dörfft ihr mich bereden bald /
Wann ich nun mehr nicht weer zu alt /
Das ich lernet die Fechterkunst /
Weil sie bringt Ehr und grosse gunst.

Dis thu ich gern / wolt ihr nu sein /
Was ich euch weise gehorsam fein.

Das will ich thun zu jeder zeit /
Euch folgen mit bescheidenheit.
Ihr werdet aber zuvor ebn /
Gar ein wenig anleitung gebn.
Wie ich mich drein verhalten soll /
Das ich die Fechtkunst lerne wol.

Weil ihr denn die jetzt thut begern /
So wil ich euch hierin gewern.
Merckt nur fleißig / was ich euch sag /
Und lernets heut / auff diesen tag.

Gott geb und Glück zur Fechter Kunst /
Den sie bey grossen Herrn hat gunst.
In Gottes gwalt wolln wir uns gebn /
In seim Namen zu Fechtn anhebn.

HERR Gott vorley uns Gnad und Gunst /
Recht zu gebrauchn die Ritterkunst.
Das ihr dieselbe mögt wol lern /
Damit euch grosse Herren ehrn.
Wolt ihr lernen Fechten künstlich /
Solt ihr mit fleis fürsehen euch.

Zum ersten schempft euch nicht zu lernn /
Sondern thut stetts übung begern.
Wenn ihr wolt gehen zu der Lehr /
So grüst die Meister und Schüler.
Und wann ihr auff die Schule kompt /
Schaut das kein frembder mit euch kümpft.
Er kan denn ein Schulrecht bestehn /
Mit dem Meister drey Genge gehen.
Balt ihr euchs Fechten nemet an /
Kein Nestel sol sein zugethan /
Auch kein Dolch an der seiten dran /
Und gar nichts auf dem Heupte han.
Nempft keinem aus der hand sein Wehr /
Bit erst vorlöbnis vom Meister.
Halt fest die Wehr laß keine falln /
Falt auch selbst nicht / seid bedacht in alln.
Auch mit ungstüm kein Wehr zerschlagt /
Mit sitten eur arbeit vortragt.
Solt auch durch aus keins andern spottn /
In der übung / es ist verbottn.
Auch solt ihr keinen blutig schlan /
Der erst zu fechten sehet an.
Wann auch nun frembde Schüler kemn /
Auff den lehrplatz / solt ihr vornemn.
Das ihr keinen verspotten wollt /
Umb ein par streich ihr Fechten sollt.
Oder umb einen schönen Crantz /
Macht euch nur her an diesen Tantz /
Oder nach erkentnis der Massn /
Von Meister und Schulr euch straffen lassn.
Wer nicht will ein gehen den inhalt /
Der pack sich von der Schule bald.
Er sol die Schüler und Platz meidn /
Uneinig Gsellschaft sol man nicht leidn.
Werd ihr euch haltn nach der Lehr /
Ihr werdt des Fechtens haben Ehr.

Ey ich bin jetzt nun fein bericht /
Durch aus ich mich nun eich vorpflicht /
Will euch auch meinen Meister nenn /
Wolt ihr mich euren Schüler kenn.
Ich will euch thun gar kein vordreis /
Lernt mich das Fechten nur gewis.
Was ihr als denn begert fürs lohn /
Sol euch gereichet werden schon.
Nun wie gefelt euch jetzt der strich /
Meister ich durch aus gar nicht weich.
Das springen steht mir zimlich an /
Wil aber sonst künstlich zuschlan.

Ich will euch jetzt noch mehr stück weisn /
Das man euch sol ein Fechter preisn.
Mein Schwerd thu ich jetzt auff heben /
Hau durch aus unten oder oben.
Denn gar recht Fechter brauch treib ich /
Und könt also probiren mich.
Aus recht artlicher Meisterschafft /
Auch aus der rechten Künste krafft.
Hierzu brauch ich auch das Rappir /
Stumpff / scharff / wie mans begert von mir.
Damit thu ich mein Feinde putzen /
Und auch mein Leib damit zu schützen.

Jetzt habt ihr nun mehr gantz und gar /
Die Fechtkunst weg / sag ich vorwar.
Ihr wird nun geben mir ein Lohn /
Ich will forth / denn ich muss darvon.
Ich möchte sonst zu lange sein /
Der Weg ist lang bis hin an Meyn.

Meister / da habt ihr euren Solt /
Weil ihr denn nun mehr gar fort wolt /
Nempt auch für gut was ich euch gthan /
Im zurück ziehn / sprecht mich widr an.
Doch sagt mir vor / wie ich zu mahl.
Schul zu halten anschlagen sol.

Ich thu euch aber jetzo eben /
Auff die Frag richtig antwort gebn.
Ettlich Keyser an der Zahl /
Dieselben haben allzumahl.
Die Marcusbrüder thun begbn /
Mit Schild und Helm / die wir noch haben.
Durch Ritters that von ihn benomn
Nenten uns Marxbrüder die fromn.
Gaben uns auch die grosse macht /
S. Marx zu führn mit schönem pracht.
Und auch den Lewen wol bericht /
Das erlangt kein Fedr Fechter nicht.

Das sie sich abr des Greiffen rhümn /
Sind sie hierin gar viel zu kühn.
Denn ein Hertzog von Mecklenbergk /
Hat nicht mehr denn einen / dis merck /
Der sich im Fechtn gehalten wol /
Geben den Greiff / den er führn sol.
Und sonst kein Feder Fechter mehr /
Haben nun mehr des Greiffs kleine Ehr.
Weil sie hierin haben geirrt /
Und sind nicht privilegirt.
Noch mehrthun sie sich understahn /
Lassen ein offnen Helm machen.
Führen den in ihrem anschlag &
Mein Feder Fechter dis mir sag.
Wo her ist dir die macht gegebn /
Wer hat dich gewappnet / sag mirs ebn.
Du wirst nun mehr mit keinem Newn /
Und vortreiben / den starken Lewn.
Denn er hat Keyserliche freyt /
Last ihr den Lewen ungeheidt.
Also habt ihr den anschlag fein /
Nempt ihn nur recht in sinn hinein.
Wann ihr nun aus rufft eure Schul /
Lernt diesen Vers / und braucht sie wol.

Ich schwing mich auff in Gottes glück /
In diesem Kampffplatz offt und dick.
Das Greiffen Gschlecht / mus heint heruntr /
Wir Marxbrüder sind feind frisch und munter.
Mit euch zu Fechten ist mein freud /
Frisch her / ihr Fedr Fechter es ist zeit.
Ob man mir gleich wolt iomer sagn /
Wie ihr mir wolt stössen und schlagn /
Ich fürcht nicht / wie wilt ihr mügt sein /
Ist doch euer Haut so weich als mein.
Wird ihr mich treffn / ich lass geschehn /
Wird ich euer fehln / ihr solts wol sehn.

Ein anders.
Du elder Lew schwing dein Kraus haar /
Nim dir des greiffen eben war /
Der mit seim stoltzen muth und pracht /
Die gfreyte Marxbrüder all voracht /
Den soltu für dir hauen nidr /
Und zu reissen all sein gefidr /
Das ihn sein Gselln müssen weg tragn /
Die wolln wir auch auff die Köpff schlagn.

Jetzund seid ihr berichtet fein /
Ich gdenck ihr werdt zu frieden sein /
Mit der Lehr die ich auch gethan /
Ich wil nun mehr auff und davon /
Braucht nur die Kunst fein Ritterlich /
Ich ziehe dahin / Gott behütt euch.
Ich thu euch hievor jetzt danck sagn /
Ich hab lan fertig machen den Wagn /
Da farth ihr mit mir in die Stadt /
Hab ichs euch doch vor gesagt /
Ihr dürfft ja eilen nicht so hardt /
Jtzundt wolln wir sein auf der farth /
Wir fahren gar geschwind hinein /
Ey nun / wann es denn ja sol sein /
So fahre ich mit euch davon /
Und geb dem Kutzschn Trinckgelt zu lohn.

Nun span an / und fahr nur sacht /
Wir kommen doch wol nein vor nacht /
GOTT geb uns auff die reis viel glück /
Hört / wann ihr werdt zihen zu rück /
Und seit zum Meister wordn geschlan /
So mögt ihr mich frey sprechen an /
Und zu mir in mein Haus einkern /
Ich will euch Herbrigen und ehrn.
Wil euer durchaus nicht vorgessn /
Zur notturfft gebn trinckn und essn.
Wil euer so warten und pflegn /
Darnach euch in ein gut Bett legn.

Ich sag euch nun mehr grossen danck /
Für euer Fuhrwerg / Speis und Tranck.
Als bald ich wider zieh vom Meyn /
So kehr ich wider bey euch ein.

Christoff Rösener / Meister
des Schwerdts.

Wann wüchsse Laub und Gras /
So gschwind als Zeit und Hass /
So hetten Schaff und Rindr /
All Jar ein guten Wintr.

Nun folget der Gesang der Ritterlichen Fechtkunst / ihren Ursprung / Fundament, und begriff Aller heimligkeit.
In der Denne weis Wolfframs / oder
Pentzenawers Thon.

Von Ritterlichen Künsten / so will ich heben an / Singen mit der Fechter günste / wie ichs gelernet han / Bitt auch ihr Meister alle / Ihr wolt mich recht vorstan / Und last euch nicht misfallen / was ich getichtet han.
Mein Schwerd hab ich erhaben / nach Künsten Meisterlich / Hau unten oder oben / den rechten brauch treib ich / Und wil dich auch probiren / aus rechter meisterschaft / Schweche und sterck vorführen / aus rechter Künsten krafft.
Wenn muth zu fechten were / der neme sein Schwerd in die hand / Das Wort (indes) schneit sehre / dem es ist recht bekandt / Und wer erschrickt gerne / das ist mein bester Rath / Das er nicht Fechten lehrne / denn es übel anstaht.
Nun merckt (in des) das Worte / da alle Kunst an ligt / Zornhau dgeht mit orte / behend aus langer schneid / Aus Gülden kunst ich treibe / den Flügel ins hangend orth / im Triangel nicht bleibe / des Püffels nicht erwart.
Dabey soltu auch mercken / die vor und nach / Darzu schweche und stercke / einlauffen sey dir nicht jach / Dein Schwerd zu beiden henden / die Zeckruhr nicht verlass / Treib die stück behende / so findestu ihn blos.
Scheitelhau der Kunst ortte / den Schilhau nicht durch lauff / Und die eiserne Pforte / fürbas so merck auff / Wiltu von dannen tragen / den Meisterlichen Krantz / Vier hütten mustu haben / gehören auch an Tantz.
Die wil ich dir jetzt nennen / so soltu sein bericht / Ochs / Alber / Pflug / lern kennen / Von Dach auch nicht vornicht / Die viere soltu fechten / und davon halten allein / So hastu die Gerechten / und pfleg die in gemein.
Viere sind die vorsetzen / und vier blos an den Man / Die viere auch sehre letzen / ein stück heist man die Kron / Wiltu dieselb vortreiben / nim den Schnid für die Hand / Die Kron mag nicht lang bleiben / ist dir der Schnit bekand.
Der krumphau ist noch hinden / die zwerch und auch der schnit / Im Dupliren lerne finden / Mutiren nim auch mit / Durch wechssel ich dir sage / trit nahend an den Bund / Weiter darfft du nicht fragen / wiltu nicht werden wund.
Durch fehler ich dir rathe / die hengen hab in Hutt / Das sprechfenster so drate / einwinden ist auch gut / Von beiden seittn absetze / sein schwerd mit deinem Schild / Nach reisen auch sehr letzet / der gegen dir ist mildt.
Ob man wird weiter fragen / wer das gedichtet hat / Das darff man ihm nachsagen / Er heist der Paulus Roth / Das Lied das thut er schencken / Eim Fechter wolgemuth / Christoff Rösener zugedencken / der nams von ihm vor gut.
Und solt er alles rechnen / was in der Kunst mag sein / Sein Kopff möchte er zerbrechen / Er trinckt gerne Wein / Er bitt die Edelen Fechter / woln ihm nicht für übel han / Ob er ihn nicht thet rechte / dann er nicht tichten kan.

Ende.

Underrichtunge auch Nützliche anweisung des Fechtens / sampt dem gantzen Fundament im Dussacken.

Mit dieser Wehr reich weit und lang / Dem Hau für sich uberhang / Mit deinem Leib / darzu tritt ferr / Dein Hand führ gwaltig umb ihm her / Zu all vier enden / las die fliegen / Mit geberden / zucken / kanst ihn btriegen /
In die sterck soltu vorsetzen /
Mit der schwech zu gleich ihn letzen /
Auch neher soltu kommen nicht /
Dann das ihn langest mit eim tritt /
Wann er dir wolt einlauffen schier /
Das vorder orth / treibt ihn von dir /
Wer er dir aber glauffen ein /
Mit greiffen / ringen / der erst solt sein /
Der sterck und schwech nimm eben war
Indes / die blös / macht offenbar /
Im vor / und nach / darzu recht trit /
Merck fleiszig auff die rechte zeit /
Und las dich bald erschrecken nicht.

Ende.