Dienstag, 11. Januar 2011

Aus den Erinnerungen der Louise Seidler: Einblicke in einen Fechtsaal


Aus den Memoiren der deutschen Malerin Caroline Louise Seidler (geb. 1786 in Jena, gest. 1866 in Weimar, Vgl. zur Biographie von Caroline Louise Seidler: Lier, Hermann Arthur, „Seidler, Louise“, in: Allgemeine Deutsche Biographie 33 (1891), S. 642-645 [Onlinefassung]) heraus erhalten wir gleich auf einer der ersten Seiten einen kurzen Blick in einen Fechtsaal im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts. In ihrer Kindheit bewohnte sie zusammen mit ihrer Großmutter eine Wohnung in einem ehemaligen Kloster. Hiervon berichtet sie:
„An dieses Gebäude knüpften sich meine frühsten Erinnerungen [...] Das düstere, geheimnisvolle Aeußere unseres alterthümlichen Klosters zog mich stets besonders an; nicht minder merkwürdig für meinen Kindersinn war sein Inneres. Lange Corridore verbanden die Zimmer; zu denen der Großmutter führte gar eine steinerne Wendeltreppe!“
Dieses Kloster beherbergte auch einen Fechtsaal, den Louise Seidler gelegentlich zu Gesicht bekommt.
"Aus der Putzstube dieser ernsten, überaus würdevollen und förmlichen Frau (gemeint ist die Großmutter, Anm. d. Verf.) hatte ich mittels eines Schiebefensterchens den Blick in einen weiten Saal, der den Studenten zum Fechtboden diente. Die Wände desselben waren geschmückt mit großen Portraits alter, längst vermoderter Herren in verschollener Tracht; es waren die Bildnisse ehemaliger akademischer Fechtmeister. Steif schauten sie herab auf das lärmende Treiben einer jüngeren Generation zu ihren Füßen, welche munter Terzen und Quarten stieß oder über ein hölzernes Pferd voltigierte, das in der Mitte des Saales stand.“

Aus:
Goethes Malerin: Die Erinnerungen der Louise Seidler. Herausgegeben von Sylke Kaufmann. Aufbau Taschenbuch Verlag, 2003.