Donnerstag, 7. April 2011

Die Gesellschaft Liechtenauers

von Jan Schäfer

In der Handschrift Cgm 1507 von Paulus Kal, die auf um 1470 datiert wird, findet sich auf Blatt 2r eine Liste von 18 Namen, die der Autor als Liechtenauer und dessen Gesellschaft bezeichnet. Im Originalwortlaut heißt es: „Hier hebt sich an die Kunst die Liechtenauer mit seiner Gesellschaft gemacht und gepraucht hat in aller ritterlicher Wehr das ihm Gott gnädig sei“.

Die Personen der Gesellschaft Liechtenauers

Genannt werden von Paulus Kal auf Blatt 2r:
  • Meister Johannes Liechtenauer
  • Meister Peter aus Danzig
  • Meister Lamprecht aus Prag
  • Meister Andreas Liegnitzer
  • Meister Sigmund Amring
  • Meister Martin Huntzfeld
  • Meister Philip Berger
  • Meister Peter Wildigans aus Glatz
  • Meister Hans Spindler aus Znaim
  • Meister Hans Seidenfaden aus Erfurt
  • Meister Jacob Liegnitzer
  • Meister Hartmann aus Nürnberg
  • Meister Hans Pegnitzer
  • Meister Virgili aus Krakau
  • Meister Dietrich aus Braunschweig
  • Meister Ott
  • Meister Stettner
  • Meister Paulus Kal
Doch was wissen wir über die genannten Personen im Einzelnen? Allgemein kann man sagen: über einige viel, über manche ein wenig, und über wieder andere gar nichts. Offensichtlich ist nur: dieser Personenkreis hat zusammen mit Johannes Liechtenauer eine Kunst des Fechtens „in aller ritterlicher Wehr“ „gemacht und gebraucht“.

Es folgt eine Darstellung der Meister und der über sie bislang bekannten Einzelheiten:


Eine Karte der Gesellschaft Lichtenauers 

Alle verfügbaren geographiebezogenen Daten habe ich zur besseren Übersicht in eine google map eingetragen und dort mit Kommentaren versehen.


Viele offene Fragen

Letztlich wirft Blatt 2r aber viele neue Fragen auf.

Wir kennen nun dank Paulus Kal die Namen einer Gruppe von Personen, die einen direkten Bezug zu Johannes Liechtenauer hatten, und der Art, dass sie gemeinsam die Kunst „gemacht und gebraucht“ haben. Doch wer genau waren diese Personen, die aus teilweise so weit voneinander entfernten Regionen Europas stammten? Von wenigen haben wir biographische Daten, die über den vermuteten Geburtsort hinausgehen, und von einigen fehlt selbst diese Information.

Von einer Handvoll der genannten Personen sind uns Handschriften über die Fechtkunst erhalten, nämlich von Peter aus Danzig, Siegmund Amring, Andreas Liegnitzer, Martin Huntzfeld, Paulus Kal) Die Autoren Peter aus Danzig und Siegmund Amring beziehen sich innerhalb ihrer Werke beide direkt auf Johannes Liechtenauer, wenn sie das Fechten mit dem langen Schwert, das Kampf- oder Rossfechten glossieren. Auch Paulus Kals Handschrift ist unverkennbar von der Fechtlehre des Johannes Liechtenauer geprägt. Zusätzlich setzte er seinen eigenen Namen im Text an das Ende der „Gesellschaft um Liechtenauer“.

Mit jener „Gesellschaft um Liechtenauer“ öffnet sich das Feld zu einem weiteren Fragekomplex. Die von Paulus Kal genannte Gruppe von 18 Einzelpersonen hat die Fechtkunst „gemacht und gebraucht“. Aber welcher Art war die Gesellschaft genau? In welcher Beziehung stand jede dieser Personen einzeln zu Johannes Liechtenauer, und wie war ihr Verhältnis untereinander? Wer hat die Lehre „gemacht“ und wer hat sie „gebraucht“? Es ist gut möglich, dass all diese von Kal als Meister bezeichneten Personen Schüler und Schülerschüler von Johannes Liechtenauer waren. Wenn dem so war, dann haben einige dieser Personen eine große Wegstrecke auf sich genommen, um von Meister Liechtenauer persönlich oder womöglich einem seiner direkten Schüler zu lernen.

Was zu der daran anschließenden Frage führt: Wer von den genannten Personen war direkter Schüler von Meister Lichtenauer, und wer womöglich Schülerschüler? Und wie eng war der Kontakt nach der Ausbildung? Wie eng war die „Gesellschaft um Lichtenauer“ vernetzt? Und zuletzt auch die Frage: Warum fehlen Zeitgenossen wie z.B. Hans Talhoffer oder der Jude Lew, die sich in ihren Handschriften ebenfalls auf Johannes Liechtenauer beziehen?