Montag, 2. Mai 2011

The italian seed: Die Verbreitung des Rapierfechtens in Deutschland im 16. und frühen 17. Jahrhundert

von Jan Schäfer

Im folgenden Artikel soll es um die Frage gehen, wie sich das Rapier in Deutschland verbreitete und wie es dort rezipiert wurde. (1) Unbeantwortet bleiben müssen unter anderem die Fragen: Wie, wo und wann genau entstand das Rapier, und wie lässt es sich waffengeschichtlich gegenüber anderen Schwertformen und –typen abgrenzen? Was waren die Faktoren, die die Entwicklung des Rapiers anstießen und was die Faktoren die sie begünstigten und vorantrieben?

Paulus Hector Mair und Joachim Meyer

Diese beiden Fechtbuchautoren sind die frühesten deutschsprachigen Quellen zum Rapierfechten. Sie benenne diese Waffe in ihren Werken als „ensis hispanium“ (um 1540, Mair) beziehungsweise als Rappier (1570, Meyer).
Der Strassburger Bürger Joachim Meyer (2) schrieb in seinem Buch „Gründtliche Beschreibung ...“  von 1570 [Digitalsat Bayerische Staatsbibliothek München] über das Rappier, welches er vermutlich auf den Reisen während seiner Jugendzeit kennenlernte:

Sovil das Rappier fechten welches jetziger zeit ein sehr notwendige und nützliche übung ist / anlanget / ist kein zweyffel das es bey den Teutschen / ein newe erfundene unnd von anderen völckern zu uns gebrachte übung ist / dann ob wol bey unsern voreltern in ernstlichen sachen / gegen dem gemeinen feinde / das stechen auch zugelassen / so haben sie doch solches in schimpflichen übungen nicht allein nit zugelassen / sondern auch solches in keinen weg iren zusamen Kriegsleuten / oder andern so ausserthalb des gemeinen feindts zwiträchtigen zusamen gerathen/ gestatten wöllen / welches dann noch heutigen tags bey ehrlichen Kriegsleuten / unnd anderen Burgerlichen Teutschen gehalten werden solle / Derhalben were das Fechten im Rappier ein uberfluß / wo nicht durch beywohnunge frembder völcker / das stechen wie auch vil andere sitten so den alten Teutschen unbekandt / bey unns eigewurtzelt weren / Dieweil aber solche frömbde gebreuch sich bey uns von tag zu tag an vilen orten mehren / ist nun mehr auch von nöten gewesen / das uns nicht allein slche außlendische und frembde gewonheit der völcker offenbar unnd bekandt seyen / sondern das wir uns deroselbigen nicht weniger als sie (so vil zu notwendiger gegenwehr dienstlich) üben und geschickt machen / auff das wir ihnen (wann es von nöten sein wirt) uns zu beschirmen / desto füglicher begegnen und obsigen können.

In seinem Werk widmet Joachim Meyer dem Rappier neben dem langen Schwert, dem Dussack, dem Dolch sowie verschiedenen Stangenwaffen einen eigenen Teil. Vermutlich lernte er das Fechten mit dem Rappier auf erwähnten Reisen zu Zeiten seiner Jugend von einem oder mehreren italienischen Lehrern. Bemerkenswert an Meyers Rappierlehre ist, dass er eine deutsche Terminologie auf diese Waffe adaptierte, die ihrerseits auf Johannes Lichtenauers Lehre vom langen Schwert zurückgeht. Jacob Sutor in seinem „New Kunstliches Fechtbuch“ von 1612 [Digitalsat im Göttinger Digitalisierungszentrum] und Theodor Verolini in „Der Künstliche Fechter“ von 1679 kopierten Meyers Lehre, so dass davon ausgegangen werden kann, dass das Rappier mit lichtenauer´scher Terminologie bis ins späte 17. Jahrhundert hinein bekannt war.

Salvator Fabris und andere italienische Meister

Daneben treten mit dem beginnenden 17. Jahrhundert vermehrt italienische Autoren und ihre Werke in Deutschland in Erscheinung.

Eine Persönlichkeit, die großen Einfluss auf die Entwicklung der Fechtkunst im Heiligen Römischen Reich hatte, war der aus Padua in Italien stammende Fechtmeister Salvator Fabris (geb. 1544) (3).  Sein Hauptwerk über die Fechtkunst wurde bis ins 18. Jahrhundert hinein mehrfach übersetzt und beeinflusste das Fechten in Deutschland über mehrere Generationen hinweg entscheidend mit (so unter anderem die deutschen Fechtlehrer Hans Wilhelm Schoeffer von Dietz und Sebastian Heußler sowie  Hans Wullf von Mulsheim in Straßburg, die Familie Kreussler in Jena, vermutlich auch Johann Georg Bruch und über diesen Johann Andreas Schmidt).

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts tauchten erste deutschsprachige Fechtbücher auf, die das Fechten „nach italienischer Manier“ beschrieben. Oftmals sind es Übersetzungen oder Werke, die direkt auf Salvator Fabris Bezug nehmen. Isaak Elzevier übersetzte 1619 Fabris Fechtbuch unter dem Titel „Salvatoris Fabri, Des Kunstreichen Fechtmeisters Salvatoris Fabri Italiänische Fechtkunst“ ins Deutsche [Digitalisat im Göttinger Digitalisierungszentrum]. Wilhelm Schoeffer von Dietz, Fechtmeister und Freifechter in Marburg, erwähnt im Vorwort seines Werks „Gründtliche vn eigentliche Beschreibung der freyen Adelichen vnd Ritterlichen Fechtkunst ... nach ital. Manier“ von 1620 einen Salvatorum Armorum Magistri, und es ist anzunehmen, dass es sich hierbei um Salvator Fabris persönlich handelt [Digitalisat der Ausgabe von 1620 im Göttinger Digitalisierungszentrum]. Und Sebastian Heußler, „Kriegsmann und Freifechter zu Nürnberg“, veröffentlichte 1615 sein „New Künstlich Fechtbuch“ (zweite, verbesserte Auflage 1626), das Stücke von Salvatore Fabris und Ridolfo Capoferro sowie weiterer italienischer und französischer Fechter enthält [Digitalisat der Ausgabe von 1626 im Göttinger Digitalisierungszentrum].

Neben Salvator Fabris, dem von Heussler genannten italienischen Fechtlehrer Capo Ferro und den nicht namentlich genannten „verschiedenen italienischen und französischen Fechtern“ (vgl. Heussler 1615/1626) darf auch der Venezianer Nicoletto Giganti nicht unerwähnt bleiben, dessen Werk zuerst 1619 und neu 1622 und 1644 ins Deutsche übertragen wurde (mit parallelem französischem Text) [Digitalsat Wolfenbüttler Digitale Bibliothek im DFG-Viewer: Buch 1 / Buch 2].

Anmerkungen:

(1) Mit dem Rapierfechten in Deutschland (u.a.) beschäftigt sich auch der folgende Aufsatz von 2007: Alexander Kiermayer: Geschichte der deutschen Fechtkunst, S. 7ff
(2) Zu Joachim Meyer siehe: Dupuis, Olivier. Joachim Meyer, escrimeur libre, bourgeois de Strasbourg (1537? - 1571). In Maîtres et techniques de combat. Dijon: AEDEH, 2006.
(3) Zu Salvator Fabris siehe: Leoni, Tomasso (Übs.): Art of Dueling: Salvator Fabris' Rapier Fencing Treatise of 1606. 17th Century Rapier Combat as Taught by Salvatore Fabris. The Chivalry Bookshelf, 2005. Und auch den Aufsatz von Alexander Kiermayer: Geschichte der deutschen Fechtkunst, S. 7ff