Dienstag, 29. November 2011

Die Ordnung bewahren auf der Fechtschul: ausgewählte Beispiele

von Jan Schäfer

Man stelle sich den Wettkampf auf einer Fechtschul vor: Mehrere Dutzend Teilnehmern schlugen und stachen mit Schwert, Dolch, Dussack und Stange in Zweikämpfen aufeinander ein, und vom eigenen Ehrgeiz angestachelt  wollte jeder Teilnehmer vor dem zahlreichen Publikum sein Können beweisen, die anderen Fechter blutig hauen und den Siegpreis nach Hause tragen. In einer derart schwer bewaffneten, fechterisch geübten und entschlossen um den Sieg fechtenden Menge konnten die Emotionen sehr leicht hochbrodeln. Je länger die Fechtschul dauerte, desto stärker rißen Stolz und Ehrgeiz, Adrenalin und Testosteron die Fechter mit sich. Die Gefechte wurden immer hitziger geführt und drohten, sich im schlimmsten Fall in einer zügellosen Gewalteskalation zu entladen.

Damit es auf einer Fechtschul nicht zu ungezügelten Gewalttätigkeiten, zu Tumulten und schweren Verletzungen kam, wurde vor dem Beginn jeder Fechtschul vom Fechtmeister eine Fechtschulordnung verkündet, an die sich alle Fechter zu halten hatten. Diese verbot es, bestimmte Stücke wie etwa das Durchlaufen oder auch Knaufstösse anzuwenden. Außerdem wurden die Fechter oftmals eindringlich ermahnt, alte persönliche Feindschaften und Rivalitäten während der Fechtschul ruhen zu lassen und nicht die Schul zu mißbrauchen, um die Zwistigkeiten untereinander zu begleichen.

Sowohl für eine Fechtschul in Zwickau (1573) als auch für eine Fechtschul in Stuttgart (1575) und für eine Fechtschul in Düsseldorf (1585) sind uns die Regeln erhalten.

Die Regeln für die Fechtschul in Zwickau verkündete auf dem Fechtplatz der Fechtmeister und Federfechter Melchior von Birn, ein Höfling des Kurfürsten August von Sachsen.
[Die Teilnehmer] „solen Fechtn nach Ehren werth,
Nach inhalts brauch des langen schwert
Aus halber vnd auch langer schneidt,
Und wies die kunst mit bringt vnd geit,
Alle falsche stück das ihr wist,
Das auff keinr Schuel nit breuchlich ist,
Das sol auch da vorbotten sein,
Knopf vnd auch orth zulauffen ein,
Und all andre vnredlich stück,
Die solt man da lassen zurück,
Es solt für Fürsten vnd auch Herrn,
Euch rechter schutz gehalten wern,
Es sey wers woll, gros oder klein,
Dem soll auch da vorbotten sein,
Uber die Stange nicht zu schlagen,
Auch nicht darunter, thu euchs sagen,
Es solln all Fechter wissen das,
Auff meiner schuel kein neid noch haß,
Zu tragen aus, wie er wer gnendt
Man hat wol ander ort vnd end,
Da jrs kündt thun, merckt was ich meldt,
Der Chrufürst gibt zuvor auch geldt,
Als offt einer ein schlagen thut,
Auff die höchst Röhr, vnd das es blut,
In der wehr das zeig ich euch an,
Dem wird so offt vier Gülden zu lohn,
Drumb hebt auff last die wehrn nicht feirn,
Es sol da kein sein Haudt nicht thewrn,
Wann er schon wird daraufg geschlagen,
Darff darumb nit so bald vorzagen,
Schmeist weidlich drauff, sehet wie jr thut,
Und mich auch mit, hab noch jung blut,
Ich heb auff vnd führ gar kein bracht,
Wer mir ein von der feder veracht,
Und macht sich wider die gerüst,
Den will ich bstehen wie wild er ist,
Schwing dich Feder sich wie man thut,
Schreib gernt mit dintn, die ficht wie Blut.

Die Regeln für die Fechtschul zu Stuttgart aus dem Jahr 1575 lauteten wie folgt:
„Hertzog Ludwig verordnet hatt
Zwey Platzmeister auff diese statt,
Die von ir Fürstlichen Gnaden wegen
Da sollten haben Macht vnd mögen,
Wo Zanck sich zutrüg, den zustillen,
Nach irm Urtheil, Verstand vnd Willen.
Ein jeden geben auch sein Lohn
Nachdem er hett sein bests gethon.
Der en erwehlet zu der sach
Der ware Herman Ochsenbach,
Und Johann Vogel beid genanten,
Hauptleut vbers Fürsten Trabanten,
Darzu darneben beide sunst
Erfahren wol in der Fechtkunst.“
[Im Anschluss betritt ein Fechtmeister den Platz und verkündet die Ordnung:]
„Darnach die Ordnung leget her
Auff weiten Platz alle die Wehr,
Schwert, Stengle, Dolchen, lange Spieß,
Tusecken, hellebarten gewiß.
Demnach außruffet guter massen,
Die Wehr soltens nit feyern lassen,
Mit worten also ruffen thet.
Wo jemandts were der luft hett
Zufechten, es wer mit dem Schwertm
Es wer vmb Gelt oder Geltswerth,
Umb guter Gsellschaft, oder sust
Zu thn ein Gänglin hett ein lust,
Der he auff, geh nit lang vmb leiren,
Rüst sich, vnd laß die Wehr nut feiren.
Auch höret micht, sprich ich weiter
Unser Gnediger Fürst vnd Herr
Hat vns, mir das für Wahrheit glaubt,
Auff diesen Tage heut erlaubt,
Ir Fürstlichen Gnaden zu Ehrn,
Zufechten hie mit diesen Wehrn.
Doch ob jr einer oder mehr
Auff dieser Schul vorhanden wer,
Die alten Haß, Feindschafft und Neid
Gefasset lang vor dieser Zeit
Zusammen hetten, solten wissen,
Gedencken, vnd druff sein geflissen,
Daß sies allhie nit wölln austragen,
Also auß Neid einander schlagen,
Auß Feindschaft oder Mißvergunst,
Sonder auß Ritterlicher Kunst
Da fechten, wie es ist der Brauch,
Ohn Gift vnd Gall. Daneben auch
Soll gentzlich hie verotten sein
Spitz oder Knopff, auch lauffen ein,
Das thu ein jeder hie vermeiden,
Auff vnser Schul wolln wirs nit leiden.
Und schont einander nur der Feust,
Einander zwüschen Orhen schmeißt,
Da das schwartz Haar am dicksten steht,
Biß der rot Safft herausser geht,
Und trefft mich auch zwischen die Ohrn,
Es soll bey mir drumb sein kein Zorn.“

Auf der Fechtschul in Düsseldorf 1585 rief der fürstliche Trabant Hans von Olm die Regeln aus:
„Da dann gute Gesellen zugegen, die solche Ritterliche Fechtkunst gelernet vnd derselben erfahren, vnd den Durchleuchtig, Hochgeborenen Fürsten Personen, Chur vnd Fürstlichen Gesandten, auch andern vom Adel, der löblicher Ritterschaft alhie zugegen, den anwesenden Fürstinnen vnd dem gantzen Frawenzimmer, mit ihrer Kunst vnd erfahrenheit ihn vnderthenigkeit, freudt vnd kurtzweil zumachen vermeint, dieselben wöllen vnbeschwert seyn sich hervor zuthun, vmb den auffgestelten Preiß auffzuheben, die gebürliche genge nach altem löblichen Fechtbrauch, zuhalten, dann bin gemeint vnd entschlosen vber alsolche gute Gesellen, wie eine ehrliebenden Meister des lange Schwerdts gebüren wol, vnpartheisch zuhalten, dieselben zuschützen vnd zuschirmen, wder vnd gegen vbermuth vnd vngebühr. Wol auch weiter auf meiner Schul verbotten haben, ort, knauff, inlauff vnd alle andere falsche stück, Auch wo einer oder mehr gute Gesellen vorhande (die Edle Ritterschafts außgenommen, welch ich hiermit zun ehren nicht gemeint haben wol) die meiner begeren würden, es sey vmb gelt oder gelts werth, (vngeachtet ich des Gelts nut viel hab) oder aber vmb einen guten streich, truck oder naß, daß derselb frey gehertzt vnd wolgemuth hervor tretten wolm, nach brauch des Schwerdts gerechtigkeit, vnd frey auffheben, schonen des Schwerdts nicht, sonder sich selbst der finger, vnd schlagen zwischen den Ohren da das Haar auffm dickesten stehet, treffen mich auch mit, dieweil ich auch ein guter Gesell“

Trotz strenger Regeln und der straffen Hand der Platzmeister kam es dennoch immer wieder zu schweren Verletzungen und Todesfällen (vgl. den Artikel Schwere Verletzungen und Todesfälle auf der Fechtschul: ausgewählte Beispiele) und gelegentlich auch zu chaotischen Zuständen. Benedict Edldeck, ein Siebmacher von Beruf und ein Chronist der Fechtschul von Zwickau 1573, berichtet von einer solchen tumultartigen Situation.
Als ich dem fechten auch zusach,
Hört was mir doch alda geschah,
Es war so gar ein gros gedreng,
Das zu letzt war der platz zu eng,
Man sties eins hin, das ander her,
Das schier zu eng zum fechten wer,
In dem kompt einer auff den plan,
Das war der Trabanten Hauptman,
Der Ernvest Christoff Zanmacher,
Und wolts lenger nicht leiden mehr,
Derselbige jm fürgenommen hat,
Platz zu machen an dieser stat,
Kriegt ein Dysäcken von Leder gmacht,
Und hat sich da nit lang bedacht,
Er wischt vnder das Volck hinein,
Und schlug also mit grimmen drein,
Er schmiret zu ohn alles gefehr,
Und kam gleich hinderm ir auch her,
Traff mich so weidlich vbern rücken,
Das ich mich muste darnach bücken,
Sah mich vmb was da wern die sachn,
Ich rieb die Lenden, er thet mein lachn,
Es schmirtzte mich im meinem gwissn,
Mussts han als het mich ein hund gbissn,
Dacht mir warumb willst stets vorn stan,
Man hats andern wol auch gethan,
In dem man wider schiessen thet,
Bis das volck sich verloffen het,
Als nun gnug platz vorhanden war,
Kamen die Fechter wider dar,
Und fochten dapffer aus der Kunst,
Mancher kriegt ein schnappe vmbsonst.

Die oben aufgeführten Beispiele stammen von Fechtschulchroniken (im Einzelnen: Lobgedicht des Benedict Edldeck, auf die Fechtschul in Zwickau 1573; Lobgedicht des Christian Beyer nach einer lateinischen Vorlage von Frischlin auf die Fechtschul zur Stuttgarter Fürstenhochzeit von 1575; Beschreibung der Fechtschul in Düsseldorf 1585 durch Dietrich Graminäus) und sind u.a. nachzuschlagen bei Karl Wassmannsdorff: Sechs Fechtschulen. Groos 1870.

Montag, 7. November 2011

Gefechte auf der Fechtschul: ausgewählte Beispiele

von Jan Schäfer

Während der Stuttgarter Fürstenhochzeit im November 1575 fand am 8. Tag der Feierlichkeiten eine Fechtschul statt. In den Lobgedichten auf die Fechtschul wird eine Vielzahl von Gefechten erwähnt. Darunter sind zwei Gefechte, die besonders ausführlich beschrieben sind. Diese sollen an dieser Stelle vollständig wiedergegeben werden, um dem Leser einen Eindruck zu vermitteln, wie ein solches Fechtschulgefecht abgelaufen sein mag.

Das erste ausführlich beschriebene Gefecht ist der Kampf mit Hellebarden zwischen Meister Hirnkopff und Veit Knüpffbart.
"Im Sprüngen tratt Meister Hirnkopff,
Der ernsthafft, starck vnd gschwinde Tropff.
In dem auffheben frey daher,
Als wans ein starcker Rise wer,
Von Gildern breit, mächtig vnd groß,
Hub auff mit dicken Armen bloß
In disem Platz ein Helleparten,
Mit der des Feindes zugewarten
Mit ir int Lüffte stach vnd facht,
Vnd gar schön Spiegelfechte macht,
Vnd seines Gegenfechters wart.
Gegn dem hub auff der Veit Knüpffbart
Als er sich hette außgethanm
Vnd seine Arm sah jederman.
Da stunden Arm vnd Schultern groß
Gantz frewdig allen Steichen bloß.
Als sie zusamen kamen beid,
Stundens fürwar auff ebnder Heid
Im schritt steiff mit gebogenn Knüen,
Vnd wolt keiner den andern fliehen,
Vnd auff einander wurn erhitzen,
Einander beid botten die Spitzen.
Mit den viel scharpffen Hellebarten
Thet einer auff den andern warten.
Da sah mans beid einander effen,
Ob einer möchte den andern treffen
Aufft Stirn, oder ins Angesicht,
Keiner des andern schonet nicht.
Gar tieff sich alle beide buckten,
Die Köpffe zuckten, und sich duckten,
Damit jeder so hütet sich,
Dem Stich vnd Streich geschwind entwich.
Mit hellebarten sie sich beitzten,
Einander stiessen, vnd sich reitzten,
Vnd beide schnaufften wie die Beern,
Einandern gern gewesen wern
Vbers Leder, gwaltig anfiengen
Vmd Kopff vnd vmb die Ohren giengen.
Der Hirnkopff gar erhitzigt ward,
Stieß mit gewalt die Hellepard.
Durch Schenkel vnd durch Hosen stach,
Daß gleich den Schenkel schlept hernach
Der Knüpffbart, daß er hank am Hüfft,
Da wurd er so ergrimbt, ergrifft,
Daß er wolt wider mit im dran,
Noch ein Gang mit dem Hirnkopff than.
Den andern Gang gieng gegn im her,
Als wann im schir gleich nichts drumb wer,
Vnd mit der Helleparten dar stach,
Im doch mißlinget in der sach.
Dem armen Knüpffbart an dem Endt
Gar bald empfielen beide Hendt.
Dann Hirnkopff ine allso warm
Frey stache durch den lnken Arm.
Bald der vnseelige Knüpffbart
Schlept Hend vnd Füß, verletzet hart,
Gleich wie ein Gans, muß ich euch sagen,
Der ist ein Flügel abgeschlagen,
Von des zornigen Hirten Stab,
Mit ir her schlempt, weil er ist ab.
Des der Knüpffbart zog ab vorm Hag,
Gedacht: des fechtens ich nit mag."

Ein zweites Gefecht auf der gleichen Fechtschul, das ebenso ausführlich geschildert wird, ist ein Kampf mit langen Schwertern zwischen dem Freifechter Künhirn und einem Meister des langen Schwerts mit Namen Kraußhaar.
"Zwen ander sprungen bald daher,
Vnd griffen freudig zu der Wehr,
Beid hiben auff im langen Schwert,
Ehr einzulegen jeder bgert.
Der eine der Künhirn genent,
So gwesen war vor ein Student,
Darnach sich hatt auffs Fechten geben,
Ein Freyfechter war worden eben.
Gegn dem hertratt auff den Fechtplan
Der Kraußhaar, mit namen Herman,
Ein Flemming, gschwind gerad, bewert,
Ein Meister in dem langen Schwert:
Der vielen Meistern lage ob,
Sein Prob offt thet mit Ehr vnd Lob
Viel Meister offt hett vberwunden,
Die gegen im sein gelegen vnden:
Hett nie keim gwichen wol befunden,
Das Kräntzlein allweg hett gewunnen.
Auff diß sein Kunst sich lassen thet,
Vil Reden lauffen lassen hett
Auß Hochmuth auffgeblasnem Pracht,
Den Künhirn neben im veracht,
Alß ob er in wolt abgewinnen,
Im wurde Mannes Muth zerrinnen,
Ehe er im was beuor wolt geben,
Must in eh kosten Leib und Leben.
Die beide nun zusammen tratten,
Ein wild Gefecht mit Schwerter hatten,
Vnd wolt keiner dem andern geben
Beuor, eh lassen Leiben vnd Leben,
Uin diesem Kampff daß Lobe haben,
Vnd solt er werden gleich begraben.
Zusamen eilten mit den Schwertern,
Einander drungen mit gar herten
Gantz ongefugen, scharpffen Streichen,
Ob sie einander möchten reichen.
Ersztlich der Künhirn gschwind vnd klug
Auff den Kraußhaar mit dem Schwert schlug,
Die Streich all Augenblick dopplirt,
Drang auff den Feind mit großer Gird,
Hergegen Kraußhaar wol versetzt,
Damit er wurde nit geletzt,
Sich hin vnd wider vmbher bog,
Den Streichen vmb den Kopff empflog.
Wie heftig nun der Künhirn wüt,
Sich jener doch vor vorn Schlegen hüt,
Mit der Versatzung allgmach wich,
Durch freie Kunst kont hüten sich,
Im weichen, doch schluge herwider,
Bis rhuweten die müde Glieder.
Der Künhirn aber wart nit lang,
An Kraußhaar her im andern Gang,
Dem ließ er gar damals kein Rhu,
Mit Schlegen steet auf in drung zu:
Zusamen schlugen also hert,
Daß da erklngeten die Schwert.
Allbeyd sie sich kecklichen wehrten,
Einander dißmals wüst abkehrten.
Der eine sehr sich schemet eben,
Daß er mit Schanden solt nachgeben
Dem andern, macht die Hoffnung gut
In aller hitz erst Fred vnd Muth.
Schlug auff der Feind s durstiglich,
Daß er must weichen hindersich
Vnd war der Künhirn also wild,
Der Kraußhaar nur die Streich auffhielt,
Versetzt, vnd hett sich gnug zu wehrn,
Daran sich Künhirn nit wolt kehrn,
Trung auff een Feind so vngesug,
So gschwind auß Krefften auff in schlug,
So mutig, kün, freudig, hertzhafft,
Verließ sich auff sein Faust vnd Krafft,
Auß Gschwind vnd Sterck in Jitz vnd Brunst,
Schlug zu, welches heist de gulden Kunst,
So nach dem Feind war auff dem Tach,
Daß der Kraußhaar schon wurd zuschwach.
Der Künhirn war im vberlegen,
Daß Kraußhaar im nut möchte begegen.
Gleich wie das helle Wasser kalt
Heraber auff die gelsen fallt,
Vnd widerspritzet an dem Stain
Den allethalb vmblauff tder Mayn.
Also der Künhirn hie auch eben
Den Kraußhaar wurde gar vmbgeben,
Auff ine allethalb schlug zu,
Vnd liesse im kein einig Rug,
Schmeißt also starck auff ine dar,
In auff den Kopf schlecht ohngefahr
Da gleich das Haar amdicksten steht,
Daß der rot Saft hernacher geht:
Künhirn, du hast mich vberwunden
Bekenn ich dir, dann ich lig vnden,
(Der Kraußhaar sprach) des gib ich mich,
Vnd dir die gab vnd Ehr zusprich"


Die oben aufgeführten Ausschnitte entstammen dem Lobgedicht des Christian Beyer (nach einer lateinischen Vorlage von Frischlin) auf die Fechtschul zur Stuttgarter Fürstenhochzeit von 1575 und sind u.a. nachzuschlagen bei Karl Wassmannsdorff: Sechs Fechtschulen. Groos 1870.

Mittwoch, 2. November 2011

Schwere Verletzungen und Todesfälle auf der Fechtschul: ausgewählte Beispiele

von Jan Schäfer

Die Fechtschul war während des 16. und 17. Jahrhunderts ein öffentliches Ereignis, das Teilnehmer wie Zuschauer gleichermaßen in großen Mengen anzog. Auf diesen Veranstaltungen traten die Fechter (überwiegend bürgerliche Handwerkermeister und –gesellen, aber auch Höflinge) innerhalb eines streng festgelegten Regelwerkes mit verschiedenen Wehren gegeneinander an und kämpften in Einzelgefechten um Geld- oder Ehrenpreise.

Strenge Regularien, die von den anwesenden Fechtmeistern auf dem Platz durchgesetzt wurden, sollten Verkrüpplung oder Tod der Fechter verhindern. Dennoch kam es immer wieder zu schweren Verletzungen oder gar Todesfällen. Einige sollen im Folgenden dokumentiert werden

Auf der Fechtschul in Troppau im Jahr 1583 anlässlich der Hochzeit von Hans Friedrich von Liegnitz und Brieg mit einer Schwester des Herzogs Ludwig von Württemberg fochten neben vielen anderen ein Marxbruder mit Beruf Schlosser und ein Tuchmacher aus Nerlingen gegeneinander. „Im ersten gang gieng es one Blutt ab, Im Andern thett der Nerlinger dem Schlosser wider Alles versehehn die Nasen am gesicht enttzway spaltten, daß er sein schwertt weitt von sich geworffen“.

Während der selben Fechtschul ereignete sich eine weitere schwere Verletzung: „Einem Marxbruder, beriembtten fechttern, Ist von einem Federfechter mit dem Stengle ein Aug Auß gestochen worden; Ich darff nitt schreiben, wie hoch das glidwasser hell, weisß, gerad in die höhe Ist gesprungen, so schröcklich zu sehen geweßt“, schreibt der anwesende Hans Ulrich Krafft.

Auch auf der Fechtschul in Stuttgart 1596 zur Taufe des Herzogs August wurde einem Fechter „mit der Duseckhen ein aug auß dem khopff geschlagen“.

Zu Nürnberg fand am 16. (26.) Mai 1602 eine offene Fechtschule beim goldenen Stern statt. Hier fochten Andreas Kameisen, ein Blatschloßer und Freifechter, und Michael Herzog, ein Büttner und Marxbruder, mit dem Rapier gegeneinander. Andreas Kameisen stach seinem Kontrahenten mit dem Rapier ins Auge und verletzte sein Hirn so schwer, dass er nach wenigen Tagen starb.

Die Fechtschul zur Prinzentaufe in Dresden 1614 wurde durch einen Fechtunfall überschattet, der ebenfalls durch ein Rapier verursacht wurde. Der kurfürstlich sächsische Pritschenmeister Wolfgang Ferber berichtet darüber folgendes: „Ein lackey, noch ein jungs Blut, Focht gar zu keck, vnd aus frischem muth, Versah die Schantz (daß glaube mir) Daß er im einfachen Rappier, Wurd zu eim aug gestossen ein, Daß er des Tods must drüber sein, Vnd thet ihms fechten ziemlich behagn, Man must ihn von der Schul wegtrag, Vnd starb denselben Abend noch.“

Die oben aufgeführten Beispiele stammen aus Lebensaufzeichnungen und Lobschriften (im Einzelnen: Fechtschul in Troppau 1583 aus den Lebensaufzeichnungen des Hans Ulrich Krafft; Fechtschul in Stuttgart 1596 aus der Lebensbeschreibung des Professors der Medizin in Basel, Felix Blatter; Fechtschul in Dresden 1614 aus einem Lobgedicht des Wolfgang Ferber) und sind aufgeführt bei Karl Wassmannsdorff: Sechs Fechtschulen. Groos 1870. Der Fall des Andreas Kameisen ist zu finden bei Franz von Soden: Kriegs- und Sittengeschichte der Reichsstadt Nürnberg, Band 2. Bläsing, 1861.

Dienstag, 1. November 2011

Eine Auseinandersetzung zwischen Hans Freytag von Speyer und Felix Dietz vom Zürchberg

Hans Freytag von Speyer war ein deutschsprachiger Fechtmeister in der Tradition des Johannes Liechtenauer. Von ihm ist ein Werk aus dem Jahr 1491 erhalten, in dem er verschiedene Abschriften anderer Autoren zu einer  Handschrift zusammengestellt hat (MI.29, Universitätsbibliothek Salzburg). Viel mehr war von ihm bis jetzt nicht bekannt.

Olivier Dupius und Andreas Meier haben kürzlich einen interessanten Vorfall zutage gebracht, der von einer Auseinandersetzung zwischen besagtem Hans Freytag von Speyer und einem gewissen Felix Dietz vom Zürchberg handelt.