Dienstag, 17. Januar 2012

Swordfish 2011 Schwert-und-Buckler-Finale: Wie es im Buch steht

Der Sieg Kristine Konsmos im Schwert-Bucker-Finale des schwedischen Swordfishturniers 2011  setzt ein deutliches Zeichen für ein quellenorientiertes Fechten.

 Ein Kommentar von Thore Wilkens.


Als die Stange des Ringrichters zum letzten mal fiel, brach der Saal in Jubel aus. Mit 4 zu 0 Treffern besiegte Kristine Konsmo ihren Gegner Staffan Sannelmalm im Schwert-Buckler-Finale. Eine aufsehenerregende Leistung, denn die Finalsiegerin verfügte lediglich über zwei Jahre Trainingserfahrung und hatte zu diesem Zeitpunkt noch kein Turnier bestritten. Sie ist ein Neuling, der sich durch die Reihen technisch gefestigter und wettkampfgeschulter Veteranen gefochten hat.

Über  Konsmos Finalgegner Staffan Sannelmalm wird weniger gesprochen. Seine Anwesenheit in der Finalrunde ist allerdings ebenso verblüffend wie die Konsmos, denn Sannelmalm ist kein historischer Fechter. Laut einigen Kommentatoren auf Youtube besitzt Sannelmalm  jedoch Erfahrungen im Stockkampf. Sein Fechtstil lässt seine mangelnde Vertrautheit mit den Waffen erkennen. Seinen Buckler vergisst er häufig und konzentriert sich ganz auf sein Schwert, mit dem er ungestüm Hiebe austeilt. Eigentlich ein gefundenes Fressen für jeden erfahrenen Fechter, möchten viele historische Fechter gern meinen. Das er es dennoch bis ins Finale geschafft, dürfte die anwesende Fechterschaft in Besorgnis versetzt haben. Warum diese Vermutung ins Schwarze zu treffen scheint, zeigt der Jubel nach Konsmos Sieg und die im Nachgang in Foren diskuttierte Frage, wie es jemand wie Sannelmalm überhaupt ins Finale schaffen konnte. Führt man diesen Gedankengang konsequent zu Ende, dann kommt man automatisch zu der Frage: Was ist ein System wert, dessen Anhänger von einem Freistilfechter reihenweise aus dem Ring geworfen werden? Genau wie Konsmo hat sich Sannelmalm durch die Veteranen bis ins Finale gefochten. Hätte er dieses gewonnen, hätten sich die historischen Fechter die Frage stellen müssen, ob sich die Szene auf dem richtigen Weg befindet und ob die erarbeiteten Interpretationen wirklich tauglich sind. Im Finale wurde eine Antwort auf diese Frage geliefert und sie fällt für die historischen Fechter nicht nur positiv aus.

Kristine Konsmo hat eindrucksvoll bewiesen, dass die rekonstruierten Systeme im Gefecht erhebliche Vorteile verschaffen können, aber nur wenn sie konsequent befolgt werden. Und  genau so hat die Schwedin ihre Siege errungen. Im „Swordforum“ beschrieb der Schiedsrichter „Matt Gallas“ ihre Fechtweise als einen „sauberen I.33 Stil“ (vgl. SFI). Gezielt verwendete sie Huten, um ihr Vorgehen zu decken und den Gegner unter Druck zu setzen. Ihr feines Mensurgefühl erlaubte ihr zudem gezielte Hiebe zu Handgelenk und Kopf, so Gallas. Ihr technisches Repertoire ist dabei nicht sonderlich groß. Sie verwendet nur eine Handvoll Bewegungsabläufe, welche allerdings gut gewählt sind und noch besser umgesetzt werden. Sie ist beherrscht, tastet sich langsam über den Kampfplatz und verliert nicht die Kontrolle. Ihre Beinarbeit ist schnell und präzise und ihre Schläge sind gezielt und schnörkellos. Was Konsmo als Gegner so gefährlich macht, ist dieses überdurchschnittliches Maß an Körperbeherrschung, das Ergebnis einer zwölfjährigen Ballettlaufbahn. Da sie ihren Körper unter Kontrolle hat, kann sie sich ganz auf den Gegner und ihre Taktik konzentrieren und sie verfügt auch über die nötige Ruhe und Ausdauer, um  diese Taktiken durchzuhalten. Technisch gesehen mag Kristine Konsmo ein Anfänger sein, körperlich ist sie alles andere als das.

Gegen die Kombination aus Körperbeherrschung und gut ausgeführter Technik haben Sannelmalms leidenschaftliche, aber unstrukturierte Angriffe keine Chance. Konsmo liefert damit einen öffentlich wahrnehmbaren Präzedenzfall für die ewige Diskussion um die Glaubwürdigkeit und Interpretierbarkeit der Fechtbücher. Sie liefert auch den Beweis, das das Erlernen dieser Systeme einen klaren Vorteil bringt, was vor allem von manchen Mitgliedern der Vollkontakt- und Mittelaltermarktszene noch bezweifelt wird. Ihr Sieg setzt aber auch innerhalb der wachsenden  Wettkampfszene der historischen Fechter ein deutliches Zeichen. Einer Szene, die immer mehr das Symptom der Selbstentfremdung aufweist. Auch technisch versierte Fechter entscheiden sich im Turniergefecht bewusst für Strategien, die den grundlegenden Regeln der überlieferten Fechtweisen widersprechen. Vor allem in der Disziplin des Langen Schwerts ist dieser Missstand zu beobachten. Die Gefechte ähneln immer öfter einem Ticken mit Stahl. Immer häufiger zielen die Taktiken auf die Schwächen des Regelwerks ab. Die Anwendung der überlieferten Fechtkunst sieht man auf dem Kampfplatz immer seltener.

Aus diesem Grund halte ich Konsmos Sieg für bedeutend. Sie hat dieses Finale durch eine strikt quellenorientierte Fechtweise gewonnen und das nicht etwa knapp, sondern haushoch. Sie hat gezeigt, wie wirkungsvoll eine konsequente historische Fechtweise sein kann und damit ein deutliches Zeichen für Außenstehende und Mitfechter gesetzt.


Das Video zum Kommentar: Der Finalkampf von Staffan Sannemalm vs. Kristine Konsmo.

Montag, 9. Januar 2012

Fechtschul und Fußturnier auf der Jülicher Hochzeit im Juni 1585

Am 16. Juni 1585 wurde Johann Wilhelm (1562-1609), künftiger Herzog von Jülich-Kleve-Berg (ab 1592) mit der Prinzessin Jakobe von Baden-Baden (1558-1597) in der ‘Fürstlich Jülischen Hochzeit‘ verheiratet. Schloß und Stadt Düsseldorf versanken infolge in einen achttägigen Feiertaumel mit unzähligen Banketten, Schauspielen, Musik, Tanz und Feuerwerk. Auch eine Fechtschul und ein Fußturnier wurden im Verlauf der Festlichkeiten zum Vergnügen der Gäste veranstaltet. Beide Kampfspektakel sind in Bildern festgehalten worden (Anm.: auch ein Reitturnier hat stattgefunden, doch konnte ich bis jetzt das entsprechende Bild nicht ausfindig machen).


Die Fechschul am 19. Juni

Fechtschul auf dem Schlosshof. Aus: D. Graminäus: "Beschreibung der Fürstlich Jülischen Hochzeit", Köln 1587. (Bildquelle: zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)

Das Bild zeigt die Fechtschul wahrscheinlich auf dem Innenhof des Düsseldorfer Schlosses in vollem Gange. Auf dem Platz fechten jeweils zwei Männer mit Schwertern und zwei weitere mit Stangen gegeneinander. Sie werden von zwei Fechtmeistern dabei beaufsichtigt. Sowohl beim Schwert- als auch beim Stangenfechten lassen sich Huten erkennen. Der linke Schwerfechter steht in der Hut Alber, der rechte scheint einen Hau mit verdrehter Schneide zu führen. Bei den Stangenfechtern setzt der eine Kämpfer den Stich des anderen soeben ab. Von links und rechts des Bildes betreten im Augenblick zwei weitere Fechter mit aufgehobenen Schwertern den Platz, um ein Gefecht zu beginnen. Um sie alle herum im Karree und auf den Emporen verfolgen die Zuschauer das Geschehen. Die Herren Zuschauer im Innenhof sind allesamt edel gekleidet. Die meisten tragen über Wams und Pluderhosen einen halblangen Mantel um die Schultern und das Schwert gegürtet an der Hüfte. Auf dem Boden des Fechtplatzes liegen an zwei Stellen Dussacken, Rapiere und Hellebarden gehäuft. Auch Musiker (zwei Trompeter, ein Trommler, ein Flötenspieler), die zur Ankündigung der Fechtschul durch die Stadt gezogen waren und auch spielten als der Fechtmeister seine Fechtschule befreite, lassen sich auf dem Bild links unten ausmachen.

Unter dem Bild steht geschrieben:
"Die Trum die ging geschwindt herumb,
Der meister ist des Swertz der kumb
Am Fursten hoff all auff dem platz
Ist schöll bestelt in namen Gottz.

Da freyt der fechter seine Scholl,
Vnd gab verwar gar guten zoll.
Haubtschleg, ohrenstreich, vnd maulschell gutt,
Braachen den fechtren trutz vnd mudt.

Behört zum Tuch alsolche farb,
Darna handler, darna gewarb.
Der geboren ist nach der lufft,
Draget vnd scharret solche frucht."

Der Chronist der Ereignisse Dietrich Graminäus beschreibt die Fechtschul in einer 1587 erschienenen Festschrift. Die folgende Schilderung ist aus der Perspektive des Fechtmeisters Hans von Olm geschrieben, der die Fechtschul leitete (zit.n. Wassmannsdorff).
„Durch krafft vnd macht der Keys. Maiest. Vnsers aller gnedigsten Herrn, dessen Privilegien vnd freyheit, Auch durch zulassung, wissen vnd willen des Durchleuchtig, Hochgebornen Fürsten vnd Herrn, Herrn Wilhelms, Hertzoge zu Jülich, Cleve vn Berg, etc. meines G. F. vnd Herrn, ist mir Hansen von Olm Meister des langen Schwerdts aller gnedigst vnd gnediglich gestattet vn zugelassen worden, eine frey öffentliche Fechtschul anzuschlagen vnd zuhalten, mit allen Ritterlichen Wehren, wie dieselben alhie fürhanden seyn. Da dann gute Gesellen zugegen, die solche Ritterluche Fechtkunst gelernet vnd derselben erfahren, vnd den Durchleuchtig, Hochgeborenen Fürsten Personen, Chur vnd Fürstlichen Gesandten, auch andern vom Adel, der löblicher Ritterschaft alhie zugegen, den anwesenden Fürstinnen vnd dem gantzen Frawenzimmer, mit ihrer Kunst vnd erfahrenheit ihn vnderthenigkeit, freudt vnd kurtzweil zumachen vermeint, dieselben wöllen vnbeschwert seyn sich hervor zuthun, vmb den auffgestelten Preiß auffzuheben, die gebürliche genge nach altem löblichen Fechtbrauch, zuhalten, dann bin gemeint vnd entschlosen vber alsolche gute Gesellen, wie eine ehrliebenden Meister des lange Schwerdts gebüren wol, vnpartheisch zuhalten, dieselben zuschützen vnd zuschirmen, wder vnd gegen vbermuth vnd vngebühr. Wol auch weiter auf meiner Schul verbotten haben, ort, knauff, inlauff vnd alle andere falsche stück, Auch wo einer oder mehr gute Gesellen vorhande /die Edle Ritterschafts außgenommen, welch ich hiermit zun ehren nicht gemeint haben wol) die meiner begeren würden, es sey vmb gelt oder gelts werth, (vngeachtet ich des Gelts nut viel hab) oder aber vmb einen guten streich, truck oder naß, daß derselb frey gehertzt vnd wolgemuth hervor tretten wolm, nach brauch des Schwerdts gerechtigkeit, vnd frey auffheben, schonen des Schwerdts nicht, sonder sich selbst der finger, vnd schlagen zwischen den Ohren da das Haar auffm dickesten stehet, treffen mich auch mit, dieweil ich auch ein guter Gesell:
Schwing mich in Namen Jhesu Christ:
Fürcht kein Fechter wie wildt er ist.
Ist ein trotz Bruder vorhanden,
Wird gtroffen weichen mit schanden.
Darumb Trummenschläger schlag auff,
Vnd wart ein jeder seinen Kopff.
Nach dieser befreyung der Fechtschul, auch vorgehender ermelter rede, sind etliche gute gesellen hervor getretten, vnd haben in vnderscheidlichen Wehren, mit gebührlichen vnd Meisterlichen dau gebrauchten Fechtsprüngen, auffgehoben, also daß man manichen guten streich bey dem Fechten hat vernommen, sind auch etliche mit blutigen Köpffen abgedanckt vnd davon gezogen, wie es denn bey solchem schertz, so offter mahl mit ernst vermischt gemeinlich vorzulauffen pflege, dieweil man dem Tuch also thun muß, dann es sonst ein farb verliert.“


Das Fußturnier am 23. Juni

Fußturnier auf dem Düsseldorf Marktplatz. Aus: D.Graminäus: "Beschreibung der Fürstlich Jülischen Hochzeit", Köln 1587. (Bildquelle: ru.wikimedia.org, public domain license)


Das Fußturnier war ein Kampfspiel des 16. Jahrhunderts, bei dem u.a. in einem Modus zwei verschiedenfarbig gekleidete Mannschaften auf einem Turnierplatz mit Schwert, Hellebarde und Lanze über eine niedrige Schranke hinweg gegeneinander kämpften. Im Bild ist gerade der Moment dargestellt, in dem die beiden Mannschaften auf das mit Holzbarrikaden abgegrenzte Turnierfeld einmarschieren. Zahlreiche Adelige und Bürger auf dem Marktplatz und an den Fenstern der Häuser warten bereits in gespannter Erwartung auf den Beginn des Massenkampfes.

Der Text unter dem Bild lautet:
"Nach alter Adlicher manir
War zugericht ein fueß Turnir,
Eß hatt dar Adelshertz mitt pracht
Vill Ritter zuwegen gebracht,

Die zogen auff mit grosser zier,
Nach Teudscher loblicher manir,
War schon vnd herlich ausgeruft,
Des jederman sich wundren must.

Adeler hertz der großer Furst
Zu pferdt auffs herligst außgeruft.
Fhuret das Regiment vnd heer
Praucht sich gar Ritterlich mit Wehr.

Den hohen Rhum er dar bekam
Wie solchs ein jederman vernam."

Siehe auch: Beschreibung zweier weiterer Fußturniere in Stuttgart und Kassel (beide 1596) sowie die Transkription der Kasseler Fußturnierregeln bei talhoffer.wordpress.com


Literatur:

Lau, Friedrich: Geschichte der Stadt Düsseldorf (2 Bände). Düsseldorf: Bagel 1921. (nachgedruckt  1980)

Stieve, Felix: Johann Wilhelm, Herzog von Jülich-Cleve. In: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 14. Leipzig: Duncker & Humblot, 1881.

Wassmannsdorff, Karl : Sechs Fechtschulen. Groos 1870.

Wettlaufer, Jörg und Hirschbiegel, Jan und Paravicini, Werner (Hg.): Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich: Bilder und Begriffe (2 Bände). Ostfildern: Thorbecke Verlag 2005.