Mittwoch, 5. Februar 2014

„Verzeichnis etlicher Stücke des Fechtens im Rapier so ich zu Frankfurt an der Oder gelernt“. Transkription des Ms.germ. fol. 1476

von Jan Schäfer

Ms.germ. fol. 1476 der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz ist eine kurze Niederschrift über das Fechten mit dem Rapier. Es handelt sich sehr wahrscheinlich um Notizen für den Eigengebrauch. Die Handschrift umfasst drei Seiten und ist auf das 16./17. Jahrhundert datiert. (1) Als Verfasser wird ein A. Herr von Biberstein vermutet, denn die zwei Blätter sind mit einem Exemplar von Gessners „Schlangenbuch“ (Sig. 2° Lk 3626 R, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz) zusammengebunden, das nach dem Besitzsiegel von 1593 einem A. Herr von Biberstein gehörte. (2) Der Titel „Verzeichnis etlicher Stücken Des Fechtens ihm Rapier So ich zu Frankfurt an Der oder gelernett“ weist eindeutig auf den Entstehungszusammenhang mit der Stadt Frankfurt an der Oder hin. Möglicherweise war der Autor Student an der Alma Mater Viadrina.(3)

Inhalt
  • fol 1r: überschrieben mit: "Verzeichnis etlicher Stücken Des Fechtens ihm Rapier So ich zu Frankfurt an Der oder gelernett", zwei Skizzen, 6 Stücke zum Hauen, zwei davon mit eigenen Fachwörtern benannt: das Reisen und das Dämpfen
  • fol 1v: Fortsetzung der Stücke zum Hauen, alle mit Fachwörtern benannt: Handhau (7.), Zirkelhau (8.), Schenkelhau (9.), Hackenhau (10.), Gleichhau (11.), Mittelhau (12.) und Obergriff (13.)
  • fol 2r: überschrieben mit: "Folgen Etliche Stücke. Der halbe Zirkel, die runde Verführung, der halbe Zirkel, Die Verführung [...] aus dem […]", alle mit Skizzen, kein weiterer Text

Bemerkungen zur Bearbeitung des Textes
  • Die Wiedergabe des Textes erfolgte buchstaben- und zeichengetreu.
  • Groß- und Kleinschreibung wurde vereinheitlicht. Nur der Beginn jedes neuen Abschnitts sowie alle Eigennamen (wo auch im Original groß) wurden groß geschrieben.
  • Zeichen zur Unterscheidung von Buchstaben (z.B. 'u' mit Strich oder 'y' mit Doppelpunkt) wurden nicht abgebildet.
  • Die verschiedenen Formen eines Buchstaben (z.B. bei 's') wurden nicht unterschieden.
  • Fehler, wie z.B. Schreibfehler, wurden übernommen.
  • Nachträglich eingefügte, durchgestrichene und überschrieben Worte wurden mit <> kenntlich gemacht.
  • Auch Zeichnungen werden mit <> markiert. Die Zeichnungen können auf den angehängten Originalseiten betrachtet werden.

Der Text

[fol. 1r]

Verzeichnus etlicher stucken des fechtens ihm Rapir so ich zu Frankfurt an der oder gelernett

Die funff <Zeichnung> heuwe.

Die Versezunk auch recht zulernen

Die teilung der klingen <Zeichnung>

1. Hauwett dir einer inwendik forn an die klinge. las nicht antreffen, sondern in dem die klingen aneinander rühren. sollen. so las ablauffen trit mit dem lincken fus gerade gegen dem manne. vndt <ein h mit dem vndt überschrieben> hauwe ihm auswendigk. mit verwendeter handt zum heubtt.

2. Allso thue hauwett dir einer auswendigk so las nicht antreffen sondern las ablauffen. trit mitt dem lincken fus. woll beiseitts zu deinem rechten. vndt hauwe ihm inwendigk zum kopff.

3. Hauwett dir einer auswendigk nach deinem rechten elenbogen. so trit mit dem lincken fus woll gerade gegen ihm zu, vndt renne ihn mit verwendeter handt. auff die brust doch ist zu mercken nach wellcher seiten du hauwest. oder stichst. mustu den kopff allezeit auff die ander seitten wenden.

4. Hauwett dir einer inwendigk. hartt forn an die klingen. so beige deinen leib zu ruck. las vnten durch gehen vndt renne ihn geschwindt mit einem zutrit. vndt ausgestrecktem arm auch verwendeter handt auff die brust.

das reissen 5. Hauwett dir einer inwendigk nach dem kopffpe. so reis mitt der stercke diiner klingen die schweche seiner klingen wegk. als den trit mit deinem lincken fus beiseits hinder deinen rechten, las die klinge vmb den kopff gehen, vndt hauwe ihm inwendigk. wiederumb zum gesichtt. allso auch hauwett dir einer auswendigk. so reis wiederumb seine klingen wegk. las deine vmb den kopff gehen. trit mitt deinem lincken fus gerade gen ihm zu, vndt hauwe ihm auswendik zum kopff. oder machs allso. hauwe ihm inwendik starck auff seine klinge. vndt thue gleich als habestu <durchgestrichen: mich> dich verhauwen, lest er nun ablauffen. so reis geschwingk seinen herkommenden hauw wegk <unleserliches Wort> las deine klingen vmb den kopff gehen. vndt hauwe ihm mitt einem zutritt nach dem kopff. also thue ihm auch von der andern seiten.

Dempffen. 6. Hauwett dir einer inwendigk so las die stercke deiner klingen auff die schweche seiner klingen starck fallen, dempffe also seine klingen. allsdan schneide ihn mitt der kurzen schneide auswendigk durchs gesicht, als dan las deine klingen vnb den kopff gehen. vndt hauwe ihm mitt einem abtrit auswendigk zum gesichtt, damitt du wieder in die versazungk. kommest. hauwet er dir aber auswendigk. so dempffe ihm wie zuvor seine klingen auswendigk. schneide ihn mitt der halben schneide durchs gesicht inwendik.  vndt hauwe ihm abermals mitt einem abtrit zum gesichtt.

[fol. 1v]

Handthauw. 7. Drauwe ihm einen hauw auswendigk nach dem kopffe mitt einem <schwer leserlich, aber vermutlich:> halben zutritt, fehrret er den auff zuversezen. so trit mit dem lincken fus hinder deinen rechten. beige deinen leib woll zurücke. vndt hauwe ihm mitt ausgestracktem arm mitt dem dritten vnderhauw zur fausst. oder drauwe ihm inwendigk mitt einem zutrit ein gewaltigen oberstich. fehret er auff zuversezen. >oberhalb eingefügt: so> las die klingen nicht aneinander rühren. sondern gehe vnter seiner klingen durch vndt hauwe ihn auswendigk auff den arm. oder hauwe ihm auswendigk von vnten auff starck an seine klingen. lessett.  er ablauffen. so beige deinen leib woll zuricke. hauwe ihm behendt. mitt ausgestrecktem arm. durch einen mittelhauw zum arm.

Cirkellhauw. 8. Hauwe ihm inwendigk starck an seine klingen. lessett er ablauffen. so zucke behendt deine wehr vbern kopff. (beige aber dein gesichtt woll auff die ander seitten). vndt hauwe ihn abermals eh sein hauw kömbt inwendigk zum gesichtt. deinen kopff soltu aber darum auff die ander seiten <ein Wort, wahrscheinlich hizen, überschrieben mit:> zihen, damitt wen sein hauw kömbt er neben dir neben dir wegk gehe. eben also kanstu diesen hauw zur andern seitten brauchen.

Schenckellhauw. 9. Hauwe ihm inwendigk starck an seine klingen. lessett er ablauffen. so reis seinen kommenden hauw wegk. bücke deinen leib woll. vndt zihe deinen kopff auff die ander seiten. spring behendt zu vndt hauwe ihn auff die schenckell. allso das du nach gethanem hauw schnell für ihm füriber lauffest, damitt er dich mit einem anderen hauw nicht ereilen könne.

Hackenhauw. 10. Hauwe ihm starck an die klingen inwendigk. lessett er ablauffen, so reiss seinen kommenden hauw weck. oder verseze nur allein. spring behendt zu lauff bei seiner <eingefügt: rechten> seiten geschwindt fürüber. vndt hauwe ihn allso auff die hacken.

Gleichhauw 11. Hauwet dir <eingefügt: einer> inwendigk nach dem kopffe. so wende mitt ausgestracktem arm <Wort überschrieben, vermutlich mit:> die stercke deiner klingen gegen seinem hauw. allso das die spize deiner klingen. bei deiner rechten seiten weggehe. las seinen hauw nicht antreffen. <Stelle beschmutz, vermutlich: vndtt> sondern las ablauffen, vndt hauwe ihm geschwindt, mitt einem zutrit deines lincken fusses zum gesichtt auswendigk. allso thue auch von der andern seitten.

Mittellhauw. 12. Hauwe ihm inwendigk starck an seine klingen lessett <zuerst: lessess> er ablauffen <das u bei ablauffen oberhalb eingefügt>, so spring geschwindt bei seiner rechten seiten fürüber. vndt hauwe in auff di<Stelle beschmutzt> brust. oder hauwe ihm auswendigk. von vnden auff starck an seine klingen. lessett er ablauffen. so spring behendt bei seiner lincken seiten fürüber. vndt hauwe ihn auff die brust.

Obergrieff. 13. Hauwett dir einer inwendik zum kopff. spring mit dem rechten fus zu fange seinen hauw mitt der stercke deiner klingen auff zihe aber deinen kopff. woll hinter deine klingen, wen du ihm nun die klingen aufgefast, so reiss ihm mitt der lincken handt sein rapir vndersich wegk. vndt hauwe ihn auswendigk auff den kopff. allso thue auch wen dir einer auswendigk hauwett.

14. Auff eine andere manir kanstu auch versezen. als nemlich allso. hauwe ihm inwendik starck an seine klingen lessett er ablaffuffen <das erste doppel-f ist durchgestrichen>, so fange seinen hauw mit der stercke deiner klingen auff. allso das. deine klingen spitze. bei deinem lincken arm wegk sehe. vndt hauwe ihm auswendigk nach dem kopffe. allso thue auch von der ander seiten.

[fol. 2r]

Follgen Etliche Stücke.
<Zeichnung> Der halbe zirkell <Zeichnung> die runde verführungk <Zeichnung> der halbe zirkel.
Die verführung <Zeichnung> aus dem <Zeichnung>

Die Originalseiten

fol. 1r (Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz)

fol. 1v (Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz)

fol. 2r: (Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz)

Anmerkungen

Vielen Dank an Olivier Dupuis für die zahlreichen Hinweise, die im Dezember 2014 zur Verbesserung der Transkritpion beitrugen.

(1) siehe Becker, Peter-Jörg, Kurzes Verzeichnis der von Hermann Degering nicht mehr erfaßten Handschriften in Folio. Ms. germ. fol. 1384 - Ms. germ. fol. 1500 (Typoskript). Berlin 1986, S. 38. [Digitalisat]
(2) ebd.
Zu Gessners Schlangenbuch: Conrad Gessner (1516–1565) war ein Schweizer Naturforscher, dessen "Schlangenbuch" als fünfter Teil seiner Sammlung 1587 erschien. Siehe zu Conrad Gessner und seinem Werk u.a.: Eduard K. Fueter: Gesner, Konrad. Neue Deutsche Biographie, Band 6. Duncker & Humblot, Berlin 1964,  S. 342–345 [Digitalisat].
Es ist stark zu vermuten, dass die beiden Textblätter und das Schlangenbuch zusammengebunden wurden. Vielen Dank an Dr. Robert Giel der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin - Preussischer Kulturbesitz für die Hinweise.
(3) Um 1506 nahm die Universität in Frankfurt/Oder ihren Lehrbetrieb auf. Siehe zur Geschichte der Universität: Modrow, Irina: Wonach in Frankfurt "jeder, der nur wollte, gute Studien machen konnte…" Eine kleine Geschichte der Viadrina. Schöneiche bei Berlin 2006, Höhle, Michael: Universität und Reformation. Die Universität Frankfurt (Oder) von 1506 bis 1550. Köln 2002, Hasse, Günther und Winkler, Joachim (Hrsg.): Die Oder-Universität Frankfurt. Beiträge zu ihrer Geschichte, Weimar 1983. Und zur Stadt Frankfurt/Oder u.a.: Knefelkamp, Ulrich und Griesa, Siegfried (Hrsg.): Frankfurt an der Oder 1253–2003. Berlin 2003.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen