Freitag, 10. Oktober 2014

Fechten in der Literatur (1): Flashman

von Jan Schäfer

In der Literatur hat das Fechten seinen festen Platz, seit Homer seinen Helden Odysseus Helm und Schild von der Wand nehmen und in den Trojanischen Krieg ziehen ließ. Entweder wird das Fechten direkt zum Gegenstand der Erzählung gemacht, wie zum Beispiel in Arturo Pérez-Revertes Roman „Der Fechtmeister“, oder es ist ein Element der Gestaltung von Plot und Spannungsbögen. Hier geht die Liste der Beispiele einmal durch die Welt- und Trivialliteratur der Jahrhunderte. Ob Ivein und Erec, Hug Schapler, Ivanhoe oder die Helden fast jedes Kinderzimmers: D'Artagnan und die drei Musketiere – überall wird der rote Faden auch mit Schwert oder Degen gezogen.

Während die pragmatischen Quellen – die Fechtbücher – darauf zielen, Fechttechniken darzustellen und zu beschreiben, hat das Fechten in der Literatur eine andere Funktion. Ein Fechtkampf in der Literatur ist Element der Handlung. Nicht selten werden die Konflikte zwischen Charakteren durch eine Fechtszene auf einen existentiellen Moment verdichtet. Denn das Fechten ist eine unmittelbare physische Auseinandersetzung, die in ihrer endgültigen Konsequenz auf Demütigung, Verletzung oder Vernichtung eines Protagonisten abzielt.

Fechtszenen können unterschiedlich beschrieben sein: naturalistisch, symbolisch, ironisch - je nach Perspektive des Autors, seinen Absichten, seinem Wissen und seiner zeitlichen Nähe zum behandelten Stoff. Dabei sind in der Literatur oft bemerkenswerte Beobachtungen, Interpretationen, Anspielungen und Variationen von Fechten und Fechtszenen auszumachen.

Darum werden wir in einer unregelmäßig erscheinenden Artikelserie auf die Bearbeitung des Fechtens in der Literatur blicken. Den Anfang machen die „Flashman-Manuskripte“ von George MacDonald Fraser, die in den Jahren 1969 bis 2005 erschienen und seit 2011 vom Kübler-Verlag in einer Neuauflage herausgegeben werden.

Zur Figur: Flashman ist ein Held der Kriege und Konflikte des 19. Jahrhunderts. Afghanistan, Frankfurt, Krim, Amerika, China – überall ist er mittendrin im Weltgeschehen. Obwohl sich Flashman und Heldentum meist so verhält wie Sonne und Eis – kaum scheint Gefahr auf, schmilzt Flashys Heldenmut hinweg – gelingt es ihm, in jedem seiner Abenteuer für den Helden gehalten zu werden, den die Öffentlichkeit in ihm sehen will.

Harry Flashman ist in seinen Geschichten ständig in Gefechte verwickelt. Zwei Beispiele für Fechtkämpfe, die bemerkenswert sind, sollen hier zitiert werden.

In Royal Flash wird Flashman in die Ereignisse Deutschlands um das ereignisreiche Jahr 1848 verwickelt. Der junge Otto von Bismarck hat Flashman wegen seiner Ähnlichkeit zu einem deutschen Prinzen für eine Intrige ausgewählt. Doch ein Detail fehlt: Flashy als designiertem Doppelgänger fehlen die Mensurnarben des Originals. Also kommt Bismarck auf die Idee, dass sie ihm stilecht in einer Mensur zugefügt werden sollen, was zur Schilderung einer Mensurszene überleitet. Das deutsche Mensurfechten mit Schläger oder Säbel, wie es auch heute noch derartig praktiziert wird, entwickelte sich im 19. Jahrhundert und gilt, wie es auch im Text dargestellt wird, als Männlichkeitsritus. (1) Flashman ist aber weder von der Tatsache begeistert, dass er Narben davontragen soll, noch will er die Spielregeln dieses Männlichkeitsspiels der Deutschen recht verstehen.

[…] Ich war nicht hungrig, doch Rudi machte sich mit Herzenslust über das Essen her und schwatzte dabei in einem fort. Er behandelte mich mit einer charmanten Mischung aus Vertraulichkeit und Respekt, und niemand, der uns beobachtet hätte, wäre auf die Idee gekommen, dass alles nur Theater war. Er war ein hervorragender Schauspieler, und mir wurde klar, dass in seinem Verhalten Methode lag. Kraftstein saß mit gesenktem Kopf da und schlang das Essen in sich hinein, doch das eine Mal, als er das Wort an mich richtete, nannte er mich gleichfalls „Hoheit“.
Bismarck erschien erst, als wir fertig waren, und er spielte kein Theater. Er blieb jedoch, als er mich erblickte, einen Moment wie erstarrt auf der Schwelle stehen; dann trat er langsam ins Zimmer, betrachtete mein Gesicht, ging um mich herum und musterte mich sorgfältig eine Minute oder länger. Schließlich sagte er:
„Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Ohne Übertreibung – er ist Carl Gustaf.“
„Davon haben mich Ihre Freunde auch zu überzeugen versucht“, murmelte ich.
„Wirklich exzellent, aber noch nicht g anz perfekt. Zwei kleine Details fehlen noch.“
„Was denn?“ fragte Rudi.
„Die Narben. Auf beiden Seiten, die linke direkt über dem Ohr, die rechte einen Zoll tiefer und leicht abwärts verlaufend – so.“ Und er fuhr mit seinem Finger über meine glattrasierte Haut; die Berührung ließ mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen.
„Potztausend, Sie haben recht“, sagte Rudi. „Das habe ich ganz vergessen Wie sollen wir sie ihm zufügen?“
Meine Eingeweide drehten sich um, als Bismarck mich mit seinem eisigen Lächeln betrachtete.
„Vielleicht mittels einer kleinen Operation? Ich bin sicher, Kraftstein versteht sehr gut mit einem Rasiermesser umzugehen ...“
„Sie werden nicht an einem Kopf herum schneiden, Sie verfluchter Bastard!“ rief ich und wollte von dem Stuhl aufspringen, doch Kraftstein packte mich mit seinen riesigen Händen und stieß mich zurückj. Ich schrie und zappelte, doch er umklammerte mit seiner Pranke mein Kinn und drückte es, bis der Schmerz mich niedersinken ließ.
„Nein“, sagte Bismarck. „Es gibt eine bessere Möglichkeit. Sie können ihm auf korrekte Weise beigebracht werden – mit dem Schläger. De Gautet dürfte das nicht schwerfallen.“ Mit einem süffisanten Blick auf mich fügte er hinzu: „Überdies kann ich damit unserem Freund eine kleine Schuld zurückzahlen.“
„Hm“, sagte Rudi zweifelnd, „aber ob dies mit solcher Genauigkeit möglich ist? Sie müssen präzise an der richtigen Stelle sitzen. Es hat keinen Sinn, ihm eine Wunde zuzufügen, wo Carl Gustaf keine hat.“
„De Gautet besitzt mein volles Vertrauen“, entgegnete Bismarck. „Er kann mit einem Säbel den Flügel einer Fliege spalten.“
Voll Entsetzen hörte ich ihnen zu; diese beiden Menschenfreunde diskutierten in aller Ruhe über die beste Methode, mein Gesicht zu zerfleischen. Wenn es etwas gibt, was ich nicht ertragen kann, so ist es Schmerz, und der Gedanke, dass kalter Stahl meinen Schädel zerschlitzen sollte, ließ fast meine Sinne schwinden. Sowie Kraftstein seine Hand fortnahm, begann ich sie anzujammern; Bismarck hörte mir mit finsterer Miene ein paar Sekunden zu und sagte dann: „Bringen Sie ihn zum Schweigen, Kraftstein.“
Der Hüne umklammerte meinen Nacken, und ein entsetzlicher Schmerz durchzuckte meinen Rücken und meine Schultern. Er muss auf irgendeinen Nerv gedrückt haben, und ich schrie und wand mich unter seinem Griff.
„Er kann so weitermachen, bis Sie tot sind“, sagte Bismarck. „Benehmen Sie sich nicht wie ein altes Weib und stehen Sie auf. Ein paar Wunden von einem Schläger werden Sie nicht umbringen. Jeder deutsche Bursche ist stolz darauf, sie zu bekommen.“
„Um Himmels Willen!“ schrie ich. „Hören Sie, ich habe mich bereit erklärt, zu tun, was Sie wollen, Aber dies ist abscheulich. Ich werde nicht –“
„Sie werden“ sagte Bismarck. „Prinz Carl Gustaf hat zwei Mensurnarben, die ihm zugefügt wurden, als er in Heidelberg studierte. Ohne sie können Sie unmöglich seine Rolle spielen. Ich bin überzeugt“, fuhr er mit einem ironischen Lächeln fort, „de Gautet wird sie Ihnen so schmerzlos wie möglich beibringen. Und wenn es Sie ein wenig schmerzt, so mögen Sie sich mit dem Gedanken trösten, dass Ihr liebenswerter Freund Mr. Gully Sie im voraus bezahlt hat. Sie erinnern sich doch?“
In der Tat, ich erinnerte mich, doch es tröstete mich nicht im mindesten. Dieser Halunke wollte sich jetzt also revanchieren, und wenn ich mich widersetzte, würde Kraftstein mich mit bloßen Händen in Stücke reißen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zu fügen, und so ließ ich mich in einen großen kahlen Raum neben dem Hof führen, in dem Fechtmasken und Schläger an den Wänden hingen und Kreidestriche auf den Boden gezeichnet waren wie in einer Fechtschule.
„Unser Paukboden“, sagte Bismarck. „Sie werden während Ihrer Vorbereitung einige Zeit hier verbringen – Sie dürften ein oder zwei Pfund schwerer sein als Carl Gustaf, schätze ich. Vielleicht können wir Sie gleich heute morgen davon erleichtern.“
Von einem Mann, über dessen Kragen Fettwülste hervortraten, klang das reichlich unverfroren, doch meine Angst machte mir viel zu sehr zu schaffen, um mich darum zu kümmern. Gleich darauf erschien De Gautet; er sah noch verschlagener aus als am vergangenen Abend, und man merkte, wie ihm das Wasser im munde zusammenlief, als Bismarck ihm erklärte, was er tun sollte.
„Sie müssen haargenau treffen“, sagte Bismarck. „Schauen Sie, hier.“ Er trat vor mich, zog die kleine Miniatur, die er mir noch am Abend zuvor gezeigt hatte, aus der Tasche, sah sie und dann mich an und runzelte die Stirn. „Sehen Sie, wie sie verlaufen – so und so. Bitte, den Bleistift.“ Und zu meiner Bestürzung nahm er einen dicken schwarzen Stift, den Kraftstein ihm hinhielt, und begann mit großer Sorgfalt auf meinem Kopf die Stellen zu markieren, wo mir die Wunden zugefügt werden sollten.
Bei seiner letzten Berührung stieg mir die Galle hoch, und fast hätte ich ihn angespien. Sein Gesicht dicht vor dem meinen, stand er da, pfiff leise durch die Zähne und zeichnete auf meinem kribbelnden Fleisch herum wie auf einer Schiefertafel. Als ich zurückzuckte, fuhr er mich an, ich solle stillhalten. Ich war wie gelähmt – ich glaube nicht, dass es unter all den Dingen, die dieser Mann je getan hat, etwas gab, dass diesem gelassenen Markieren meiner Haut für Gautets Hiebe gleichkam. Es gibt nur ein Wort dafür – es war unmenschlich.
Endlich war er fertig, und Kraftstein konnte uns für die Mensur ausstatten. Damals erschien mir das Ganze  schrecklich, doch wenn ich heute in meinen alten Tagen daran zurückdenke, kommt es mir ungeheuer kindisch vor. Trotz all des Stolzes, den die Deutschen darein setzen, einander zum Beweis ihrer Männlichkeit Narben zuzufügen, sind sie ungemein darauf bedacht, sich nicht ernstlich zu verletzen. Kraftstein setzte uns große metallene Hauben auf den Kopf, die vorn mit großen Brillen zum Schutz der Augen und der Nase ausgestattet waren, und befestigte um unseren Hals dicke gepolsterte Binden. Sodann schnallte er uns wattierte Schurze um den Oberkörper, mit Klappen, die die Schenkel bedeckten, und wickelte eine dicke Bandage vom Handgelenk bis zur Schulter um den rechten Arm. Als unsere Ausrüstung komplett war, fühlte ich mich wie ein aufgeblähter Hanswurst; es war so lächerlich, dass ich beinahe meine Furcht vergaß.
Der Schläger, den man mir in die Hand drückte, kam mir so komisch vor, dass ich fast lachen musste. Er war über einen Meter lang und hatte eine dreieckige Klinge und am Griff einen riesigen Metallkorb zum Schutz der Hand, dessen Durchmesser einen Fuß betragen haben muss.
„Ein Instrument der Ehre“, sagte Bismarck. „Mit einem Säbel verstehen Sie doch sicher umzugehen, oder?“
„Fragen Sie das Ihren Mann, wenn wir fertig sind“, sagte ich, eine Dreistigkeit mimend, die ich nicht verspürte. De Gautet ließ seinen Schläger auf erschreckend sachkundige Weise durch die Luft zischen.
„Ausgezeichnet“, sagte Bismarck. „Wie Sie sehen, ist der Kopf Ihres Kontrahenten wie der Ihre bedeckt, außer an den Wangen und dem unteren Teil der Schläfen. Dies sind Ihre – und seine – Ziele. Sie müssen versuchen, diese Ziele bei de Gautet zu treffen, ebenso wie ich Mr. Gully treffen sollte. Sie dürfen nur Hiebe austeilen, keine Stöße. Haben Sie verstanden? Auf meinen Zuruf hin werden Sie beginnen und unterbrechen.
Er trat zurück, und ich stand De Gautet auf dem mit Kreide markierten Boden gegenüber; Rudi und Kraftstein hatten an den Wänden Aufstellung genommen, doch Bismarck stand ein paar Meter von uns entfernt, mit einem Schläger bewaffnet, um, falls nötig, unsere Klingen zu trennen.
De Gautet trat vor und hob salutierend seinen Schläger; mit den Bandagen sah er aus wie eine ausgestopfte Puppe, doch hinter der Brille funkelten seine Augen. Ich salutierte nicht, sondern hob den Schläger wie einen Säbel über meinen Kopf, die Klinge schräg vor mein Gesicht haltend.
„Salutieren Sie!“ rief Bismarck.
„Ich pfeif drauf!“ sagte ich in der Annahme, dass ich ihn in seiner edlen teutonischen Gesinnung verletzen würde, wenn ich die Formalitäten ignorierte. Ich wurde keck, denn all dieses Drum und Dran hatte mich überzeugt, dass es sich um eine nicht im mindesten ernstzunehmende Sache handelte. Ich bin kein Säbelexperte, und wenn ich gezwungen bin, einen zu benutzen, dann lieber nicht in einem Zweikampf, sondern in einem Gemenge, bei dem man sich am Rande halten, die Seele aus dem Leib brüllen und warten kann, bis ein Gegner einem seinen Rücken zukehrt. Es schien mir jedoch, dass es mir gelingen würde, die ungeschützten Stellen, die de Gautet treffen sollte, zu decken.
Er rückte auf mich zu, die Klingen klirrten aneinander, und dann zuckte blitzschnell sein Handgelenk nach links und rechts, und er versuchte, mit flinken, kurzen Hieben meinen Kopf zu treffen. Doch Flashy ist kein Tölpel, und ich fing seine Klinge mit der meinen ab. Er schlug wieder zu, und seine Klinge traf meine Haube, doch ich wich zurück, holte aus und hieb wie ein besoffener Dragoner auf ihn ein. Wie ich später erfuhr, darf man mit dem Schläger nur aus dem Handgelenk schlagen, doch ich war ja ein unwissender Ausländer. Hätte ich ihn getroffen, so wären Herrn de Gautets Eingeweide auf den Fußboden gequollen, doch er reagierte flink und wehrte mit der Breitseite seiner Klinge ab.
Wieder ging er, die Augen zusammengekniffen, auf mich los, und die Klingen klirrten aneinander. Er fintierte und hieb zu, doch ich war auf der Hut, grinste ihn über unsere gekreuzten Klingen hinweg spöttisch an und versuchte, ihn mit aller Kraft zurückzudrängen. Ich spürte, wie seine Klinge herabgedrückt wurde, und dann zuckte sie wie ein Blitz, und es war, als treffe ein rotglühendes Eisen meine rechte Schläfe. Der Schmerz und der Schreck ließen mich zurücktaumeln, ich ließ meinen Schläger fallen und griff nach meinem Gesicht, und während Bismarck zwischen uns sprang, sah ich das Widerlichste, was ich mir denken kann, nämlich mein eigenes Blut; es rann meine Wange herab und auf meine Hand, und ich presste jammend meine hand auf die Wunde, um es zu stillen.
„Halt!“ rief Bismarck und trat zu mir, um meine Verletzung zu untersuchen, doch nicht etwa, weil er sich um mich sorgte, sondern nur, um nachzusehen, ob sie an der rechten Stelle saß. Er ergriff meinen Kopf und starrte mich an. „Haargenau!“ rief er und winkte triumphierend de Gautet, der sich grinsend verbeugte.
„Fahren Sie fort!“ rief Bismarck, trat zurück und bedeutete mir, meinen Schläger aufzuheben. Zitternd vor Schmerz und Wut und mit einem Gefühl, als quelle das Blut in Strömen aus mir, rief ich ihm zu, er solle mich gernhaben; ich denke nicht daran, mich zu seiner Belustigung zerfetzen zu lassen.
Er wurde rot vor Zorn. „Heben Sie ihn auf“, brüllte er, „oder ich lasse Sie von Kraftstein festhalten, und wir bringen Ihnen die andere Narbe mit einer rostigen Säge bei.“
„Das ist gemein“, rief ich. „Ich glaube, mein Schädel ist gebrochen.
Er schimpfte mich einen Feigling, ergriff den Schläger und drückte ihn mir in die Hand. Und damit nichts Schlimmeres geschah, stellte ich mich de Gautet wieder, entschlossen, mir die andere Wunde so schnell wie möglich zufügen zu lassen und dann, wenn möglich, die Rechnung auf meine eigene Weise zu begleichen.
Federnd tänzelte er auf mich zu und hieb geschickt nach rechts und links. Ich parierte, versuchte ihm rasch einen Hieb beizubringen und hob dann den Schläger, meine linke Seite ungeschützt lassend. Instinktiv hieb er auf die Lücke, und ich nahm den Schlag mit geschlossenen Augen und zusammengebissenen Zähnen entgegen. Es tat schrecklich weh, und ich konnte einen Schrei nicht unterdrücken; ich taumelte, hielt aber meinen Schläger fest umklammert, und als de Gautet befriedigt zurücktrat und einen Blick auf Bismarck warf, machte ich einen plötzlichen Ausfall und bohrte ihm die Spitze meines Schlägers mit aller Kraft in den Leib.
Das nächste, was ich weiß, ist, dass man mich zu Boden warf, und während ich, geblendet von meinem eigenen Blut, am Boden dalag, brach die Hölle los. Jemand versetzte mir einen fürchterlichen Tritt zwischen die Rippen, ich hörte Rudi schreien und de Gautet stöhnen – ein köstlicher Laut –, und dann muss mein Bewusstsein geschwunden sein, denn als ich die Augen aufschlug, lag ich auf einer Bank, und Kraftstein wischte mir das Blut vom Gesicht.
Mein erster Gedanke war: jetzt werden sie mich abmurksen, doch dann merkte ich, dass Bismarck und de Gautet verschwunden waren – nur Rudi war noch da und grinste auf mich nieder.
„Ich hätte mich nicht besser schlagen können“, sagte er. „Unser Freund de Gautet wird das nächste Mal nicht so überheblich sein. Sie haben ihn nicht schlimm verletzt – nur in die Seite gestochen –, aber er wird es ein oder zwei Tage spüren. Sie natürlich auch. Schauen wir einmal ihre ehrenvollen Narben an.
Mein Kopf tat schrecklich weh, doch als er und Kraftstein ihn untersucht hatten, meinten sie, es sei alles in bester Ordnung – von ihrem Standpunkt aus. De Gautets Hiebe hatten genau richtig gesessen, und Kraftstein versicherte mir, wenn man die Wunden offen ließ, würden sie rasch zu exzellenten Narben verheilen.
„Sie werden Ihnen ausgezeichnet stehen“, sagte Rudi. „Sämtliche kleinen Preußinnen werden sich um Sie reißen.“
Ich fühlte mich zu elend, um ihn zu verfluchen. Der Schmerz schien mein Hirn zu zerreißen, und als Kraftstein meinen Kopf verband und die beiden mich nach oben trugen und auf mein Bett legten, schwanden mir fast die Sinne. Das letzte, was ich hörte, bevor ich ohnmächtig wurde, war, dass Rudi sagte, es sei das beste, wenn meine Hoheit ein wenig ruhte, und ich weiß noch, wie seltsam es mir erschien, dass er aus der Rolle, die er spielte, für eine Weile heraus- und dann wieder hineingeschlüpft war.
Dies war meine einzige Erfahrung auf dem Gebiet der Mensur, und sie genügte mir vollauf. Doch sie lehrte mich eines, und zwar einen fürchterlichen Respekt vor Otto von Bismarck und seiner Canaille. Wenn sie einer so kaltblütigen Verstümmelung fähig waren, so gab es nichts, was ihnen nicht zuzutrauen war; von diesem Moment an schlug ich mir den Gedanken an eine Flucht aus Schönhausen völlig aus dem Kopf. Ich benötige nicht den nötigen Mut dazu.
Was die Wunden betrifft, so verheilten sie unter Kraftsteins Pflege schnell. Ich werde ide Narben bis an mein Grab tragen, die eine dicht an meinem rechten Ohr, die andere ein wenig höher. Zum Glück wirkt keine von ihnen entstellend; Rudi hatte recht – es ist etwas Schneidig-Romantisches an ihnen, und sie haben oft dazu beigetragen, Leuten einen falschen Eindruck von meinem Charakter zu vermitteln.

Im Band Der Chinesische Drache  hat ein berühmter Fechtmeister einen kurzen Gastauftritt – wenn auch nur in Flashmans Gedanken. Es handelt sich um Guillaume Danet, einen französischer Fechtmeister aus der Zeit des Ancien Régime, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein zweibändiges Werk zum Hofdegenfechten unter dem Titel L’Art des armes de Guillaume Danet  veröffentlichte (2) [Digitalisat Band 1 (pdf)] [Digitalisat Band 2 (pdf)].
Die Nennung Danets geht möglicherweise auf die Bewunderung Frazers für Rafael Sabatini (3) zurück, der u.a. die historischen Roman Der Seefalke und Scaramouche, schrieb. Vermutlich kommt es daher, dass Flashman hier an einen französischen Fechtmeister des Hofdegens denkt und nicht an einen englischen Fechtmeister des Säbels.

Es gab eine atemlose Pause und dann schnappte Sang buchstäblich über vor Wut, schrie auf und zerrte sein Schwert hervor. Ich schrie zurück und sprang beiseite, um den Säbel in die Finger zu bekommen, der, wie ich wusste, an der Wand hing, da Yehonala letzte Nacht An darauf hingewiesen hatte – und das verfluchte Ding war nicht da! Sangs Klinge wirbelte in einem glitzernden Bogen herum und ich warf mich brüllend zur Seite, als er hinter mir einen Tisch zertrümmerte. Da war der Säbel, knappe drei Meter entfernt – ich machte einen Satz und riss ihn von der Wand, wirbelte herum und entging gerade noch einem weiteren wütenden Hieb, brüllte dem Mongolen zu, in die Parade zu gehen, und brach mir Bahn, als Sang wie ein Straßenköter schäumend hinter mir her stürzte. Auf dem Parkett ging ich en garde, parierte zwei Hiebe, um ihn einzuschätzen, und mein Herz tat einen Sprung, als sich eine lebenswichtige Hoffnung bestätigte – er konnte ums Verrecken keinen Säbel führen. Er drosch in blinder Wut drauflos, also entblößte ich meine Flanke, parierte den Hieb mit der starken Seite, wartete, dass er sich taumelnd wieder fing, und stieß ihm den Säbel in den linken Arm. (Ich bin auch nicht gerade Guillaume Danet, aber Sangs Fechterei hätte jedem Waffenmeister das Herz gebrochen.)

Anmerkungen

(1) Zum Mensurfechten existiert eine große Zahl an Quellen als auch an Forschungsliteratur. Eine Auswahl: Roux, Friedrich August Wilhelm Ludwig: Deutsches Paukbuch. Mauke, Jena 1857. Roux, Ludwig Caesar: Die Hiebfechtkunst. Eine Anleitung zum Lehren und Erlernen des Hiebfechtens aus der verhangenen und steilen Auslage mit Berücksichtigung des akademischen Comments. Pohle, Jena 1885. Schulze, Friedrich: Die Fechtkunst mit dem Haurapier unter besonderer Berücksichtigung des Linksfechtens mit Uebungsbeispielen und fünf Tafeln in Lichtdruck. Petters, Heidelberg 1885. Neu herausgegeben von Peter Hauser im WJK-Verlag, Hilden 2005. Biastoch, Martin: Duell und Mensur im Kaiserreich. Am Beispiel der Tübinger Corps Franconia, Rhenania, Suevia und Borussia zwischen 1871 und 1895. SH-Verlag, Vierow 1995. Kufahl, Hans und Schmied-Kowarzik, Josef: Der Zweikampf auf den Hochschulen. Weber, Leipzig 1896. Seewann, Harald: Das frühe Mensurwesen in (alt-)Österreich (1860-1880) und das ”konservative Prinzip”. Eine Quellensammlung. Erschienen in der Schriftenreihe des Steirischen Studentenhistoriker-Vereins, Folge 31, Graz 2011. Unbekannt: Die Corps der deutschen Hochschulen nebst einer eingehenden Darstellung studentischer Verhältnisse. Lissner, Leipzig 1870. Zwicker, Lisa Fetheringill: Dueling Students: Conflict, Masculinity, and Politics in German Universities, 1890-1914. University of Michigan Press, Ann Arbor 2011.
(2) Die Erstausgabe erschien in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts; eine zweite, überarbeitete Version in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts.
(3) In den Nachworten von Frazer für neue Sabatini-Auflagen kommt dies zum Ausdruck, nachzulesen z.B. hier (vielen Dank an Martin Compart für die Hinweise).

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Erzieher der Aufklärung: Johann Bernhard Basedow über das Tanzen, Ringen und Fechten

von Jan Schäfer

Johann Bernhard Basedow (1) gab 1774 in Dessau ein vierbändiges Werk über die Erziehung unter dem Titel
Ein geordneter Vorrath aller nöthigen Erkenntniß; Zum Unterrichte der Jugend, von Anfang, bis ins academische Alter, Zur Belehrung der Eltern, Schullehrer und Hofmeister, Zum Nutzen eines jeden Lesers, die Erkenntniß zu vervollkommnen ; In Verbindung mit einer Sammlung von Kupferstichen, und mit französischer und lateinischer Uebersetzung dieses Werks.
heraus. Im zweiten Band (2) erläutert der Autor die “Kunst der Stellungen, des Tanzens, des Ringens, und des Fechtens."

Der Text
[Seite 485]  15) Von der Kunst der Stellungen, des Tanzens, des Ringens, und des Fechtens. Tab. LXI.

Die obigen Begriffe von der Musik muss man in der Jugend nach und nach, und zwar, wenn sie die beschriebenen Gegenstände hört und sieht, hören und sehen soll, oder gehört und gesehen hat, zu erregen und zu befestigen suchen. Zu gleicher Zeit muss man sie mit den Italiänischen Kunstwörtern der Teutsch gesagten Sachen bekannt machen. Weil die Flöte und Geige nicht zugleich Discant und Bass hat, wie die Harfe und das Clavier: so scheinen jene Instrumente zum Anfange musikalischer Uebungen die tauglichsten. Vielleicht aber sollte die Singübung die erste seyn, wobey der meister auf dem Clavier accompagniren könnte. Vornehmlich wünschte ich, dass das Frauenzimmer sich im Singen übte, und zugleich in der Wahl der Stücke nach der jedesmaligen Absicht. Eine Strophge zu rechter Zeit könnte manche schädliche Laune unterbrechen.

Vom

[Seite 486] Vom Tanzen sehe man das Methodenbuch; besonders von Erziehung der Töchter. Ich glaube, das menschliche Geschlecht wäre glücklicher, wenn alles im Hause wöchentlich wenigstens einmal tanzte. Besonders sollten sich dieses empfohlen seyn lassen die Studirenden, und alle Personen, die im Sitzen entweder viel arbeiten, oder oft müssig sind. Wenn die Meister oder Eltern die Kunst des Tanzens, des Ganges und der anständigen Stellungen in mancherley Umständen so elementarisch zu lehren wüsten, wie die preussischen Officire das Exerciren der Recruten: so würde sie sehr bald und auf eine ordentliche Art gelernt, besonders da Verweise, Flüche, Scheltwörter und Prügel hieher nicht gehören. Was der Tanzmeister von ihnen lernen sollte, ist die Theilung einer jeden Übung in ihre Elemente.

Auf der obersten Haelfte sieht man nach einer einzigen Geige zwey Personen Menuet tanzen. Die Stellung der einen ist gut, der andern aber fehlerhaft. So unterscheide man auch in der sitzenden Gesellschaft und in den stehenden Zuschauern diejenigen, welche eine fehlerhafte Stellung haben.

In alten Zeiten uebte man die Jugend in der Ringekunst. Dieses ist ohne gueltige Ursachen, bloß des Misbrauchs wegen, aus der Mode gekommen. Denn, der zuweilen noethigen Gegenwehr zu geschweigen, giebt diese Kunst dem Koerper eine groessere Geschicklichkeit, und lehrt am besten, welche Bewegungen und Zufaelle ihm von aussen her schaden. Also wuensche ich, daß sie mit einigen andern Theilen der vormals ueblichen Gymnastik oder Leibesuebung wieder hergestellt werde. Hiezu gehoerte auch das Fechten, ob ich gleich sowohl

[Seite 487] wohl die ausfodernden als ausgefoderten Duellanten tadle.

Diesem Rathe einen sinnlichen Eindruck, und einige der ersten begriffe zu geben, habe ich die zweyte Haelfte mit folgenden Vorstellungen angefuellt. Die beyden ersten Figuren zur Linken sind Ringer. Der Kleinste derselben weis, an welchen Stellen des Leibes er seinen Gegner ergreifen muß, um den wenigsten Widerstand zu finden. Er weis, daß derselbe an der Brust, an den Obertheilen der Arme und an den Seiten des Kopfes, am staerksten, aber an den Knien, an den Gelenken der Ellbogen, oder vielmehr der Haende, und hinten am Kopfe am schwaechsten seyn werde. Auf die hier vorgestellte Weise, soll ein gewisser starker Herkules einmal einen ihn angreifenden Riesen im Ringen ueberwunden, und nachher erdrueckt haben. – Weiter hin sind Fechter. Die beiden ersten schlagen sich auf den Stoß, die beyden zur Rechten aber auf den Hieb. Wenn ein Fechter mit einem Rappier, (woran vorn ein Ball ist,) oder mit einem Degen in einer der vier Lagen, welche Prime, Secunde, Terzie und Quarte heissen, auf seinen Gegner ausfaellt, so muß derselbe die Klinge pariren, daß ist, ihr weder zur Linken noch zru Rechten, weder oben noch unten einen Zugang zu seinem Leibe verstatten, oder Blösse geben. Wenn der Gegner cavirt oder Blösse sucht; so muß ihm gegencavirt werden; wenn er durch Finten es zweifelhaft macht, wo er hinstoßen will; so muß man

[Seite 488] man entweder seine Klinge auspariren, oder auch mit eben der List gegenfintiren. Wenn er im Battiren die Klinge wegschlagen, oder im Ligiren das ganze Gewehr aus der hand winden will; so muß man auf seiner Hut seyn, und gegencaviren. Ueberhaupt muß man auf den Leib, die Füsse, die rechte Hand und die Augen des Gegners Acht haben, um seinen naechsten Absichten zu entdecken, und sich selbst gegen ihn zu wehren. Die sicherste Lage des Fechtens ist, da er nur die rechte Schulter dem Gegner entgegensetzt, und die andre links abwendet, den rechten Arm ueber das rechte Bein ausstrecket, in eben der Flaeche den linken Fuß zuruecksetzt, und die linke Hand gegen das Gesicht in die Hoehe haelt, um mit ihr im Notfalle einen Stoß zu pariren. Das Fechten auf den Hieb geschicht auf eine etwas andere Weise, mit besondern Haudegen oder Saebeln, und wird vornehmlich von den Kriegsleuten ausgeuebt. Zuweilen wird Eine von Vielen angegriffen. Alsdann sucht er den Ruecken sicher zu stellen und die Angriffe durch fortgesetzte Schwuenge seines degens, das ist, durchs Schwadroniren abzuwehren.

Anmerkungen

(1) , Johann Bernhard Basedow (1724-1790), zur Biographie siehe: Bollnow, Otto Friedrich, „Basedow, Johann Bernhard, “, in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 618 f. [Onlinefassung]