Donnerstag, 17. Dezember 2015

Das Vorwort des Giganti-Fechtbuchs in der deutschen Zetter-Ausgabe von 1644

von Samara Ajjour und Jan Schäfer

Jacob de Zetter veröffentlichte 1644 zum wiederholten Male seine deutsche Ausgabe des Fechtbuches von Nicoletto Giganti. Die 1644-Ausgabe in der Herzog August Bibliothek (1) enthält kein Titelblatt und Vorwort, aber in der Ausgabe in der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg (2) ist es vollständig erhalten. Jacob de Zetter tritt auf dem Titelblatt als Übersetzer auf.

Das Titelblatt:

Newe Fechtkunst Oder Schawplatz / darauff allerhand Arten zuversetzen vnd zuschlagen mit dem Rapier allein / vnd mit dem Rapier vnd Dolchen zusamen / vorgestellet / vnd mit Kupfferstücken erklehret. Allen Liebhabern dieser Adelichen Kunst erstlich in Jtalianischer Sprache publiciret Durch Nicolottum Giganti von Venedig. Jetzunder in vnsere Teutsche Sprache vbersetzet Durch Jacob de Zeter.

Titelbatt, Bildquelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Sig. H00/4 MTH-I 106[1/2

Das Vorwort:

[Seite 1] Almorus Lompardus dem günstigen Leser.

Gvnstiger lieber Leser / ob schon der Autor so sich von Vbung der Waffen zuschreiben vnderstanden,
nicht anzeigt was es für eine Scientia oder Wissenschafft sey / so hab ich es gleichwol für eine notthurfft angesehen / daß etwas davon gesagt würde /  darauß jederman berichtet würde / in was Würden sie zu halten / wie hoch sie zu achten / vnd mit was Priuilegien sie begabet vnd gezieret sey. Damit derhalben die Liebhaber dieser Adelichen Kunst etwas davon wissen / ehe sie zu diesen nützlichen und leichten Lectionen vnseres dapferen vnd wol versuchten Nicolotti Gigantis kommen / habe ich diesen geringen Discurs darvber wöllen anstellen / vnd damit die allgemeine Reguln vnd præcepta, darauff die sehen müssen / so ordentlich von etwas schreiben wöllen / in acht genommen werden / will ich an der Definition anfangen / davon ich auff die general Diuision des Wortes Scientie wil komme̅: auß welchen beyden Puncten man desto leichter wird vernehmen können / was vns in dieser löblichen Scientia wird fürgestellet. Es ist aber die Scientia eine gewisse Wissenschafft deren dingen die man mit dem Verstand begriffen hat / vnd wird in zweyerley sorten abgetheilet / nemlich in Speculatiua̅ und Practicam, die Speculatiua ist eine gemeine Operation des Verstandes / nach seine̅  eigne̅ obiecto. Die practica aber bestehet in de̅ wircklichen operationibus des Verstands. Die Speculatiua wird in zwey Theil getheilet: nemlich in Speculatiuam Realem, vnd in Speculatiuam Rationalem. Die Realis sihet auff die Eigenschafft ihres obiecti, welches sein Wesen eusserlich erzeiget. Die Rationalis gehet mit denen dingen vmb / welche ihr von dem Verstand werden vorgebracht / vnnd gehen nicht weiter als sich derselbigen wesen erstrecket.

Die Physica ist eine Scientia Realis speculatiua, als welche allein auff bewegliche vnd natürliche ding sihet: Als auff die Elementa. Die Mathematica ist auch eine Scientia Realis speculatiua, welche auff die quantitates continuas oder discretas sihet. Die quantitates continuæ seynd die linee, circuli vn̅ superficies, deren Messungen durch die Arithmeticam gezeiget werden. Die Grammatica, Rhethorica, Poesis, Logica & c. seynd auch Scientiæ speculatiuæ reales.

Die Scientia Practica wird auch in zwey getheilet: nemlich in Actiuam, vnnd Factiuam, die Actiua begreifft die Ethicam, Polytciam, vnd Oeconomicam. Die Factiua wird in sieben andere getheilet / so Mechanice genennet weren: nemlich / das Wollwerck / Ackerbaw / Kriegswesen / in betrachtung der besoldeten Soldaten / die Schiffahrt / die Artzney / die Jagt / und die Zimmerkunst.

Damit ich nun zu dem komme so ich droben von dieser Adelichen Wissenschaft versprochen / will ich von deroselbigen quali-

[Seite 2] qualitet vnd Natur discurriren / vnd zeigen ob sie eine Scientia Speculatiua, oder Practica sey / vnd auff daß ichs kurtz mache / sage ich / vnnd beweise es auch mit vnderschiedlichen gründen daß sie eine Scientia Speculatiua sey. Dann daß es eine Scientia / ist ausser allem zweiffel / dieweil sie allein durch die Operation des Verstandes wird zu wegen gebracht / als auß welcher sie hero rühret und entspringet. Daß sie eine Speculatiua ist auch gewiß / sintemahl sie nur in einer simplici vnd schlechten Wissenschaft ihres obiecti bestehet / wie hernachmahls mit mehrernsoll erwisen werden. Es ist aber das obiectum dieser Scientæ nit anders / als daß man wisse mit Vortheil zu schlagen vn̅ zuversetzen / welche Wissenschaft eine Wirkung ist des Verstands. Vnd gehet der Professor dieser Scientiæ nicht weiter als auff die Wissenschaft dieser zweyer stück / welche niemand kann wissen / wann er sich nicht auff die Zeit vnnd das Maß verstehet / es sey in Ficten / Drähungen des Rapiers / oder in freyen Stössen / welche alle durch den Verstand werden ins werck gerichtet / vn̅ gehet derselbige auch nicht weiter als auff seinen, vorgesetzten Zweck / nemlich daß man wol versetze vnnd schlage. Last vns nun auch besehen ob sie eine Speculatiua Realis, oder Rationalis sey. Allda befind ich daß sie nicht kan eine Speculartiua Rationalis sein. Die Vrsach ist diese / nemlich/ daß ob sie schon eine Wirckung des Verstands ist  / so erstrecket sie sich doch nicht weiter: Derhalben man muß bekennen daß sie eine Scientia Speculatiua Realis sey. Realis sage ich / dieweil vns die Erkündigung ihres Zwecks eusserlich durch den Verstand gezeiget wird: wie dann die Wissenschafft recht zu schlagen, vnd zu versetzten / mit Zeit und Maß in Ficten / Wendungen/ vnd gleichen Stichen / wie wol sie eine Operatio des Verstandes ist / gleich wol nicht anders als eusserlich kann erkennet werden: vnnd besiehet in Stellung vnnd bewegung des Leibs vnnd des Rapiers/ wie dann auch in den Huthen vnnd Gegenhuhten: welche es dann mit Circulis, Angulis, Lineis, Superficiebus, Menturis vnd Numeris zuwegen gebracht wird / dauon man / wie sie in acht zunehmen / die Schrifften Camilia Agrippæ vnnd andere so hievon geschrieben / lesen mag. Mercket aber daß wie diese Operationes des Verstandes nit ohne eine eusserliche Wirckung können gezeiget werden: also kann man auch diese eusserliche Wirckung nicht erkennen ohne die erste oder innerliche operation des Verstandes. Also daß man nit erkennen kann / daß diese Scientia von dem Verstand herkomme / als an der eusserlichen Wirckung / vnnd gemelte eusserliche Wirckung kan auch nicht erkennet werden ohne die operation des Verstandes. Welche operationes zur anzeigung der hohen Excellentz vnd Vollkomenheit dieser Profession sich allzeit beyeinander finden lassen: vnd wie man keinen Tag ohne Sonne / vnd keine Sonne ohne Tag findet / also wirdt man auch diese opertiones nimmer von einander geschieden finden. Nun ist noch vberig daß wir auch besehen / vnd welche Sciencias Speculatiuas Reales sie gehöret. Da sage ich weiter/ daß sie eine Sc. Spe. Realis sey so zur Mathematica, nemlich der Geometria vnd Arithmetica gehöret. Zur Geometria, dieweil sie mit Lineis, Circulis, Angulis, Superficiebus, vnd Mensuris vmbgehet. Zur Arithmetica, dieweil sie auch ihre gewisse Zahlen hat /  vnd ist keine bewegung des Leibs / die nicht einen Angulum oder Circulum mache: auch keine bewegung

[Seite 3] gung der Waffen / die nicht in einer Linien geschehe. Deßgleichen ist auch keine Huth noch Gegenhuth die nicht ihre Zahlen in sich habe / deren aller betrachtung von der Wissenschaft der Zeit vnd der Mensur herrühret. Dannenhero ich schliesse / daß diese Adeliche Scientia sey Speculatiua Realis / so zur Mathematica nemlich der Geometria vnnd Arithmetica gehöret / wie droben gemeldet worden.

Hie möchte aber ein Vorwitziger einwenden / daß diese Scientia armoru̅ nach meinen vorangezogenen Gründen / viel eygentlicher eine Scientia Practica zu nennen: Sintemahl ich droben gesagt / daß die Scientia Practica nicht allein sihet auf die Erkündigung ihres eygenen obiecti, sonder auch auf die operation: vnnd dieweil die Wissenschafft das Rapier zu führen / nicht nur auff sich selbst / sondern fürnemlich auff die operation sihet / so folget gewiß daß wann man eygentlich davon will reden / sie eine Scientia Practica vnnd nicht Speculatiua zu nennen. Darauff ich antwort / daß all ding von Natur jhre sonderliche operation haben. Nun seynd aber alle Operationes dreyerley. Dann etliche seynd jnnerlich/ vnnd haben jhr Wesen allein im Verstand / vnd kommen von einer Speculatina Rationli her. Etliche seynd jnnerlich vnd eusserlich vnnd haben ihr Wesen beydes jnnerhalb vnd ausserhalb des Verstands / vnd entstehen von einer Speculatiua reali. Etliche seynd allein eusserlich / vnd haben jhr Wesen allein ausserhalb dem Verstand: vnd entstehen auß einer Scientia Practica, seynd auch entweder Actiuæ oder Factiuæ. Die Sc. Spec. Realis Factiua, ist darin von der Practica vnderschieden / daß die Speculatiua realis, wiewol sie eusserlich in jhren obiecto wircket / so behelt sie doch die Wissenschafft desselbigen in jhrem Verstandt: die Scientia Practica aber beneben dem daß sie nur eusserlich in jhren obiecto kan wircken / kan auch nicht anders als eusserlich zur erkündigung desselbigen kommen. Derhalben auch die Scientia armorum, welche die erkündigung jhres obiecti im Verstandt hat / wiewol sie eusserlich wircket / gleichwol nicht kan eine Scientia Practica, sonder muß eine Sciehnia speculatiua realis, genennet werden.

Haben also erwisen was dieses eigentlich für eine Scientia sey / vnnd daß sie zur Mathematica, nemlich der Geometria vnd Arithmetica gehöre / als welche mit Numeris, Lineis vnd Mensuris vmbgeh / deren aber der Autor in seinen Lectionen nicht gedencket / auff daß nicht allein die Gelehrten sondern auch die einfeltigen desto mehr nutzen darauß empfangen / in dem er in seinen Lectionen / ohne weitläufftige beschreibung der vielfältigen Linien / Circuln / Anglen vnd Superficien / dardurch der Leser mehr bestürtzet als berichtet / wie man beydes die Zeit vnnd das Maß soll verstehen vnd gebrauchen / damit man in Wendungen / Ficten / vnnd ledigen Stössen mit Vortheil verletzen vnd schlagen könne.

Was die Circulos, Lineas, vnd andere droben gemeldte Sachen anlanget / wirdt sich der fleissige Liebhaber leichtlich durch die Vbung darin finden / vnnd will ich auch selbst denen so sich hierzu wöllen begeben / gerahten haben daß sie von

[Seite 4] von den studijs der Freyen künsten anfangen / dann welcher gestudiret / wirdt durch die Wissenschafft vieler Sachen so auch hierzu gehören / in geringerer zeit alles fassen vnd perfecter darin werden / als einer so nicht gestudiret hat. Welcher ob er sie schon auch fassen möchte / so muß er doch mehr Zeit und Arbeit darauff wenden / vnd wirdt doch nicht so wol in der Kunst gegründet sein.

Endtlich was die Dignitet dieser Profession belanget / vnnd wie hoch dieselbige zu halten / mit was glimpff vnnd bescheidenheit sie zu vben / was für Ehre jhr gebühre / vnnd wie der verpflichtet so die Wehr tregt vnnd sich darzu bekennet: Sage ich / was erstlich die Dignitet vndd Würde belanget / daß dieselbige von jhren qualitäten herrühret / welche aber auß deroselbigen abtheilung zuerkenne̅. Nun wird die Scie̅tia armoru̅ in drey Theil getheilet / deren dz erste zweyerley ist / ne̅lich /  Naturalis, vnd Artificalis. Die natürliche / ist ein beweißlicher Difcurs damit sich der Me̅sch natürlicher weise beydes im versetzen vnnd im schlagen behillft / vnnd suchet nach seinem eigenen Verstande die mittel so jhm die Natur zu seiner Defension vnnd zur Offension des Gegentheils an die handt gibt. Wie man offtermals mit Verwunderung sihet / daß ein dapfferer vnnd vnerschrockener Mann in einem Streit / einen schlegt der für einen guten Meister gehalten worden. Die künstliche ist die so durch den Verstandt vnd die Vbung in gewisse Reguln vnnd mittel fasset / wie man ohne Gefahr mit Zeit vnnd Maß versetzen vnnd schlagen soll / dannenhero der Mensch in einem Streit die mittel nimpt / seine Person zuverwahren, vnd zeiget der Autor dieser beiyden qualiteten / eine sonderliche Wissenschaft in seinen Lectionen / daran jhm der Leser kann genügen lassen.

Das andere Theil ist dieses / da die künstliche Wissenschafft des Rapiers widervmb in zwey Theil getheilet: in Demonstratiuam vnd Exercitatam. Die Demonstratiua zeiget wie man recht versetzen vnnd schlagen soll / es sey gleich in festem Fuß / oder im Schrit: Jtem wann man an Gegenth. setzen / oder sich widervmb zurück begeben soll: Es sey in Linien / oder Circuln / oder andern droben gemeldten Vmbständen / nach welchen sich der Verstand richtet / vnnd die vnderschiedliche Stellungen oder Gegenstellungen vornimpt. Die Exercitata ist die Demonstratiua, wie die zu allerhand Sachen vnd Fällen wirdt applicirt: vnnd ist kein vnderschied darzwischen / als daß die Demonstratiua für sich selbst ist: die Exercitata aber zur Wissenschafft vieler andern Sachen dienlich ist.

Das dritte Theil ist dieses / daß die Scientia Demonstratiua des Rapiers / widerumb in zwey Theil getheilet. Die erste Demonstratiua bestehet in terminis in complexis, das ist / in terminis simplicibus oder compositis, so noch ander terminos mehr in sich begreiffen / so für sich selber auß vielen Zufälle̅ beweißlich seynd / als dz man ausser dem Maß ist / mit auffgespanten Armen / mit erhabenen oder gesenckten Waffen / welche termini incomplexi, das ist / dem Gegentheil vnverstendliche termini genennet werden / auch werden sie simplices genennet / dieweil sie natürlich seynd: vnnd compositi / dieweil sie auff vnderschiedliche weise bedacht werden. Vnd werden diese in primos vnd secundos getheilet. Die

[Seite 5] Die Primi seynd die Fassungen der Sachen so  man mit dem Verstand hat begriffen / alsda seynd das versetzen vnd das schlagen / vnd diese gehören zu der ersten vnnd vornehmbsten Intention. Die secundi seynd die conceptiones, so in dem Verstand gemacht werden / als da ist die rechte Wissenschaft zu versetzen vnnd zu schlagen: vnnd kommen auß den Primis, sintemahl wann der Verstand weiß / daß man versetzen vnnd schlagen muß / so fengt er also bald an zu discurriren / wie vnnd auss was weise solches recht zuthun seye. Die andere Demonstratiua bestehet in terminis complexis, das ist / die viel andere terminos so für sich selbst erweißlich seynd / begreiffen: welche entweder in Maß vereiniget / oder in Distantz vnderschieden / jren Zweck weisen: als wann man in der Huth ligt / vnnd sich verwahret / damit zeiget man es sey in Distanz oder im Maß / beydes durch die Stellung oder durch die Gegenstellung / was man damit kan / oder gedencket zu verrichten. Dannenhero sihet man was von dieser löblichen Scientia zu halten / nemlich auß den qualiteten / vnnd terminis so darinnen verfasset.

Wie sie derhalben hoher Würden als eine Sc. fpec. realis zur Mathematica nemlich der Geometria vnd Arithmetica gehörig / vnnd so viel denckwürdige Stück in sich begreifft / also sage ich ein grosser glimpf vnnd reputation darzu erfordert, wie dann solche darauß erscheinet / daß sie gemeinlich in Fürsten und Herren Höfen / deßgleichen in grossen vnnd berühmbten Stätten wirdt gefunden / allda sich meisten theils Fürstliche / Rittermäsige vnnd Adeliche Personen darinn vben / vnnd solches vmb keiner andern Vrsachen willen / als daß / wie sie Adelich ist / vnd die Adeliche dapffere Gemüther zu hohen vnd Heroischen Empresen anreitzet: Also wil auch ein jeder die Dapferkeit seines Gemühts / die Stärcke vnnd zierliche Beschaffenheit seines Leibs / vnnd die dexteritet vnnd Geschwindigkeit seiner Person damit beweisen. Sie erfordert allezeit eine freundliche Gleichheit / vnnd kann keinen Gewalt leyden. Sie will bekant vnnd gesehen sein: vnnd zeiget sich doch nicht vmb einer jeden liederlichen Vrsachen willen. Sie reibet sich nicht an verächtliche Personen /  vnnd thut nicht allzeit was sie kan / sonder lest sich zu rechter Zeit vnnd Ort sehen. Sie meidet die Trunckenheit: macht wenig wort /  trit mit sonderlicher Grauitet vnnd wackerem Aug herein / kleidet sich erbarlich / ist einer freundlichen vnnd Adelichen conuersation. Vnd dieses ist den Glimpff vnnd reputation belangend / sie gebührende Ehre betreffent / soll man wissen / daß die obseruation aller vorgemeldeter Stück / jhr zu sonderlichen Ehren gereichen. Ist also allein vberig daß ich die Pflicht zeige deren so die Wehre tragen / vnnd sich dieser Profession annehmen wöllen. Alda ich nichts will zu thun haben mit den verächtlichen Duellisten, welche wie sie diese Profession nicht recht verstehen, also jhr auch eine geringe Ehre anthun / vnnd haben es dahin gebracht / daß wie sie alle Tugend so bey dieser Adelichen Scientia erfordert / vnd  sich aller Ehre gleichsam begeben / ja alle Gottesfurcht hindan gesetzet / damit sie zu jhre bösen vnd verfluchten Ende mögen kommen: also dienet sie jhnen auch nirgend anders zu / als zu jrem zeitlichen vnd ewigen Verderben: Dieses aber günstiger Leser / ist die Pflicht deren so sich dazu bekennen wöllen / nemlich daß sie sich in vier Fällen deroselbigen gebrauchen

[Seite 6] chen. Erstlich zu beschützung des Glaubens: darnach des Vatterlands / zum dritten jhrer selbst / vnd endlich zu erhaltung der Ehren. Vnd soll sich keiner zu vnrecht gebrauche̅ lassen / sondern sich allein in vertheidigung einer rechte̅ Sachen wagen. Dann wer eine vnrechte Sache damit gedencket zu handhaben / der thut auch dieser Profession gewalt. So wirdt sich auch kein Biderman dahin bewegen lassen / daß er einer vnbillichen Sachen / auch ohne Gefahr beywohne: Aber in einer gerechten Sachen / sonderlich in vorgemeldten Fällen / wird er keine Gefahr schewen. Beneben dem so muß man auch eine Vrsach haben ehe man zu den Waffen greiffet: dann sich ohne Vrsach zu balgen vnd zu schlagen / gebühret nur den Narren vnd Trunckenbolden.

Man findet etliche / welche wann sie ein wenig in die Fechtschul gegucket / sich also bald an die Schwinge gürten / vnd vnderstehen sich allerhand Muthwillen zu vben mit auffhaltung / stumpfierung vnd verletzung deren so jhnen begegnen; vnnd lassen sich beduncken es sey jnen eine grosse Ehre: betriegen sich aber nur selbst / dann beneben dem dz sie dieser Adelichen Kunst gewalt thun / welche sich nicht ohne erhebliche Vrsach herfür thut / erzürnen sie Gott / vnd bringen nichts anders zu wegen / als daß sie sich beydes bey Gott / vnnd bey den Menschen verhast machen. Alhie wil ich abbrechen auff  daß ich den Leser nit vber maß auffhalte: allein will ich nachmahls die Adeliche Gemühter ermahnet haben / daß sie auff die vorgestellete lectiones vnsers Autoris gute achtung geben / deren nutzen sie ohne zweiffel werden befinden: vnd sich fürsehen daß sie der Kunst nicht mißbrauchen / sondern sich also dabey verhalten daß sie Ehre vnnd Rnhm damit erlangen.

Fechtschul

Portrait von Nicolett Giganti (zwischen dem Vorwort und dem Text "Fechtschul"), Bildquelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, Sig. H00/4 MTH-I 106[1/2

Anmerkungen:

(1) Sig. Xb 7532 (1), Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, [Digitalisat HAB]
Siehe dazu auch: Fechtgeschichte Das Fechtbuch des Nicolai Giganti in der deutschen Zetter-Ausgabe von 1644 von Jan Schäfer.
(2) Sig. H00/4 MTH-I 106[1/2, Fechtkunst 1 und Fechtkunst 2 zusammengebunden, vielen Dank an Tamara Lust von der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg für die zahlreichen Hinweise.